Herlinde Koelbl im Interview

„Sie hat nie die Show gemacht“

Von Sibylle Anderl
03.12.2021
, 13:09
Analytisches Denken und fehlende Eitelkeit: Angela Merkel wurde 1991 von Herlinde Koelbl zum ersten Mal fotografiert.
Herlinde Koelbl hat Politiker und Wissenschaftler porträtiert – ein Gespräch über die Eigenheiten beider Berufsgruppen und wie diese sich bei Angela Merkel zeigen.
ANZEIGE

Frau Koelbl, 30 Jahre ist es her, dass Sie Ihr Projekt „Spuren der Macht“ begonnen haben. Darin haben Sie insgesamt 15 Politiker, Vertreter der Wirtschaft und der Medien jedes Jahr fotografiert und interviewt. Die Gemeinsamkeit aller war, dass sie sich in wichtigen Machtpositionen befanden.

ANZEIGE

Ja, dass sie neu in ein hohes öffentliches Amt gekommen sind und dass sie Zu­kunftschancen hatten, das war die Basis.

Auffällig: Es war damals kein Wissenschaftler dabei, obwohl diese heute ebenfalls sehr stark in der Öffentlichkeit stehen. Wenn Sie Ihr Projekt noch einmal neu beginnen würden, hätten Sie heute auch Forscher berücksichtigt?

Ich glaube, ich würde die Auswahl ge­nauso treffen. Wissenschaftler gehören einer anderen Kategorie an, insbeson­dere auch hinsichtlich ihrer Persönlichkeitsstruktur. Momentan stehen zwar ei­nige tatsächlich stark in der Öffentlichkeit. Aber die Wissenschaftler als Personen sind dennoch eher verborgen.

Aber gilt das wirklich auch für Wissenschaftler wie etwa Christian Drosten? Ist er nicht ein Beispiel dafür, dass sich die Rolle von Wissenschaftlern stark verändert hat?

Die hat sich absolut verändert. Aber auch Christian Drosten steht vor allem als Wissenschaftler in der Öffentlichkeit. Es wird nicht nach seinem Privat­leben geforscht oder thematisiert, was er für eine Frisur hat oder welche Kleidung er trägt. Das ist normalerweise kein Thema bei einem Wissenschaftler, bei den Politikern dagegen schon. Da liegt ein großer Unterschied in der Art von Öffentlichkeit. Angela Merkel sagte einmal, sie rechne ständig damit, fotografiert zu werden. Ein Schweißfleck un­ter dem Arm etwa ist tagelang Thema in den Zeitungen. Als Politiker legen sie sich daher automatisch eine Maske zu, um einen gewissen Schutz zu haben, da­mit man Ihnen die Emotionen nicht so­fort im Gesicht ansehen kann. Sie überlegen, welche Kleidung sie tragen, damit nicht über ihren Ausschnitt diskutiert wird.

Psychologische Forschung mit Ka­mera und Notizblock: die Fotografin und Autorin Herlinde Koelbl
Psychologische Forschung mit Ka­mera und Notizblock: die Fotografin und Autorin Herlinde Koelbl Bild: © Johannes Rodach

Ist der Unterschied auch, dass Wissenschaftler mit Sachthemen in der Öffentlichkeit stehen, während Politiker eher für Meinungen und ihre persönlichen Einschätzungen eintreten?

Ja. Es gibt aber noch etwas Entscheidendes: Politiker wollen wiedergewählt wer­den, und sie tun sehr viel dafür. Sie müssen als Politiker die Öffentlichkeit lieben und fast exhibitionistisch veranlagt sein, weil sie in der öffentlichen Wahrnehmung immer präsent sein müssen. Die Wissenschaftler dagegen werden durch ihre Forschungsergebnisse bekannt. Dadurch sind die Wissenschaftler geschützter, weil nur diese Fak­ten eine Rolle spielen und nicht, ob sie auf Ibiza waren oder ein Segelboot besitzen. Wissenschaftler wissen, dass die Öffentlichkeit nur peripher ist, dass das Eigentliche, was sie tun, die Forschung ist. Das ist das, was sie gedanklich zutiefst beschäftigt und nicht ihre Außenwirkung. In ihrer Forschung be­sitzen sie einen Rückzugsort.

ANZEIGE

In Ihrem jüngsten großen Projekt haben Sie sich ausschließlich mit Wissenschaftlern beschäftigt und 60 renommierte Forscher weltweit fotografiert und interviewt. War es Zufall, dass Sie dieses Projekt genau zu einem Zeitpunkt realisiert haben, an dem die Wissenschaft so sehr in den Fokus des öf­fentlichen Interesses gerückt ist?

Ich habe das Projekt schon 2014, also vor der Pandemie, begonnen. Ich habe mehrere Jahre daran gearbeitet, zwei Jahre hochintensiv. Mein Ziel war, die Wissenschaftler und das, was sie tun und herausgefunden haben, in der Ge­sellschaft stärker sichtbar und verständlich zu machen, vielleicht auch junge Menschen zu inspirieren, ebenfalls so ei­nen Weg zu gehen. Mich hat es gereizt, hinter die Kulissen zu schauen. Ich wollte auch der Persönlichkeit der Wissenschaftler näherkommen. Was hat sie zum Wissenschaftler gemacht? Diese Le­­benswege finde ich immer spannend: Was bringt einen zu einem bestimmten Punkt und warum?

