Digitaler Ratgeber

Mit Wikipedia durch die Corona-Kontroversen

Von Thomas Grundmann
Aktualisiert am 09.10.2020
 - 15:03
Jens Spahn (rechts), Bundesminister für Gesundheit, und Lothar Wieler (links), Leiter des deutschen Robert-Koch-Instituts (RKI), auf dem Weg zu einer Pressekonferenz zur Corona-Lage in Deutschland.
Die Flut an Expertenmeinungen, die noch dazu krass abweichen können, überfordert viele. Wem soll man glauben, wenn die Wissenschaft vielstimmig auftritt? Eine Checkliste für Laien. Ein Gastbeitrag.

Das neuartige Coronavirus bedroht unser Leben in einem bislang kaum gekannten Ausmaß. Aber es stellt unsere Gesellschaft zugleich auch vor ein massives Erkenntnisproblem. Seit dem ersten registrierten Auftreten menschlicher Infektionen im Dezember 2019 hat die Wissenschaft vieles über dieses Virus und seine Auswirkungen auf den Menschen dazugelernt. Aber über wichtige Fragen gibt es nach wie vor keinen wissenschaftlichen Konsens: Wie hoch ist die tatsächliche Infektionssterblichkeit? Wie genau wird sich die Pandemie weiterentwickeln? Wie wirksam sind bestimmte Schutzmaßnahmen? Wenn man fragt, was die Wissenschaft zu diesen Fragen sagt, wird man gegenwärtig keine eindeutige Auskunft bekommen.

Christian Drosten sieht Deutschland im Herbst 2020 am Anfang einer potentiell gefährlichen Entwicklung. Hendrik Streeck schätzt dagegen die gegenwärtige Situation als eher entspannt ein. Sucharit Bhakdi schließlich hält die Corona-Epidemie für nicht gefährlicher als eine saisonale Grippe und die Todeszahlen primär für ein Konstrukt unserer Zählweise. Für Naturwissenschaftler sind Kontroversen über neuartige Phänomene weder ungewöhnlich noch bedrohlich. Angesichts der immer noch lückenhaften Datenbasis versuchen sie, im Wettbewerb um die besten Ideen der Wahrheit Schritt für Schritt näher zu kommen. Damit kann die Wissenschaft gut leben. Ganz anders Gesellschaft und Politik. Beide sind dringend auf eindeutige (wenn auch nicht sichere) Urteile über die relevanten Fakten angewiesen. Nur so können wichtige individuelle und politische Entscheidungen schnell getroffen werden.

Lässt sich die Diskrepanz zwischen der Vielheit der Stimmen aus der Wissenschaft und den eindeutigen, gesellschaftlich erhofften Antworten beheben? Öffentlichkeit und Politik könnten versucht sein, diejenigen Antworten auszuwählen, die ihnen am plausibelsten erscheinen. Doch das würde auf eine unverantwortliche Selbstüberschätzung hinauslaufen. Warum sollte jemand, der selbst kein Experte für Virologie, Epidemiologie oder Immunologie ist, beurteilen können, welche Expertenmeinung wahr ist?

Wikipedia ist ein guter Kompromiss

Es gibt für den Laien jedoch eine andere Möglichkeit, die maßgebliche unter den vielen Stimmen der Wissenschaft zu identifizieren. Zunächst sollte er nur diejenigen Personen unter den selbsterklärten Experten berücksichtigen, die wirklich einschlägig für das fragliche Thema sind. Ein einschlägiger Experte hat die nötige Spezialisierung, ist ein echter Wissenschaftler und forscht aktiv. Doch selbst einschlägige Expertinnen sollten nicht berücksichtigt werden, wenn sie inkompetent urteilen, weil ihr Urteil interessenabhängig ist oder weil sie einfach handwerkliche Fehler machen. Schließlich sollte der Laie prüfen, ob es unter den verbleibenden Personen eine sich abzeichnende Mehrheitsmeinung gibt. Wissenschaftliche Expertinnen erfüllen beide Bedingungen. Wenn man also nach der Wahrheit sucht, sollte man sich nach der Mehrheitsmeinung von Experten richten.

