Verschollener Caravaggio

Ein großes Kunstwerk wird neu datiert

Von Lothar Sickel
20.01.2022
, 14:26
Jacob Burckhardt nahm bei Caravaggio ein „scharfes Kellerlicht“ wahr und vermisste die „Mitwirkung der Tageshelle“. In der Bebilderung der Weihnachtserzählung ergibt dieser Verzicht schönsten heilsgeschichtlichen Sinn.
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Caravaggios Hirtenanbetung wurde 1969 in Palermo geraubt und ist seitdem verschollen. Auch ohne Autopsie hat sich in der Forschung eine Umdatierung durchgesetzt. Ein bekannter Vertrag wurde neu gelesen.
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Im April 2021 verbreitete sich rasch die Nachricht von der Entdeckung eines nur aus Kopien bekannten Gemäldes von Caravaggio. Noch ist ganz unklar, ob es sich bei der Darstellung eines Ecce Homo tatsächlich um ein Original handelt. Doch hat der Expertenstreit um die richtige Einordnung des Bildes in das Gesamtwerk des Malers längst begonnen. Die Auffassungen schwanken zwischen einer Entstehung in den letzten Monaten seiner römischen Schaffensphase, als er sich im Juni 1605 zur Ausführung einer solchen Darstellung verpflichtete, und einer späteren Datierung in die Zeit seines Aufenthalts in Neapel in die Jahre 1606 oder 1607, worauf frühe Sammlungsinventare hindeuten. Der zeitliche Unterschied von zwei Jahren ist hierbei natürlich weit weniger gravierend als die auch kulturelle Distanz Neapels zu Rom. Die materialtechnische Untersuchung des Bildes dürfte im Vergleich zu gesicherten Werken der jeweiligen Schaffensphase genaueren Aufschluss geben, und insofern erscheint der Abgleich mit verfügbaren Quellenzeugnissen als ein etwas voreiliges Ritual. Verschränken sich die Aussagen ehemaliger wie heutiger Autoritäten aber dauerhaft zu scheinbar untrüglicher Verlässlichkeit, entsteht gelegentlich ein Lehrstück über die kritische Prüfung scheinbar fest etablierter Auffassungen.

Ein in dieser Hinsicht wahrhaft erstaunliches Beispiel bietet Caravaggios monumentale Darstellung der Geburt Christi, die mehr als 350 Jahre über dem Altar des Oratoriums des heiligen Laurentius in Palermo aufgestellt war. In der Nacht vom 17. auf den 18. Oktober 1969 jedoch schnitten Diebe die fast drei Meter hohe Leinwand aus dem Rahmen und entkamen unerkannt. Bis heute ist das Gemälde verschollen. Entgegen früheren Annahmen, es sei gänzlich zerstört, kam eine staatliche Untersuchungskommission 2018 zu dem Ergebnis, das Bild sei in vier Teile zerschnitten worden und diese seien vielleicht noch erhalten. Somit besteht weiter Hoffnung, zumindest Fragmente der Hirtenanbetung könnten doch wieder zum Vorschein kommen.

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Traditionell als Spätwerk betrachtet

Während die kriminalistische Aufklärung des Falls also noch aussteht, sieht sich die Fachwelt durch neuere Annahmen über die Entstehung des Gemäldes allseits verblüfft. Denn im Anschluss an die Aussagen von Caravaggios frühen Biographen Giovanni Baglione und Giovan Pietro Bellori galt es eigentlich als ausgemacht, die Hirtenanbetung in Palermo sei das letzte Gemälde gewesen, das Caravaggio am Ende seines mehrmonatigen Aufenthalts in Sizilien geschaffen hatte, kurz bevor er im Dezember 1609 nach Neapel aufbrach – in der Hoffnung, bald begnadigt zu werden und nach langem Exil wieder nach Rom zurückkehren zu können. Bekanntlich blieb ihm dies verwehrt; er verstarb schon im Mai 1610 mit erst 38 Jahren. Die Hirtenanbetung wäre also ein Werk aus seiner letzten Schaffensphase gewesen.