ANZEIGE

Sie haben gerade gesagt, dass Wissenschaftler als Person oft hinter ihrer Ar­beit zurücktreten. War es für Sie schwieriger, Wissenschaftler zu fotografieren als Politiker?

Es ist ein Unterschied. Es gibt viele Po­litiker, die die Kameras lieben. Wissenschaftler suchen die Kameras normalerweise nicht. Die sind ihnen egal. Sie kommen nicht ins öffentliche Bewusstsein durch ihr Bild, sondern durch ihre Arbeit. Ich hatte daher für mein Projekt eine spezielle Idee: Ich habe sie gebeten, sich eine Formel oder einen Spruch, der für ihre Forschung steht, auf die Hand zu schreiben. Dadurch hatte ich einen völlig anderen Zugang zu diesen Menschen. Keiner hat lange gebraucht, um eine Idee zum Hinschreiben zu ha­ben. So hatte ich ihre physische und ihre geistige Präsenz zu­sammen in einem Bild. Sie mussten ihre Hand dann nahe ans Gesicht halten. Wie sie das gemacht haben, blieb ihnen völ­lig überlassen. Und dadurch haben sie plötzlich zu spielen angefangen. Ich glaube, da habe ich etwas getroffen, was eine Ur­eigenschaft der Wissenschaftler ist: das Spielerische. Deshalb sind die Fotos so le­bendig. Ich hatte den Eindruck, sie ha­ben gern an dem Projekt teilgenommen und genossen, dass sie auch erzählen konnten, wie sie zur Wissenschaft ge­kommen sind, was sie befeuert, welche Eigenschaften sie als Wissenschaftler haben.

Die Meeresbiologin Antje Boetius, aus dem Buch: Herlinde Koelbl: „Faszination Wissenschaft“, Knesebeck Verlag, München 2020, 352 S., 35 Euro.
Die Meeresbiologin Antje Boetius, aus dem Buch: Herlinde Koelbl: „Faszination Wissenschaft“, Knesebeck Verlag, München 2020, 352 S., 35 Euro. Bild: Herlinde Koelbl/Knesebeck Verlag

In Ihrem Projekt „Spuren der Macht“ haben Sie als eine gemeinsame Eigenschaft von Politikern Eitelkeit genannt. Sind Wissenschaftler auch eitel?

Ja und nein. Der Politiker muss sich selbst immer als Person präsentieren. Der Wissenschaftler präsentiert seine Ergebnisse. Aber natürlich gibt es trotzdem auch in der Wissenschaft Eitelkeit: Wer publiziert als Erstes ein Forschungsergebnis? Es gibt einen harten Wettbewerb und auch Rivalität, ganz klar. Aber es gibt noch einen anderen Punkt, der mich in den Gesprächen erstaunt hat: Viele erfolgreiche Forscher haben einen langen und beschwerlichen Weg hinter sich. Wissenschaftler lassen sich nicht so schnell entmutigen, zu ihrem Beruf ge­hört eine extreme Beharrlichkeit, sie er­leben ganz viele Niederlagen. Viele Forscher haben beschrieben, dass sie so et­was dann aber nicht als Niederlage sehen, sondern als Erkenntnisgewinn. Wenn et­was nicht funktioniert, ist die Frage: Was sagt mir das? Wo bin ich falsch abgebogen? Wie kann ich einen anderen Weg finden? Aus Niederlagen einen Erkenntnisgewinn zu ziehen und dann weiterzugehen, das ist, glaube ich, eine Eigenschaft, die ich hauptsächlich bei Wissenschaftlern gesehen habe.

Und wie würden Politiker reagieren?

Die würden wahrscheinlich viel schneller umschwenken. Wissenschaftler sind viel besessener von dem, was sie tun. Es ist für sie eine echte Berufung.

Können Politiker nicht auch besessen sein von einer politischen Idee?

Theoretisch gibt es das natürlich. Aber nehmen Sie beispielsweise Joschka Fischer: vom Steinewerfer zum Außen­minister. Welche Wandlung er als Person hinter sich hat! Er hat sich als Mensch und in seinem Denken sehr verändert. So grundsätzlich verändern Wissenschaftler ihre geistige Haltung selten.

ANZEIGE

Interessant ist vor diesem Hintergrund das Beispiel Angela Merkel. Sie ist ja aus der Wissenschaft in die Politik ge­wechselt.

Herlinde Koelbl: „Angela Merkel“. Portraits 1991-2021, Taschen. Köln 2021. 248 S., Abb., geb., 50,– €.
Herlinde Koelbl: „Angela Merkel“. Portraits 1991-2021, Taschen. Köln 2021. 248 S., Abb., geb., 50,– €. Bild: Herlinde Koelbl.