Es mag überraschen, dass der Laie erkennen können soll, ob eine Expertin wirklich einschlägig ist, ob es berechtigte Bedenken gegen die Kompetenz ihres Urteils gibt und welche Mehrheitsmeinung sich unter den relevanten Expertinnen abzeichnet. Schaut man genauer hin, dann ist es tatsächlich gar nicht so schwer, wie es zunächst aussieht.

Die Laiin muss nur einen Schnellcheck in drei Schritten durchführen und kann die dafür nötigen Informationen durch eine kurze Internetrecherche zusammentragen. Allerdings ist Vorsicht geboten. Nicht alle Internetseiten sind zuverlässig und vertrauenswürdig. Andererseits ist es für Laien oft schwierig, die zuverlässigsten Informationen über Datenbanken von Forschungsinstitutionen, investigative Recherchen von Qualitätsmedien oder wissenschaftliche Metastudien zu wissenschaftlichen Konvergenzen zu finden und, vor allem, zu verstehen. Der Start mit der Internetenzyklopädie Wikipedia ist deshalb ein guter Kompromiss. Man kann dort leicht aktuelle Informationen zu praktisch allem finden, und in puncto Zuverlässigkeit kann Wikipedia, wie verschiedene empirische Studien gezeigt haben, mit renommierten kommerziellen Enzyklopädien durchaus mithalten. Wikipedia ist natürlich nicht schlauer als die Experten selbst, aber den dort verfügbaren wissenschaftlichen Lebensläufen und Dokumentationen der Verläufe von wissenschaftlichen Debatten kann man in der Regel trauen. Ein klarer Vorteil ist es, dass bei Wikipedia alle nötigen Informationen für jedermann leicht und zudem auf Deutsch verfügbar sind. Sehen wir uns die Checkliste einmal genauer an:

Die 3 Schritte der Checkliste

Schritt 1: Ist der betrachtete Experte wirklich einschlägig? Dazu muss die fragliche Person auf das Fachgebiet des fraglichen Themas spezialisiert sein. Wenn es um Fragen der Virologie oder Epidemiologie geht, dann genügt es nicht, wenn jemand Mediziner mit einer Spezialisierung in Orthopädie ist wie Andreas Gassen, der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung, der neuerdings Stammgast in Fernsehdiskussionsrunden über die Corona-Infektion ist. Einschlägige medizinische Experten sind zudem wissenschaftliche Experten, die zu dem Spezialgebiet aktiv forschen und in anerkannten Fachzeitschriften regelmäßig veröffentlichen. Eine Tätigkeit als praktizierender Arzt in diesem Bereich genügt dafür nicht. Ob Personen diese Bedingungen erfüllen, lässt sich häufig durch einen gezielten Blick in die Wikipedia-Einträge zu den Personen ermitteln. Ein Beispiel: Anfang 2019 gab es eine öffentliche Debatte darüber, ob eine geringfügige Überschreitung der bei uns geltenden Grenzwerte für Stickoxide überhaupt gesundheitsgefährdend ist. Der Lungenfacharzt Dieter Köhler bestritt das in einem öffentlichen Positionspapier. Aber ein Blick in Wikipedia hätte sofort zeigen können, dass Köhler, obwohl er einen Professorentitel trägt, kein Wissenschaftler, sondern ärztlicher Direktor eines Krankenhauses war, und dass er zum Thema Stickoxide nie aktiv geforscht hat. Auf ähnliche Weise lassen sich auch die Experten, die sich an der Diskussion über die Corona-Pandemie beteiligen, überprüfen. Findet man in Wikipedia keinen oder nur einen wenig aussagekräftigen Eintrag zu einem vermeintlichen Experten, dann lohnt es sich, über Google nach der Forschungsinstitution zu suchen, an der die Person arbeitet. Dort findet man fast immer einen Lebenslauf, der Auskunft über die Spezialisierung, die Forschungsarbeiten und die Aktivitäten der Betreffenden gibt.

