Spiel „Peer Review“

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Von Magnus Klaue
Aktualisiert am 10.09.2020
 - 14:43
Fotomontage aus dem Spiel von Cornelis Menke
Wen kümmert’s, wer spricht? Das Spiel „Peer Review“ soll akademische Nachwuchswissenschaftler wie etablierte Forscher dazu anregen, sich im Wissenschaftssystem zu beweisen. Dieser Ansatz ist symptomatisch.

Seit 2015 bietet die Junge Akademie an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften ein von dem Wissenschaftsphilosophen Cornelis Menke entwickeltes Spiel namens „Peer Review“ an. Es kann für einen Unkostenbeitrag von 16 Euro bezogen werden und soll „der Ausbildung wissenschaftlichen Nachwuchses, der Selbstreflexion etablierter Forscher“ sowie der Information „einer interessierten Öffentlichkeit“ über „die Funktionsweise des Wissenschaftssystems“ dienen.

Zu Beginn übernimmt der älteste Mitspieler den Chair, der jüngste berichtet ihm und den übrigen, die als Auditorium fungieren, auf Grundlage von aus einem Stapel gezogenen „Forschungskarten“ über sein (durch die Karte zugeteiltes) Arbeitsgebiet und seine Verdienste. Plenum und Vorsitzender urteilen anhand von „Desiderata“, die die wissenschaftlichen Standards definieren, über die Qualität der Präsentation. Jeder Spieler übernimmt einmal den Part des Referenten. Gewonnen hat am Ende derjenige, der die meisten Meriten erworben hat.

Dass eine wissenschaftliche Akademie ein Spiel wie „Peer Review“ herausbringt, ist symptomatisch für den Stand sogenannter Qualitätssicherung an Universitäten und Forschungsinstituten. Die Tatsache, dass die Sicherung der Qualität zur eigenen Sparte werden konnte, bezeugt eher die Unsicherheit der akademischen Institutionen als deren Stabilität: Permanent gesichert wird Qualität nur dort, wo sie permanent bedroht scheint. Angesichts eines sich in Einzeldisziplinen und spezialistische Forschungsvorhaben ausdifferenzierenden Betriebs ist das nicht von vornherein ein Krisensymptom.

Triftigkeit oder Untriftigkeit von Forschung

Dass Peer Reviews zuerst in den Naturwissenschaften üblich geworden sind, hat mit der Schwierigkeit der Evaluierung von Forschungsergebnissen in Disziplinen zu tun, die einerseits einen strikten Anspruch auf objektive Verifizierbarkeit ihrer Resultate haben, andererseits diese über ihr Fach hinaus (manchmal schon den eigenen Kollegen) mitunter nur schwer vermitteln können. Die institutionalisierte Überprüfung von Forschungsergebnissen füllt hier eine systembedingte Lücke in der wissenschaftlichen Kommunikation.

Dieses Verfahren zwecks Nachwuchsausbildung in einem Spiel einzuüben zeugt bereits von einem Bewusstsein darum, dass das Peer Reviewing seinerseits zu einer arbeitsteilig angenommenen Rolle geworden ist, zu einer Kompetenz, deren Qualität ebenso evaluiert werden muss wie die Qualität der Forschung, die im Peer Review beurteilt wird. Die Geistes- und Sozialwissenschaften, die deutende und urteilende Disziplinen sind und einem anderen Objektivitätsideal als die Naturwissenschaften folgen, stellt das vor besondere Probleme. Deshalb weisen Untersuchungen wie die des Statistikers John Ioannidis, der 2016 anhand des Peer Reviewing von Fachzeitschriften gezeigt hat, wie dieses Verfahren die Verbreitung von Forschungsergebnissen beeinflussen und die Implementierung theoretischer Vorannahmen der Peer Reviewer in den geprüften Text begünstigen kann, über die dort untersuchten Gegenstandsbereiche hinaus. Triftigkeit oder Untriftigkeit von Forschung erschließen sich in den Geistes- und Sozialwissenschaften durch Nachvollzug des Zusammenhangs von Gegenstand, theoretisch vermittelter Deutung und Urteil. Eine Bewertung setzt hier Prüfer voraus, die das Vorverständnis des jeweiligen Forschers weit genug, aber nicht zu weit teilen, um die Ergebnisse nachvollziehend beurteilen zu können.