Ich würde sagen, wenn ich einen Unterschied zwischen beiden Gruppen definieren würde, dann sieht man ihn immer noch an der Politikerin Angela Merkel. Sie hatte in der ganzen Zeit nie die Eitelkeit von vielen anderen Politikern. Und sie hatte immer einen analytischen Blick, den hatte sie schon als Wissenschaftlerin, und sie hatte ihn auch in der Politik. Sie hat sich nie von Emotionen hinreißen lassen, sondern analysiert: Was ist das Problem? Wie kann man das lösen? Sie hat zwar immer gesagt, dass kritisiert würde, sie habe zu wenig Emotionen. Aber ich glaube, in vielen Situationen war es sehr gut, dass sie analytisch ge­handelt hat und ihr Ego im Griff hatte. Da sah man immer wieder die Wissenschaftlerin durchblitzen. Sie hat nie die Show gemacht — auch das ist ein Zug von Wissenschaftlern.

Wären Wissenschaftler also die besseren Politiker?

Nein, so kann man das nicht sagen.

Aber Politiker könnten sich zumindest ein paar Eigenschaften abschauen?

Das würde ich befürworten (lacht).

Ein letztes Thema, das ich gern ansprechen würde, ist das schwindende Vertrauen in die Eliten, politische wie auch wissenschaftliche, das derzeit immer wieder diagnostiziert wird. Was kann man dagegen tun?

Erst einmal wenig. Dass das Vertrauen abnimmt, liegt daran, dass die Menschen sehen, dass viele einen moralischen Maßstab verloren haben. Dass sich manche Personen Dinge herausnehmen und auf Kosten der Gemeinschaft handeln, wie beispielsweise während der Pandemie mit den Maskengeschäften, bei denen Politiker Millionenprovisionen kassiert haben, während ein normaler Mensch Geld für diese Masken zahlen musste. Dieser Verlust moralischer Integrität lässt das Vertrauen schwinden. Menschen in Führungspositionen müssen sich wieder mehr in ihrer Verantwortung für die Gesellschaft sehen, statt Eigeninteressen zu folgen.

Aber betrifft das auch die Wissenschaft?

Herlinde Koelbl: „Faszination Wissenschaft“. 60 Begegnungen mit wegweisenden Forschern unserer Zeit, Knesebeck. München 2020. 352 S., Abb., geb., 35,– €.
Herlinde Koelbl: „Faszination Wissenschaft“. 60 Begegnungen mit wegweisenden Forschern unserer Zeit, Knesebeck. München 2020. 352 S., Abb., geb., 35,– €. Bild: Herlinde Koelbl/Knesebeck Verlag

Ich denke, die Skepsis gegenüber der Wissenschaft ist nur temporär, weil es jetzt gerade das große Thema ist, beispielsweise die Frage „impfen oder nicht impfen“. Wenn die Pandemie wieder vor­bei ist, was leider noch ein bisschen dauern wird, wird das wieder in normale Bahnen zurückkehren.

ANZEIGE

Aber auch vor der Pandemie gab es verbreitete Ängste vor bestimmten wissenschaftlichen Entwicklungen, vor Gentechnologie etwa.

Das stimmt. Und zwar deshalb, weil das Fragen sind, von denen jeder Einzelne betroffen ist. Und Entwicklungen wie Gentechnik sind natürlich auch eine zweischneidige Sache. Aber problematisch wird es vor allem deshalb, weil dort auch wirtschaftliche Interessen hi­neinspielen. Diese Interessen haben meistens nicht die einzelnen Forscher, sondern es sind die dahinterstehenden Institutionen. Bahnbrechende Forschung ist ja verbunden mit einem enormen Potential für finanzielle Ge­winne. Und daher sind diese Technologien Themen, die gesellschaftlich diskutiert werden müssen.

Das führt zu dem Punkt, dass Wissenschaftler auch eine Verantwortung zur Kommunikation besitzen, um ihre Forschung und deren Konsequenzen der Öffentlichkeit zu erklären.

Ja das stimmt. Eine der Wissenschaftlerinnen in meinem Buch sagte etwa: Wir müssen sehr früh die Gesellschaft über unsere Forschung informieren, sie aufschlüsseln und aufzeigen, für was sie verwendet werden kann. Und zwar beide Seiten, die positiven und die negativen, was damit passieren kann. Viele der Wissenschaftler sehen durchaus, was an dieser Stelle ihre Verantwortung ist. Dass sie die Gesellschaft informieren sollten, sodass sie früh mit im Boot ist und entsprechend reagieren kann, dass also eine Diskussion entsteht.

Die Rolle der Wissenschaft in der Ge­sellschaft wird sich also weiter än­dern?

Die Rolle der Wissenschaft in der Öf­fentlichkeit wird nie mehr ganz so zu­rückgefahren werden, wie es vor der Pan­­demie war. Denn Politiker und Bürger haben inzwischen erkannt, wie tragend und entscheidend Wissenschaft für die Zukunft ist und was durch sie alles möglich ist. Daher wird es nie mehr ganz so sein, wie es vorher war.

Quelle: F.A.Z.
Autorenbild/ Sybille Anderl
Sibylle Anderl
Redakteurin im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
Twitter
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE