Wissenschaftler deuten Corona

Diese Fledermaus kam nicht aus der Hölle

Von Thomas Thiel
Aktualisiert am 14.08.2020
 - 10:58
Ein Virus, der nicht nur Mediziner beschäftigt: Corona-Forschung im Testlabor
Der Wissenschaft hat Corona einen Legitimitätsschub gebracht. Aber welche Folgen wird die Krise im Ganzen haben? Das ZiF Bielefeld sammelt die Deutungen von Wissenschaftlern.

Es gibt Länder, die Hoffnung machen.Vietnam beispielsweise wurde von Corona kaum getroffen. Die nationale Statistik verzeichnet nur wenige Ansteckungen und überhaupt keine Toten. Der Lockdown wurde unmittelbar nach Bekanntwerden der Epidemie verhängt, zwei Monate früher als in Deutschland. Und die vietnamesische Testquote stellt europäische Länder in den Schatten.

Auch die dichtbevölkerte indische Provinz Kerala kam bislang gut durch die Katastrophe. Sie profitierte von den Erfahrungen aus einer früheren Epidemie und verhängte rasch wirksame Maßnahmen. Selbstverständlich bleiben beide Regionen von den wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Pandemie nicht verschont. Aber es zeigt sich, dass Erfahrung und zupackendes Handeln dem Virus viel von seiner Zerstörungskraft nehmen.

Holistische Krisendeutungen

In der Wissenschaft haben nicht nur die Mediziner schnell auf den Ausbruch der Seuche reagiert. Auch die Geistes- und Sozialwissenschaften haben eine Fülle von Deutungen vorgelegt. Das Zentrum für interdisziplinäre Forschung in Bielefeld hat eine Blogreihe ins Leben gerufen (www.zif.hypotheses.org), die Einschätzungen internationaler Wissenschaftler von der Chemie bis zur Wirtschaftswissenschaft versammelt. Illustriert wird die vielstimmige Serie mit Comics des Künstlers Oliver Grajewski.

Es versteht sich von selbst, dass die Aufsätze, die teils von arrivierten, teils von jüngeren Wissenschaftlern stammen, provisorischen Charakter haben, solange unklar ist, ob das Virus eine Dauerbelastung sein wird. Ob es über das Gesundheitswesen hinaus eine umfassende Zäsur bedeutet, hängt schließlich ganz davon ab, ob es Medizinern gelingt, einen Impfstoff zu finden. Entsprechend weit gesteckt sind die Deutungen. Manche wünschen sich Corona als Wende zu einer gerechteren Welt und einem harmonischen Umgang mit der Natur. Der brasilianische Philosoph Renato Ribeiro erinnert an die chilenischen Demonstranten, die sich den Slogan „Kehren wir nicht zur Wirklichkeit zurück, denn die Wirklichkeit war das Problem!“ auf die Plakate schrieben.

Auffällig ist die Tendenz zu einer holistischen Krisendeutung. Es hat sich eingebürgert, von einer Welt vor und nach Corona zu reden, als sei der Virus nicht nur eine medizinisch behandelbare Krankheit, sondern Symptom einer Zeitenwende. Nun sind die gravierenden Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft nicht zu bestreiten. Warum Corona aber beispielsweise eine Anleitung für den Umbau des Finanzsystems oder den Impuls für einen spirituellen Aufschwung geben sollte, wird selten erklärt.

Differenz und Gemeinschaft

Andere Aufsätze bemühen sich um Grenzziehung. Die israelische Soziologin Eva Illouz korrigiert die verbreitete Sicht, es handele sich bei dem mutmaßlich von einer Fledermaus übertragenen Virus um eine Naturkatastrophe, denn erst der menschengemachte Übertragungsweg habe es zur weltweiten Plage gemacht. Der brasilianische Physiker José Gracia Bondia, von dem auch die eingangs erwähnten Länderbeispiele stammen, erklärt, warum warnende Stimmen vor dem Ausbruch der Pandemie überhört wurden: Politik beschäftigt sich nur eingeschränkt mit zukünftigen Risiken, weil sich dafür schwer Konsens aufbringen lässt. Der Wirtschaftswissenschaftler Stoyan Sgourev warnt vor blindem Vertrauen in die Notenpresse bei der Bewältigung ökonomischer Krisenfolgen und erinnert, wozu sich offenbar kein Kulturwissenschaftler bereit fand, an den Wert von Kunst und Kultur in schweren Zeiten.

In einzelnen Sektoren wie dem Gesundheitswesen oder der Ernährungsindustrie wird das Virus je nach Land einen kleinen oder größeren Wandel einleiten. Auch manche Lieferkette wird umdisponiert werden. Vom Ende der Globalisierung ist aber nicht zu sprechen, solange deren Leitmedium, das Internet, weiter im Aufwind ist. Eher geht es um Korrekturen. Das betrifft auch ein wissenschaftliches Denken, das sich im Zug der Globalisierung ganz auf Differenz, Dynamik und Entgrenzung verlegt hat. Wie die Systemtheoretikerin Elena Esposito schreibt, wird in Zukunft wieder mehr darüber nachzudenken sein, wie funktional differenzierte Gesellschaften integriert werden können, und zwar nicht nur auf funktionaler, sondern auch auf emotionaler Ebene. Nach einer langen Hochphase des Differenzdenkens sucht offenbar auch die Systemtheorie wieder nach Gemeinsamkeiten.

Legitimitätsschub für die Wissenschaft

Eine davon hat das Virus klar gezeigt: die geteilte Angst vor dem Tod, die auch in den westlichen individualistischen Gesellschaften ein überraschendes Maß an Disziplin hervorbrachte. Die praktische Krisenbewältigung war strukturell konservativ, wie der Systemtheoretiker Rudolf Stichweh ausführt. Ihr Leitsatz „Jedes Leben zählt“ knüpft an die kantianisch-kontinentale Tradition an, nach der man Menschenleben nicht gegeneinander abwägen kann. Das angloamerikanische Prinzip des größten Glücks der größten Zahl konnte sich nicht durchsetzen, wie der gescheiterte britische Versuch zur Herdenimmunität zeigte.

Der Wissenschaft selbst hat die Krise einen Legitimitätsschub gebracht. Populisten und Faktenzweifler wurden entzaubert und wissenschaftliche Prinzipien wie der provisorische Charakter von Erkenntnis zumindest vorübergehend der Allgemeinbildung hinzugefügt. Darauf weist die Wissenschaftshistorikerin Lorraine Daston hin, die realistisch genug ist, um das für ein vorübergehendes Phänomen zu halten. Trotzdem hat sie die leise Hoffnung, dass Corona auch eine erzieherische Wirkung gehabt haben wird.

Quelle: F.A.Z.
Thomas Thiel  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Thomas Thiel
Redakteur im Feuilleton.
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