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Eine Marginalie Schopenhauers

Im Anfang war der Tritt

Von Eckhard Nordhofen
 - 17:31
Goethe war gut: Die hier von Arthur Schopenhauer überlieferte aftertheologische Bemerkung ist dem braven Eckermann entgangen.

Zu meiner Zeit nahm man das Wort nicht in den Mund, außer man wollte gerade einmal ein bisschen unanständig sein: „A...“. Der Hintern war „der Unaussprechliche“. Man half sich auch mit dem „Allerwertesten“ oder, wenn es eine Aufforderung werden sollte, mit Goethe: „Götz von Berlichingen“. Abgesehen von diesem berühmten Zitat, das jeder kennt, steckt die Forschung über das Anal-Logische bei Goethe noch in den Anfängen. Man weiß zwar, dass er Karl August Böttiger ein „A...gesicht“ nannte, und kennt ein paar einschlägige Stellen im „Faust“, aber es gibt noch Entdeckungen zu machen. Hier mein Beitrag zu diesem Thema, für den ich etwas ausholen muss.

Im ersten der drei Bände einer „Philosophia Britannica“ hatte Dolf Sternberger, der mir seine Bücher vermacht hat, handschriftlich „Exlibris!“ vermerkt, mit einem dicken Ausrufungszeichen. Unnötig eigentlich, denn gegenüber, auf der Innenseite des Buchdeckels klebt, sehr gut lesbar, der besitzanzeigende Zettel mit einem berühmten Namenszug: „Schopenhauer“.

„Philosophia Britannica“ – sehr bezeichnend für das, was man auf der Insel unter Philosophie verstand. Es handelt sich um ein naturwissenschaftliches Lehrbuch: „Neuer und faßlicher Lehrbegrif der Newtonschen Weltweisheit, Astronomie und Geographie in zwölf Vorlesungen von G. Martin“, eine deutsche Ausgabe von 1772, übersetzt von einem C. H. Wilke. Drei schöne Bände mit 81 Kupfertafeln. Nach Auskunft von Thomas Regelhy, dem Schriftexperten der Frankfurter Schopenhauer-Gesellschaft, findet sich im erhaltenen Rest von Schopenhauers Bibliothek auch noch das englische Original.

Sternberger muss es übersehen haben

Dolf Sternberger war für Kuriosa immer zu haben. Bei aller Gravität verfügte er als humoristische Hochbegabung über einen beachtlichen Schatz von Pointen und Bonmots. Ausgeschlossen, dass ihm die Seite 159 des ersten Bandes vor Augen gekommen war. Er hätte mit Vergnügen registriert, was dort zu lesen ist, und es bei Gelegenheit zitiert – gewiss nicht ohne eine kleine gespielte Entrüstung. Sternberger muss es übersehen haben. Das ist kein Vorwurf. Ein Buch aus der Bibliothek von Schopenhauer muss man nicht lesen, zumal, wenn der Inhalt veraltet war. Es reicht, wenn man es besitzt. Was also ist auf Seite 159 zu sehen?

Im Buch geht es an dieser Stelle um die „cirkelförmige Bewegung“, deren Wichtigkeit für unser Weltbild wir verstehen sollen, „wenn wir, für den sich in die Runde bewegenden Körper, einen Planeten; den Mittelpunkt die Sonne; die Centralkraft oder den Strick, ihre anziehende Kraft; und endlich für den Stoß die Kraft des allmächtigen Gottes setzen, die er in der Erschaffung der Dinge geäußert hat“. Dazu notierte dann Schopenhauer mit Bleistift am Rande: „als er nämlich (wie Göthe sich einmal ausdrückte) der Welt einen Tritt in den Arsch gab“.

