Neue Deutsche Biographie

Heimat, deine Stars

Von Martin Otto
03.05.2022
, 20:18
Theodor Heuss erhielt seinen Beitrag in der Neuen Deutschen Biographie 1972 in Band 9. Wird in der Neubearbeitung der Lebensretter Franz Brandl berücksichtigt werden, der erste Empfänger des Bundesverdienstkreuzes?
Die Nationalbiographik will inklusiv und populär werden. Nur mit der Wikipedia tut sie sich noch schwer, wie eine Tagung zeigte.
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Im kommenden Jahr soll die Neue Deutsche Biographie (NDB) mit Band 28 ihren Abschluss finden. Ihre Vorgängerin, die Allgemeine Deutsche Biographie, war von 1875 bis 1899 auf 44 Bände und bis 1910 auf zehn Ergänzungsbände gekommen. Solche soll es bei der NDB nicht mehr geben, doch Ergänzungsbedarf besteht; Abhilfe soll NDB-Online schaffen. Aus diesem Grund lud der hier federführende Würzburger Historiker Peter Hoeres als Mitglied der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften die biographischen Forscher aus dem deutschsprachigen Raum zu einer digitalen Konferenz ein.

Der erste Band der NDB war 1953 mit tatkräftiger Unterstützung des Bundespräsidenten Theodor Heuss erschienen. Da, wie in Nationalbiographien üblich, nur Verstorbene aufgeführt werden, fehlen 69 Jahre später, mit den einprägsamen Beispielen von Hoeres, nicht nur Adenauer, Adorno und Brandt. Einige Artikel von NDB-Online liegen bereits vor, darunter ein von Hoeres verfasster über den 2014 verstorbenen Herausgeber der F.A.Z. Frank Schirrmacher, der auch als Förderer „journalistischer Talente“ wie Edo Reents gewürdigt wird.

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Den gefürchteten Hitler-Artikel übernahm Joachim Fest

Neu sind im digitalen Format Abbildungen, nach dem Vorbild des Oxford Dictionary of National Biography. Auch bislang unterrepräsentierte Personengruppen sollen in NDB-Online berücksichtigt werden, Hoeres nannte Frauen, Sportler und Vertreter der Populärkultur, außerdem „Personen der zweiten Reihe“. In der NDB finden sich nicht nur der Niederländer Rembrandt und der aus Siegen gebürtige Flame Rubens, die damals als Deutsche galten, sondern auch überproportional viele Militärs. In der auch von der deutschen Wirtschaft geförderten NDB sind viele Unternehmer vertreten, die lange als politisch unbelastet galten; Nationalsozialisten sollten zunächst nicht aufgenommen werden, was sich als undurchführbar erwies. Den gefürchteten Artikel „Hitler“ verfasste dann 1972 Joachim Fest.

Von inhaltlich problematischen NDB-Inhalten berichtete Thomas Vordermayer (München). Über den NS-belasteten Alttestamentler Gerhard Kittel verfasste dessen Tübinger Lehrstuhlnachfolger Otto Michel einen 1977 publizierten Artikel, in dem ohne Distanz vom „Weltjudentum“ die Rede ist. Der Artikel, ein extremer Einzelfall, wird als historisches Dokument mit einer Erklärung auch in NDB-Online zu finden sein, doch schreibt der Marburger Theologe Lukas Bormann eine Neubearbeitung.

Achtundvierziger sind wichtige Figuren der deutschen wie der Schweizer Nationalbiographien. In der von Carl Barks verfassten und gezeichneten Comic-Geschichte „In Old California“ reisen die Ducks ins Jahr 1848 und an den Ort, von dem der damalige Goldrausch seinen Ausgang nahm, Sutter’s Fort, benannt nach Johann August Sutter.
Achtundvierziger sind wichtige Figuren der deutschen wie der Schweizer Nationalbiographien. In der von Carl Barks verfassten und gezeichneten Comic-Geschichte „In Old California“ reisen die Ducks ins Jahr 1848 und an den Ort, von dem der damalige Goldrausch seinen Ausgang nahm, Sutter’s Fort, benannt nach Johann August Sutter. Bild: The Walt Disney Company

Von anderen Erfahrungen im Schwesterprojekt Historisches Lexikon der Schweiz berichtete Philipp von Cranach (Bern) anhand des Artikels über Johann August (John) Sutter, an dessen Mühle am Sacramento River in der Privatkolonie Neu-Helvetien der kalifornische Goldrausch von 1848 begann. Seit der „Black Lives Matter“-Bewegung gilt Sutter als Sklavenhalter und rücksichtsloser Ausbeuter der indigenen Bevölkerung; in der Onlineausgabe konnte ergänzend der Sturz des Sutter-Denkmals in Sacramento berücksichtigt werden. Auch in der 1951 publizierten Donald-Duck-Geschichte „Im alten Kalifornien“ von Carl Barks, die Indianer relativ klischeefern zeichnet, kommt „Sutter’s Fort“ vor. Bei dem für das heroische Sutter-Bild bemühten Stefan Zweig ist dieser am Ende allerdings ein verarmter „Popanz“ in lächerlicher Uniform.

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Auch einige Werkzeuge biographischer Arbeit sind heute fraglich geworden. Sabine Hock vom Frankfurter biographischen Lexikon erwähnte Kritik an genealogischen Zeichen wie Kreuzen für Sterbe- und Sternen für Geburtsdaten. Auch eine Teilnehmerin sah hier eine veraltete „christlich-mitteleuropäische“ Sicht. Nicht erst im Nationalsozialismus war der Versuch unternommen worden, diese Zeichen durch Runen zu ersetzen. Christine Gruber (Wien) vom Österreichischen Biographischen Lexikon stellte auch aus Datenschutzgründen genealogische Konfessionsangaben infrage; Hoeres verwies in seiner Gegenrede darauf, dass sich so Säkularisierung oder religiöse Renaissance nachweisen lasse. Einige Vorträge gebrauchten ein sehr technisches, zumeist englisches Vokabular, allerdings mit erkennbar süddeutscher Sprachfärbung; die Nationalbiographie des neunzehnten Jahrhunderts war hier denkbar weit entfernt.

Mit dem digitalen Format hatten alle Teilnehmer keine Probleme, doch die Onlineenzyklopädie Wikipedia, die an vielen Stellen systematisch auf die Nationalbiographien verweist, hielten die meisten naserümpfend für nicht zitierfähig. Souveräne Ausnahme war Christian Sonderegger (Bern), Direktor des Historischen Lexikons der Schweiz; wie er berichtete, sprechen er und seine Kollegen einschlägige Wikipedia-Autoren an und treffen Ab­sprachen: „Jeder Beitrag zur Biographie ist uns willkommen.“ Mit seiner zeitlosen Hornbrille erinnerte der technikaffine Schweizer an den nur noch seinen älteren Landsleuten bekannten Bundesrat Leon Schlumpf, er dürfte aber auch in einem jüngeren akademischen Publikum kaum auffallen. Viele Teilnehmer hatten wohl erstmals erfahren, dass mit der namhaften digitalen Enzyklopädie überhaupt kommuniziert werden kann.

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Quelle: F.A.Z
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