Das italienische Madrigalwerk

Was sonst noch sagbar ist

Von Florian Amort
03.05.2022
, 20:17
Das Singen – wie es im Buche steht: Lorenzo Costas „Konzert“ hängt in der National Gallery in London.
Alfred Einsteins Standardwerk zum italienischen Madrigal wird neu ediert und kritisch diskutiert. Eine Tagung an der Universität München.
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Geisteswissenschaftliche Texte können selbst für Fachexperten langatmig, schwerfällig und manchmal sogar unverständlich sein. Auch die Historische Musikwissenschaft macht mit ihrer bisweilen hermetischen Sprache zur Beschreibung musikalischer Sachverhalte keineswegs eine Ausnahme. Der nach wie vor starke Wunsch einer breiten interessierten Öffentlichkeit an wissenschaftlich fundierten und vor allem lesbaren Publikationen zum Thema Musik bleibt seitens der Fachcommunity zu oft ungehört. „Public Musicology“ – ein Sammelbegriff für akademische Aktivitäten, die versuchen, über Konzerteinführungen, Ausstellungen, Zeitungsartikel, Blogs, Tweets und Podcasts neueste musikwissenschaftliche Erkenntnisse in pointierter Form auch außerhalb eines universitären Umfelds zu vermitteln und zu aktuellen musikalischen oder kulturpolitischen Ereignissen Position zu beziehen – ist hierzulande ein misstrauisch beäugtes Tätigkeitsfeld.

Ein Großteil der Fachvertreter fühlt sich nicht zuständig, sieht solche Anstrengungen im Aufgabenbereich der Musikpädagogik und des Musikjournalismus und erfreut sich stattdessen am selbst auferlegten Neutralitätsgebot, das sich in der Nachkriegszeit als Folge der ideologischen Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten etablierte. Musikwissenschaftlichen Streit gibt es kaum noch, weder im Feuilleton noch auf Tagungen oder in Fachpublikationen. Man fühlt sich in der reinen Beobachterrolle offenbar recht wohl.

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Monumentale Monographie

Dass dies nicht immer so war, zeigt der Fall von Alfred Einsteins dreibändiger Abhandlung zur weltlichen italienischen Vokalmusik des sechzehnten Jahrhunderts, die 1949 in englischer Übersetzung als „The Italian Madrigal“ bei der Princeton University Press erschien. Sebastian Bolz (Ludwig-Maximilians-Universität München) konnte unlängst in den Vereinigten Staaten umfangreiche Dokumente ausfindig machen, welche die monumentale Monographie in ihrer deutschen Originalgestalt überliefern. Anlässlich einer im Entstehen begriffenen und von Bolz verantworteten Hybrid-Edition – Einsteins „Das italienische Madrigal“ soll in einer gedruckten und in einer digitalen Ausgabe erscheinen – fand jetzt im Orff-Zentrum München eine internationale Tagung statt, die sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln mit Einsteins ebenso einflussreicher wie historisch gewordener Studie und deren Nachleben auseinandersetzte.

Einstein, am 30. Dezember 1880 in München geboren, ist einer der wenigen Vertreter des Faches, der historische Quellenforschung und Musikkritik verknüpfte und für ein breiteres Publikum zugänglich machte. Auch wenn ihm eine akademische Karriere in Deutschland verwehrt blieb – er selbst führte antisemitische Ressentiments als Grund an –, gingen seine Bücher um die Welt: Seine „Geschichte der Musik“ von 1917 erschien in acht verschiedenen Sprachen, seine 1945 im US-amerikanischen Exil veröffentlichte Studie „Mozart. His Character, his Work“ sogar in zehn, darunter Hebräisch, Polnisch und Japanisch.

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Cristina Urchueguía (Universität Bern) erinnerte an Einstein als Herausgeber, nicht nur von Noten, sondern auch von späteren Auflagen des weitverbreiteten Riemann-Musiklexikons, der dritten Auflage des Köchelverzeichnisses sowie der für die deutsche Musikwissenschaft der Weimarer Zeit zentralen „Zeitschrift für Musikwissenschaft“. Welchen Einfluss Einstein auf das Kulturleben in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts hatte, lässt sich nur erahnen. Seine zahlreichen Musikkritiken liegen gesammelt, wenngleich weitgehend unaufgearbeitet, in seinem Nachlass.

Die Lieder wurden kaum noch aufgeführt

Aus seiner umfangreichen Publikationsliste sticht „The Italian Madrigal“ mit etwa 3000 verkauften Exemplaren aus mehreren Gründen heraus. Zum einen ist die Monographie mit knapp 900 Text- und 350 Notenseiten die umfangreichste Schrift, die Einstein veröffentlichte. Zum anderen ist sie der weitgehend konkurrenzlos gebliebene Versuch, die Entwicklung und Geschichte einer musikalischen Gattung und ihrer literarischen und kulturhistorischen Rahmenbedingungen darzustellen. Hinzu kommt, dass Madrigale zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts kaum aufgeführt wurden. Es war – heute kaum zu glauben – tote Musik von damals weitgehend vergessenen Komponisten wie Philippe Verdelot, Jakob Arcadelt, Adrian Willaert, Cipriano de Rore, Giaches de Wert, Luca Marenzio und Carlo Gesualdo.

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Die meisten Referenten der Tagung behandelten daher Einsteins Pionierarbeit respektvoll, wenngleich in objektiver Distanz. Philippe Canguilhem (Université de Tours) zeigte, wie Einsteins Fokus auf gedruckte Madrigalbücher sowie manche seiner Datierungsversuche von Handschriften zu einer für lange Zeit anerkannten, heute jedoch revidierten Frühgeschichte der Gattung führten. Auch Giovanni Zanovello (Indiana University Bloomington) betonte, dass Einsteins einflussreiche These, das Madrigal sei aus der Frottola, einer italienischen Liedform des fünfzehnten Jahrhunderts, entstanden, längst überholt ist. Ferner zeichneten mehrere Konferenzteilnehmer in Fallstudien den langfristigen Einfluss von Einsteins Buch auf die Erforschung einzelner Komponisten nach.

Albert und Alfred Einstein hatten in München beide das Luitpold-Gymnasium besucht. In Berlin waren sie Nachbarn, und auch im amerikanischen Exil trafen sie sich gelegentlich.
Albert und Alfred Einstein hatten in München beide das Luitpold-Gymnasium besucht. In Berlin waren sie Nachbarn, und auch im amerikanischen Exil trafen sie sich gelegentlich. Bild: Albert Einstein Archives, Jerusalem

Einige Referenten formulierten allerdings auch deutliche Kritik, darunter Laurie Stras (University of Huddersfield), die mit Einsteins Ausführungen zu aufführungspraktischen Dingen hart ins Gericht ging. Es könne, so Stras, nicht darum gehen, einzelne Fakten zu korrigieren, sondern man müsse die Prämissen kritisieren, die zu dieser tief in der Musikhistoriographie des neunzehnten Jahrhunderts wurzelnden Gesamterzählung geführt hätten. Antonio Chemotti (KU Leuven) stellte schließlich die Apostrophierung von Einsteins „The Italian Madrigal“ als Standardwerk zur Diskussion, denn wie Befragungen zeigten, hat zumindest in Italien kaum jemand die umfangreiche Untersuchung in Gänze gelesen.

Doch was macht „Das italienische Madrigal“ so besonders? Erst bei der abschließenden Podiumsdiskussion wurde der Elefant im Raum beim Namen genannt: Es ist die plastische, meinungsfreudige und den ahistorischen Vergleich nicht scheuende Sprache. So schreibt Einstein beispielsweise, dass zu Beginn von Cipriano de Rores „Per mezz’i boschi“ „die Stimmen in unregelmäßigen Abständen einsetzen und dasselbe Motiv bald aufwärts, bald abwärts gewendet ist – ein Bild für das Gegenteil eines Menschen, der ‚sicher und furchtlos‘ durch die Wildnis geht. Es ist mehr als eine Vorahnung, es ist eine Vorausnahme des Vorspiels zum dritten Akt des ‚Parsifal‘.“ Oder über den F-Dur-Beginn von Giaches de Werts „Vezzosi augelli“: „Es ist nicht bloß der Beginn des Pastoralen in der Musik, sondern auch des Impressionistischen.“

Es sind vor allem solche Passagen, die bei manchen Konferenzteilnehmern die Alarmglocken läuten ließen. Immerhin bestehe die Gefahr, dass Studenten und Musiker eine kostenlos zugängliche digitale Edition unreflektiert benutzen könnten. Hartmut Schick (LMU) konterte diese Besorgnisse mit einem Bonmot: „Die gefährlichsten Bücher sind die langweiligen.“ Einsteins „The Italian Madrigal“ stellt knapp 75 Jahren nach der Erstpublikation die Frage nach der „Public Musicology“ neu.

Quelle: F.A.Z
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