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Konfliktbewältigung

Die Crux der unperfekten Entscheidung

Von Gerald Wagner
Aktualisiert am 26.11.2019
 - 11:54
Im Transplantationszentrum am Universitätsklinikum Leipzig wird eine von einem gesunden Spender vor wenigen Minuten entnommene Niere beim Empfänger transplantiert.
Manche Diskurse führen zu nichts. Dann überlässt man die Angelegenheit besser einer Organisation, wie die aktuelle Debatte in der Organtransplantation zeigt.

Gibt es eine ethische Pflicht, nach dem Tod seine Organe anderen zur Verfügung zu stellen? Hat ein Kind ein größeres Recht auf ein Spenderorgan als ein Erwachsener, der sein Leben schon hatte? Und sollte jemand, der etwa durch Alkoholmissbrauch seine Leber bewusst geschädigt hat, seinen Anspruch auf ein Spenderorgan gleich ganz verlieren?

Die Fragen der Transplantationsmedizin werden von zwei Problemen geprägt: Erstens gibt es grundsätzlich zu wenig Spenderorgane, auf die in der modernen Gesellschaft übliche Strategie zur Lösung von Verteilungskonflikten – man steigert einfach die Produktion des knappen Gutes – kann hier also nicht zurückgegriffen werden. Und zweitens wird es wohl nie einen gesellschaftlichen Konsens darüber geben, nach welchen Kriterien die knappen Organe verteilt werden sollen. Dazu sind die unterschiedlichen Perspektiven auf diesen unlösbaren Konflikt – rechtliche, wissenschaftliche, ethische, philosophische, wirtschaftliche – zu verschieden, zu inkompatibel. Und trotzdem muss man zu Entscheidungen kommen, müssen Organe verteilt werden, muss in Kauf genommen werden, dass die Transplantationsmedizin nicht jeden retten kann. Wie lässt sich dieser Konflikt lösen?

Mehr Konsens als nur ewiger Dissens?

Gar nicht. Er ist nicht lösbar, auch nicht moralisch. Man kann ihn nur mehr oder weniger gut organisieren. Wie man das besser machen könnte, haben jetzt Armin Nassehi, Irmhild Saake und Niklas Barth empirisch untersucht. Empirisch heißt hier: Sie haben Diskussionsprotokolle von Sitzungen des Deutschen Ethikrates aus den Jahren 2010 bis 2013 zu dieser Thematik analysiert. Hier trafen sich Ärzte, Juristen, Philosophen und Vertreter von Patienten, um in diesen Gesprächen die jeweils eigene Perspektive im Konflikt über die Frage darzustellen, aus welchen Gründen jemand ein Organ erhalten soll.

Da spricht etwa die Vorsitzende des Vereins „Lebertransplantierte Deutschland“ für die Betroffenen und drängt darauf, das tatsächliche Leiden eines konkreten Patienten zum Kriterium zu machen. Ein Mediziner hält dagegen und favorisiert die Erfolgsaussicht der Transplantation als Kriterium der Verteilung, muss dabei aber einräumen, dass diese Wahl mit dem ebenso wichtigen Kriterium der Dringlichkeit in Konflikt liegt. Ein Staatsrechtler dagegen argumentiert ganz anders: Er verlangt vor allem eine verfassungsrechtliche Korrektheit der Vergaberegeln und fragt darum, ob die Bundesärztekammer überhaupt befugt ist, diese Regeln festzulegen. Denn, so der Jurist, es geht bei der Frage der gerechten Verteilung der Organe doch wohl um mehr als nur medizinische Fachfrage. Und schließlich ein Philosoph, der sich einer eindeutigen Positionierung verschließt und die allgemeine Verunsicherung lieber noch vergrößert.

Aber wie soll man sich denn nun entscheiden? Muss man ja nicht, jedenfalls nicht als Ethikrat. Hier geht es nicht um Lösungen, sondern um das maximale Herausarbeiten der Perspektivendifferenzen, um ein Nebeneinander von Sachlogiken, und nicht um eine „dialogische Verknappung guter Gründe“, wie die Autoren schreiben. Als Laie stellt man da unwillkürlich die Frage: Aber wozu dann das Ganze? Dass man sich nicht einig ist, kann man doch schon vorher wissen. Brauchen wir in dieser Debatte nicht eher weniger als mehr Komplexität, mehr Konsens als ewigen Dissens?

Immer noch besser als keine Entscheidung

Es ist aber nicht die Aufgabe von Gremien wie dem Ethikrat, Konsens herzustellen oder gar verbindliche politische Entscheidungen zu erzwingen. Nassehi, Saake und Barth sehen darin gerade eine Stärke dieses insofern schwachen Gremiums einer „institutionalisierten ethischen Dauerreflexion“. Das Gegenteil wäre eine Art Basta-Lösung: Ab jetzt gelten nur noch die medizinischen Kriterien. Oder die moralischen, oder die wirtschaftlichen. Dass das auch keine einvernehmliche Lösung wäre, liegt auf der Hand. Die Autoren bringen die Wirklichkeit der Organtransplantation darum auf das Bild der „bürokratischen Verflüssigung von Perspektivendifferenzen“ und rühmen sie dafür, dass sie diesen Differenzen ihre Dramatik nimmt. Verteilt werden müssen die Organe schließlich, auch wenn man keinen endgültigen Konsens darüber erreichen wird, wie sie zu verteilen sind. Die Antwort darauf heißt: Organisationen. Sie sind die soziale Form, die durch Verzeitlichung, Verfahren und Kontrolle ein Maximum an Perspektivendifferenzen aushaltbar macht – und dann doch am Ende Entscheidungen hinkriegt. Unperfekte natürlich, strittige, angreifbare. Aber immerhin Entscheidungen.

Leider handelt es sich dabei um Entscheidungen, die nicht revidierbar sind. Das verleiht den Dramen der Organtransplantation eine besondere Qualität in einer Gesellschaft, die eher vom Versuch geprägt ist, alles Endgültige, Ausweglose und Alternativlose zu vermeiden. Was sich nicht konsensuell lösen lässt, wird eben aufgeschoben. Die Transplantationsmedizin hat diesen Luxus nicht, gerade das macht die Beobachtung ihrer Konfliktbewältigung soziologisch besonders ergiebig.

A. Nassehi, I. Saake, N. Barth: Die Stärke schwacher Verfahren. Zur verfahrensförmigen Entdramatisierung von Perspektivendifferenzen im Kontext der Organspende, in: Zeitschrift für Soziologie 3, 2019.

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Quelle: F.A.S.
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