FAZ plus ArtikelDie Trump-Psychologie

Verlieren muss gelernt sein

Von Andreas Frey
Aktualisiert am 15.11.2020
 - 10:00
So sehen schlechte Verlierer aus: Obwohl er deutllch hinter Joe Biden lag, verkündete Donald Trump am Donnerstag nach dem Wahltag siegessicher, dass er die Präsidentenwahl klar gewonnen hat. zur Bildergalerie
Alle Menschen wollen gewinnen. Wie man trotzdem mit Niederlagen umgeht, lernt man in der Kindheit. Oder man verhält sich wie Donald Trump.

Wahrscheinlich ist es eine der größten Leistungen von Donald Trump, dass er jene Politiker, die man vor ein paar Jahren noch als plump und einfältig abgestempelt hätte, ein bisschen größer gemacht hat. George W. Bush zum Beispiel, der 43. Präsident, legt an Format zu, je länger No. 45 im Amt ist; George Bush senior strahlt plötzlich Wärme aus, und sogar der mittlerweile verstorbene Präsidentschaftskandidat John McCain gewinnt an Ansehen, und das nicht erst, seit seine berühmte Rede aus dem Jahr 2008 die sozialen Medien flutet. McCain, der unterlegene Kandidat der Republikaner und Senator aus Arizona, stellte sich damals vor seine Anhänger, gestand seine Niederlage ein, gratulierte dem „good man“ Obama und rief das Land zur Einheit und Geschlossenheit auf, lautstark unterbrochen von Buhrufen.

„Concession speech“ nennt man in Amerika eine Rede, um eine Wahlniederlage einzugestehen. Eine solche öffentliche Rede ist eine uralte Tradition und stilvolle Geste, der Schwanengesang einer gescheiterten Kampagne. 32 öffentliche Eingeständnisse sind überliefert, das erste stammt aus dem Jahr 1896, übermittelt von William Jennings Bryan per Telegramm. Die „concession speech“ macht einen unterlegenen Kandidaten zu einem fairen und anständigen Verlierer, der Verantwortung übernimmt und dem Land nach Monaten der Polarisierung einen Neuanfang ermöglicht.

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Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Frey, Andreas
Andreas Frey
Freier Autor in der Wissenschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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