Wissenschaft und Politik

Die Weltveränderer, das sind die Viren, nicht die Virologen!

Von Joachim Müller-Jung
16.12.2020
, 12:37
Gelehrte Ratgeber für die Berliner Republik: Leopoldina-Präsident Gerald Haug, Vorsitzende des Ethikrates, Alena Buyx und Thomas Mertens, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission.
Wer hat das Kommando: das Virus, Politiker oder doch ein paar neunmalkluge Wissenschaftler? Anmerkungen zu antiquierten Machtphantasien in der Pandemie und kluge Worte aus coronafreien Zeiten.
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Wie zwei umeinander kreisende Planeten, die sich abgehackte Funksprüche im Kommandoton zumorsen, so illustrierte der amtierende Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier kurz vor Ausbruch der Pandemie das angespannte Verhältnis zwischen Wissenschaft und Politik. Astronomisch eher unplausibel trifft das Bild doch offensichtlich einen Nerv, der von der Klimadebatte, zu der diese Bemerkung gefallen war, bis zur Lockdown-Debatte reicht. Die Wissenschaft, heißt es nun, plustert sich immer mehr auf. Sie spreche im Befehlston. Energisch, aber ohne Evidenz. Und die Politik? Kuscht? Die Symmetrie der umeinander kreisenden Planeten jedenfalls soll spätestens in der Pandemie empfindlich gestört sein.

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Zum Ausdruck kommt das gequälte Lamento ganz gut auch in unverdaulichen Parolen wie jener von der „Virolokratie“, die eine Expertenherrschaft durch Virologen beschreiben soll, aber kommunikativ etwa so verständlich und wertvoll ist wie der Radschwanz des Pfaus – nämlich vor allem rätselhaft und aufschneiderisch. Vernünftig ist das kaum. Leider wird die menschliche Vernunft, wie Friedrich Dürrenmatt in seiner Abhandlung „Über Toleranz“ schon bemerkte, doch immer wieder mit dem gesunden Menschenverstand verwechselt, „von dem die Tiere so weitaus mehr besitzen“. In seiner Planeten-Rede zum siebzigjährigen Geburtstag unseres Grundgesetzes hat der Bundespräsident jedenfalls deutlich zu erkennen gegeben, dass wir die Vernunft immer noch auf beiden Seiten des Planetensystems vermuten dürfen. Die einen sind erkenntnis-, die anderen ihrem Wesen nach handlungsorientiert.

Warum also sollte die Wissenschaft einen Grund haben, das Heft des Handelns in die Hand und es der Politik abnehmen zu wollen. Aus Machthunger? Zur Weltveränderung? Die Meinungsblasen, in denen solche Thesen etwa über die Nationalakademie oder Virologen aufs spöttischste verarbeitet und ausgekostet werden, haben ihren Weg inzwischen in viele Köpfe geschafft. So ist auch die Lockdown-Empfehlung dem Zeitgeist schnell verdächtig geworden. Um solchen Zweifeln über das Wesen wissenschaftlicher Empfehlungen zu entkommen, kann man gerne auch bei Joachim Gauck nachlesen, dem Vorgänger Steinmeiers. Natürlich, sagte der Altbundespräsident, sei der Prozess der Beratung der Politik durch die Wissenschaft stets mehr als nur Wieder- und Weitergabe von Wissen: „Interpretieren und beraten – das heißt eben auch gewichten und bewerten“.

Und noch deutlicher, wieder bei Steinmeier: „Wenn Wissenschaft normativ urteilt, wenn sie notwendige Veränderungen erkennt, dann muss sie bereit und in der Lage sein, in Politik und Gesellschaft hineinzugehen und zu erklären, zu werben, zu vermitteln.“ Was er verlangt, im Weber’schen Sinne, ist, ehrlich und transparent zu sein. Mehr nicht? So viel Transparenz wie aktuell war in der Wissenschaftskommunikation jedenfalls noch nie.

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Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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