Schopenhauer – kein schlechter Gewährsmann. Johanna Schopenhauer, seine Mutter, unterhielt in Weimar einen florierenden Salon, in dem Goethe regelmäßig verkehrte. Auch aus Dankbarkeit gab er der damals sehr erfolgreichen Autorin die Ehre, denn sie empfing dort auch seine Frau Christiane, geborene Vulpius, die von der vornehmen Gesellschaft geschnitten wurde. Der Sohn Arthur, kein Freund von Geselligkeiten, gab ìm Salon eine eher linkische Figur ab. Er war immerhin manchmal zugegen und konnte hören, was der große Dichter von sich gab. Dass diesem der göttliche A...tritt glatt von der Zunge ging, ist nicht unglaubhaft, dafür spricht nicht nur das berühmte Zitat aus dem „Götz“, sondern auch Mephistos Spottlust über die biblische Religion im „Faust“.

Von nichts kommt nichts

Bleibt zu klären, wie ernst es Schopenhauer, dem Großmeister im Gewerbe von Spott und Lästerung, mit dieser Randbemerkung war. Für Goethes „Tritt in den Arsch“ war immerhin ein göttlicher Treter mitzudenken, ein „erster Beweger“, denn von nichts kommt nichts. Das war sicher nicht der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, aber doch ein ziemlich großes Gegenüber.

Man kennt den sogenannten kosmologischen Gottesbeweis, der, wie alle Gottesbeweise, keiner ist, denn was ein echter Beweis ist, der zwingt auch den zur Zustimmung, der das eigentlich nicht will. Gäbe es so etwas, wären alle Atheisten nur dumm, und das wollen wir doch nicht annehmen. Aber dass die Welt wohlgeordnet und auch so schön ist, dass dahinter ein Schöpfer steht, der alles so herrlich regieret, war doch immerhin ein Gedanke. Eine Welt aber, die ihre Existenz einem Arschtritt verdankte, wäre denn auch danach.

Wir hätten es in unserem Göthe-Schopenhauerschen Diktum mit nichts weniger als der Umkehrung des kosmologischen Gottesbeweises zu tun. Wenn die Welt so miserabel eingerichtet ist, wie sie es nach einem Arschtritt eigentlich sein müsste, dann wäre auch ein Schöpfer schon wieder überflüssig.

Es bleibt ein Erdenrest

Der Rückschluss von der Beschaffenheit der Welt auf ihren Schöpfer bliebe aber immerhin noch eine Form von Monotheismus, gleichsam der Erdenrest dieser himmelstürmenden Denkungsart. Der Begriffspoet Peter Sloterdijk spricht von „Vertikalspannung“, die entsteht, wenn ein Mensch sich vor ein gedachtes oder geglaubtes großes Gegenüber stellt, dem der gesamte Kosmos seine Existenz verdankt, einen Reflexionspartner für die Frage, warum überhaupt etwas ist und nicht vielmehr nichts. Schopenhauer hat sie, wie auch manch anderer Philosoph, gestellt. Alles oder nichts? Er entschied sich für nichts: „Lieber nichts als etwas.“ Im Buddhismus, mit dem Schopenhauer bekanntlich liebäugelte, gibt es auch keinen persönlichen Gott. Also bleibt es beim blasphemischen Spott.

Wie sehr die Spottlust zum Habitus des Philosophen gehörte, zeigt sein Wortspiel: „Obit anus – abit onus“. Die Alte ist tot, es verschwindet die Last. Schopenhauer hatte einem älteren Menschen weiblichen Geschlechts Alimente zahlen müssen. Dass die lateinische Vokabel „anus“ nicht nur die Bezeichnung für ein altes Weib war, lässt tief blicken. Sie bleibe in unseren wortgeruchsempfindichen Zeiten wohl besser unübersetzt. Alles eher unappetitlich und Futter für die Spötter. Nicht in jedem Spott, aber in jeder Blasphemie steckt ein inhumaner Kern. Eigentlich sollte man so ein Fündlein gar nicht verbreiten.

Quelle: F.A.Z.
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