Zweifel an dieser Auffassung waren zwar schon am Rande der großen Caravaggio-Ausstellung in Mailand im Jahr 1951 aufgekommen. Die damals vorsichtig geäußerte Vermutung, aus stilistischen Gründen sei die Hirtenanbetung deutlich früher anzusetzen, in die Zeit vor 1606, blieb aber vereinzelt und fand keine Resonanz bei Größen der Zunft wie Roberto Longhi. Als der Gedanke 1971 noch einmal kurz aufflackerte, war das Gemälde bereits verschwunden. Es gab gute Fotografien, materialtechnische Untersuchungen waren aber nicht mehr möglich. Nach dem Raub blieb allein der vage Verdacht zurück, und der reichte lange nicht aus, um entschieden behaupten zu können, Bellori hätte aus der Präsenz des Gemäldes in Palermo irrtümlich auf einen dortigen Aufenthalt Caravaggios geschlossen. Es fehlte ein äußerer Anreiz, um den Blick auf die Hirtenanbetung erneut kritisch zu schärfen. In der Konsequenz wurde das Gemälde in Fachpublikationen noch bis 2019 einhellig als Spätwerk vom Jahresende 1609 vorgestellt.

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Inzwischen sind aber die meisten Sachverständigen überzeugt, die Hirtenanbetung sei zwischen Frühjahr und dem Herbstende 1600 in Rom entstanden, also in zeitlicher Nähe zu den beiden Wandgemälden der Contarelli-Kapelle in San Luigi dei Francesi, die im Juli dieses Jahres enthüllt wurden. Den aktuellen Diskussionsstand skizziert Michele Cuppone in seinem Buch „Caravaggio: La Natività di Palermo“ (2. Aufl., Rom 2021). Jene Verschiebung um gut neun Jahre ist ein bemerkenswerter Vorgang, zumal bei einem Künstler, der kaum zwanzig Jahre schöpferisch tätig war. Zu der neuen Einsicht gelangte man jedoch weniger durch Beobachtung als vielmehr durch die Kombination verschiedener historischer Befunde.

Nicht näher bezeichnete Figuren

Die Frühdatierung basiert auf der Annahme, die Hirtenanbetung habe ihren Ursprung in einem Vertrag, den Caravaggio im April 1600 mit einem aus Siena stammenden Kaufmann namens Fabio Nuti abschloss. Das Dokument ist seit 1971 bekannt, bezeichnete aber lange ein Rätsel, vor allem weil das Thema des auszuführenden Gemäldes ungenannt bleibt. Nicht näher bezeichnete „Figuren“ sollte es zeigen; mehr ist nicht fixiert. Allerdings entsprachen die Angaben zum Format dem verschollenen Gemälde und auch der stolze Preis von 200 Scudi. Kein Indiz aber verwies auf das ferne Palermo. Die Spätdatierung der dortigen Hirtenanbetung schien gesichert, und über den Auftraggeber wusste man lange nicht mehr, als dass er das im April bestellte Gemälde im November 1600 bezahlte. Es war also sein Eigentum – so schien es jedenfalls.

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Durch archivalische Studien gewann sein Profil indes nach und nach an Kontur, und als sich 2012 endlich herausstellte, dass der in Neapel aktive Fabio Nuti spätestens 1601 Kontakte bis nach Palermo unterhielt, lag der Schluss nahe, er könnte als Agent im Auftrag von Mitgliedern des Palermitaner Oratoriums gehandelt haben. Üblicherweise ist eine solche kommissarische Tätigkeit in Verträgen erwähnt; schließlich sind es offizielle Dokumente. Wo diese schwiegen, sollten nun Bildvergleiche die Annahme bestätigen. Ähnlichkeiten mit Gemälden Caravaggios aus der Zeit um 1600, sichtbar etwa in der Gestalt des kopfüber herabschwebenden Engels, hatte man freilich schon viel früher bemerkt, jedoch ohne daraus auf eine zeitliche Nähe zu folgern.