Das bringt besonders für das Double-blind-Peer-Review, bei dem weder der Begutachtete noch die Gutachter erfahren, um welche Personen es sich jeweils handelt, systematische Schwierigkeiten mit sich. In den Naturwissenschaften entwickelt, soll dieses Verfahren sicherstellen, dass fachliche Konkurrenz, persönliche Aversionen oder auch Loyalitäten das Ergebnis der Beurteilung nicht beeinflussen. Für die Beurteilung philosophischer, kunstwissenschaftlicher oder geschichtswissenschaftlicher Texte kann aber die Kenntnis der vorliegenden Autorschaft wichtig, ja manchmal unerlässlich sein. Zwar ist die Abstraktion der Forschungsergebnisse vom Autor, durch dessen Subjektivität sie vermittelt sind, auch in den Naturwissenschaften weniger Realität als eine notwendige Unterstellung. Hier besaß die von Michel Foucault für seinen 1969 erschienenen Text „Was ist ein Autor?“ programmatisch beanspruchte Beckett-Sentenz „Wen kümmert’s, wer spricht?“ aber dennoch stets einen Gültigkeitsgrad, den sie in den Geisteswissenschaften nie hatte. In diesen ist der Anspruch auf Wahrheitserkenntnis konstituiert durch das denkende Subjekt, dessen Anteil am Erkenntnisprozess ihn nicht relativiert, sondern überhaupt erst begründet.

Ohne Kooperation geht nichts

Die Überlastung des Universitätsbetriebs durch Peer-Review-Verfahren ist vielfach kritisiert worden, zuletzt etwa durch Hochschulforscher wie Stefan Hornbostel. Auch die Gefahr manipulativer Einflussnahme wurde immer wieder beleuchtet. In welchem Maß Peer Reviews das in den Geisteswissenschaften und Sozialwissenschaften noch immer gültige Modell individueller Autorschaft als Urheberschaft aufweichen, gerät dabei aber selten in den Blick. Arbeitsteilige Kooperation zwischen Forschern war auch in diesen Disziplinen lange vor dem Aufkommen von Peer Reviews selbstverständlich.

Peer Reviews aber schalten in das Zustandekommen einer geistes- oder sozialwissenschaftlichen Arbeit eine Art unsichtbares, zunehmend als selbstverständlich hingenommenes Redigat ein – ein aus Kommentaren, Rückfragen und Ergänzungen bestehendes Feedback, das von den Autoren bei der Erstellung der Schlussfassung ihrer Arbeit zu berücksichtigen ist. Ergebnisse des Arbeitsprozesses, die sich zuvor aus wissenschaftlichem und freundschaftlichem Austausch, aus Selbstreflexion und Selbstbeobachtung, spontan und außerinstitutionell einstellten, werden im Peer Review an eine von den Autoren getrennte Instanz delegiert, deren Arbeit in den Text eingeht, aber als Arbeit unsichtbar bleibt und an der Autorschaft nichts ändert.

Insofern sind Peer Reviews ein neues Format für die Mitarbeit der Scientific Community an den von individuellen Forschern, die dieser angehören, verantworteten Ergebnissen. Legitimieren kann dieses Format sich dadurch, dass mit Recht niemand glaubt, irgendeine wissenschaftliche Arbeit in der Philosophie, der Germanistik und gar der Soziologie sei ohne Kooperation mit anderen entstanden. Weil sie aber dieser Kooperation die Form einer in die Arbeit einwandernden Evaluation geben, zeugen Peer Reviews eher von Dysfunktionalitäten der akademischen Öffentlichkeit als von deren Funktionstüchtigkeit. Nicht zufällig ähneln sie den bei Wikipedia etablierten Verfahren integrierter Selbstkontrolle und -korrektur, mit dem Unterschied, dass Wikipedia-Einträge nicht namentlich gezeichnet sind.

Der individuelle Anteil der Arbeit, der in Wikipedia eingeht, verschwindet in einer diffusen kollektiven Autorschaft, die ihrerseits die Anfälligkeit für Ungenauigkeiten und tendenziöse Manipulationen steigert, was die Notwendigkeit ständiger Selbstkontrolle bestärkt. Peer Reviews hingegen ändern urheberrechtlich nichts an der Autorschaft der begutachteten Texte. Die Einzelnen willigen mit der Teilnahme am Peer-Review-Verfahren ein, alle anempfohlenen und angenommenen Eingriffe in ihre Arbeit mit eigenem Namen zu verantworten. Individuelle Autorschaft wird so formell aufrechterhalten, aber de facto aufgeweicht. Nur vor dem Hintergrund dieses Widerspruchs lässt sich der Nutzen von Peer Reviews angemessen diskutieren.

Quelle: F.A.Z.
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