Schritt 2: Ist das Urteil der Expertin kompetent, oder unterliegt es verzerrenden Einflüssen? Die Urteilskompetenz des Experten kann im konkreten Fall entweder durch Befangenheit oder durch handwerkliche Fehler beim wissenschaftlichen Arbeiten beeinträchtigt sein. Sofern es Hinweise gibt, liefert Wikipedia häufig erste Anhaltspunkte für Interessenverflechtungen und finanzielle Abhängigkeiten. Wie sieht es mit der Aufdeckung handwerklicher Fehler aus? Einer der Autoren des „Spiegel“-Bestsellers „Corona Fehlalarm?“ ist der bereits erwähnte, im Ruhestand befindliche ehemalige Mainzer Virologe Sucharit Bhakdi. In dem Buch werden die besondere Gefährlichkeit des Coronavirus bestritten und viele der geltenden Schutzmaßnahmen als unwirksam und überzogen kritisiert. Auf Wikipedia ist vorbildlich dokumentiert, dass sich Wissenschaftler und sogar ganze Wissenschaftsinstitutionen wie die Kieler Universität scharenweise von der wissenschaftlichen Seriosität des Buches distanziert haben.

Schritt 3: Und wie kann der Laie schließlich die Tendenz zur wissenschaftlichen Mehrheitsmeinung in bestimmten Debatten erkennen, wenn ein klarer Konsens im Fach nicht existiert? Hier sollte man zunächst danach schauen, ob es sich bei den Thesen von Experten um isolierte Einzelmeinungen handelt, die von einer breiten Mehrheit von Wissenschaftlern abgelehnt werden. Auch dabei kann Wikipedia unter den entsprechenden Stichwörtern weiterhelfen, wenn auch manchmal mit etwas zeitlicher Verzögerung. Ein Beispiel: Peter Duesberg war ein international renommierter Virologe, als er Ende der neunziger Jahre mit seiner These Aufsehen erregte, dass Aids nicht durch eine HIV-Infektion ausgelöst werde. Duesbergs Einfluss auf den damaligen südafrikanischen Präsidenten Mbeki führte zu dessen Kehrtwende in der Anti-Aids-Politik und vermutlich zu mehreren 100.000 Toten. Dass diese These einhellig von der Wissenschaft zurückgewiesen wurde, ist im Wikipedia-Artikel über Duesberg transparent dokumentiert. Ein anderes zuverlässiges und leicht zugängliches Hilfsmittel ist die deutschsprachige Website des Science Media Centers Germany, die aktuelle Forschungsbeiträge nach Themen geordnet vorstellt und Meinungen führender Spezialisten dazu einholt und dokumentiert.

Wenn Laien Informationsressourcen wie Wikipedia auf diese Weise konsequent nutzen, dann können sie die Diskrepanz zwischen dem vielstimmigen Konzert der Wissenschaften und der gesellschaftspolitisch dringend benötigten eindeutigen Antwort zumindest manchmal überbrücken. Solange es keine öffentlich-rechtliche und allgemeinverständliche Plattform für Meta-Daten über Experten und wissenschaftliche Trends gibt, ist das für Laien klar der beste Weg. Man sollte dabei niemals vergessen, dass auch Politiker, Medienmacher und sogar Wissenschaftler, wenn es um spezifische wissenschaftliche Fragen geht, häufig nichts anderes sind als Laien.

Thomas Grundmann ist Philosoph. Er lehrt Erkenntnistheorie, Wissenschaftstheorie und Logik an der Universität zu Köln.

Quelle: F.A.Z.
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