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Als die Leser selbst zu Autoren wurden

Von Johannes Franzen
Aktualisiert am 29.09.2020
 - 15:52
Die Gartenlaube war emanzipatorischer als ihr Ruf. Die Leserbindung taugt als Vorbild für den kriselnden Journalismus von heute.
Das Rezept der „Gartenlaube“: Von der Erfolgszeitschrift der Reichsgründungszeit könnten heutige Medien lernen, dass man Leser beteiligen muss und sich Unterhaltung zu Lasten des Bildungsauftrags nicht unbedingt lohnt.

Der Titel der „Gartenlaube“ ist emblematisch geblieben. Die erfolgreichste deutschsprachige Zeitschrift des neunzehnten Jahrhunderts steht für eine Publizistik, die nach der gescheiterten Revolution von 1848 zur Verbreitung einer behaglichen Bürgerlichkeit beitrug. Das Programm dieser Familienblätter hat der Medienhistoriker Werner Faulstich als „Entspannung um jeden Preis“ beschrieben: „nichts Anstößiges, Emanzipierendes, Forderndes, vielmehr Plüsch“.

Die „Gartenlaube“ war allerdings, wie Claudia Stockinger in ihrem 2018 erschienenen Buch „An den Ursprüngen populärer Serialität“ zeigt, in ihrer Hochphase alles andere als ein Medium des gemütlichen Stillstandes, zumindest, was die mediengeschichtliche Innovationskraft angeht. Vielleicht nicht revolutionär, aber selbstbewusst kritisch verkörperte die 1853 in Leipzig gegründete Zeitschrift, die in den sechziger Jahren in Preußen kurzzeitig verboten war, den Partizipationswillen einer großen Öffentlichkeit. Die politische Emanzipation breiter Bevölkerungsschichten ging einher mit dem Bedürfnis nach öffentlichem Austausch, nach einer Möglichkeit, die wichtigen Wissensbestände der eigenen Zeit zu sichten und zu reflektieren sowie Ansichten, Hoffnungen und Ängste zu artikulieren.

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Quelle: F.A.Z.
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