Der komplexe Sachverhalt wirft eine Reihe von Fragen auf. So erscheint es sonderbar, dass der seit Langem bekannte Vertrag vom April 1600 nicht schon früher mit der Hirtenanbetung assoziiert wurde. Dies lag eben nicht nur an den scheinbar eindeutigen Aussagen der erwähnten Biographen. Seit 1989 war das Dokument ein wichtiges Element in der damals noch kontrovers geführten Auseinandersetzung um Caravaggios Persönlichkeit und die sie prägende Kultur. Maurizio Calvesi, einst Nestor der römischen Caravaggio-Forschung, bezog den Vertrag hartnäckig auf die für die Chiesa Nuova geschaffene Grablegung Christi (heute im Vatikan), um zu belegen, dieses Altarbild sei noch im Auftrag von Pietro Vittrici, einem glühenden Verehrer Filippo Neris, entstanden, womit Caravaggio selbst als Anhänger der Kongregation der Oratorianer erschienen wäre. Calvesis eigenwillige Prämisse, Nuti sei Vittricis Testamentsvollstrecker gewesen, hielt immerhin bis 2009. Erst nach ihrer Widerlegung begann ein Umdenken über den Gegenstand des Vertrags vom April 1600.

Überlegungen zum Berliner Matthäus

Außerhalb der Selbstkritik eröffnet die Frühdatierung der Hirtenanbetung der Forschung aber auch ganz neue Per­spektiven. Bis dato erschien es undenkbar, ein großes Altarbild sei bereits für den Export bis nach Palermo bestimmt gewesen, noch bevor Caravaggio in jenem Meisterfach überhaupt reüssiert hatte. Von seinen außerordentlichen Fähigkeiten konnte ein größeres Publikum selbst in Rom kaum vor dem April 1600 erfahren haben – es sei denn, die 1945 in Berlin verschollene Erstfassung des Evangelisten Matthäus wäre, wie gelegentlich vermutet, schon früh in der Contarelli-Kapelle zu sehen gewesen. Auch über solche Aspekte neu nachdenken zu müssen, darin liegt ein eminent wichtiger Impuls.

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Bei der Auftragsvergabe muss Nuti jedenfalls auf Einflüsterungen gehört haben, nur kamen diese, soweit erkennbar, primär von Landsleuten aus der Toskana, nicht aus Sizilien. Aus Palermo müsste er aber wenigstens das im Vertrag erwähnte Bildkonzept, den disegno, erhalten haben, das er Caravaggio übergab und auf dessen Grundlage der Künstler zunächst einen Entwurf (sbozzo) anfertigte, dessen Ausführung im großformatigen Gemälde Nuti dann zustimmte. Hätten darüber nicht die eigentlichen Auftraggeber zu befinden gehabt?

Noch ist also einigermaßen unklar, wie die Künstlerwahl und die Gestaltung des Bildes mit den Verantwortlichen in Palermo abgestimmt waren, und ebenso, ob das Gemälde tatsächlich vor 1609 dort eintraf. So überzeugend der neue Ansatz erscheint – ohne die Möglichkeit technischer Inspektionen nimmt das stilistische Urteil zu historischen Befunden von vorerst nur provisorischer Konsistenz Stellung. Eine Kluft von neun Jahren lässt sich aber nicht mit Kompromissformeln überwinden. Stünde die nun favorisierte Frühdatierung wieder zur Disposition, sobald ein nur vager Beleg für Caravaggios Präsenz in Palermo im Jahr 1609 auftaucht? Ohne weitere Dokumente erbrächte wohl nur die Auffindung der Hirtenanbetung selbst letzte Gewissheit. Im Fall dieses wundersamen Ereignisses aber wären frühere Irrtümer ohnehin vergeben.

Quelle: F.A.Z.
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