Kolonisation und Mission

Kinder aus gutem Hause

Von Judith Rosen
21.01.2021
, 22:42
Kinder zwischen Mission und Kolonialisierung: Ein Blick in die Geschichte der christliche Tradition zum Dreikönigstag und der weltumspannenden Jugendorganisation der Auguste von Sartorius.

Wenn in diesem Jahr die Sternsinger klingeln, Kinder, die im Kostüm der Heiligen Drei Könige bei Wind und Wetter Spenden für benachteiligte Altersgenossen sammeln, wird die Maskenpflicht davon ablenken, dass nur noch selten einer der drei Akteure sich schwarz geschminkt hat.

Der in Aachen ansässige eingetragene Verein „Die Sternsinger“, der sich als Kindermissionswerk ausweist, rät von der Pflege dieses Aspekts des Brauches ab. „Wir glauben, dass der ursprüngliche Sinn der Tradition besser deutlich wird, wenn Kinder als Sternsinger so gehen, wie sie eben sind: vielfältig in ihrem Aussehen.“ Schon das Spätmittelalter kannte die Darstellung eines „geschwärzten Königs“. Er repräsentierte Afrika und sollte versinnbildlichen, dass sich die christliche Heilsbotschaft unterschiedslos an alle Menschen richtet. Inklusion, nicht Exklusion war damals das theologische und künstlerische Ziel.

Hinter der aktuellen Diskussion verbergen sich die Nachwehen eines heiklen historischen Vorgangs: der Verflechtung von europäischer Kolonisation und christlicher Mission. Viele Stimmen lehnen inzwischen die Vermischung der Mission mit politischen Strategien ab. Den Einstellungswechsel dokumentiert das 2019 im Brunnen Verlag erschienene Kompendium des evangelischen Theologen und früheren Missionars Klaus Wetzel: „Die Geschichte der christlichen Mission: Von der Antike bis zur Gegenwart“. Wie die moderne Ethnologie sich vom europäischen Blick auf indigene Völker verabschiedet habe, so habe sich auch die Mission verändert. Aufsehen erregten Äußerungen aus dem Vatikan: Die Kirche wachse durch Anziehung (Benedikt XVI.), lehne daher das „Proselytenmachen“ ab und setze nicht auf strategische Maßnahmen eines Apparates (Franziskus). Das neue Missionsverständnis, das dem „Kampf gegen die einheimischen Kulturen“ abgeschworen hat, erhöht nach Wetzel allerdings auch das Risiko des Synkretismus.

„Verein der heiligen Kindheit“

Die Fallstricke missionarischen Handelns beschäftigten die fünfzehnjährige Auguste von Sartorius noch nicht, als sie am 2. Februar 1846 einen Missionsverein für Kinder gründete: Der „Verein der heiligen Kindheit“, auch „Kindheit-Jesu-Verein“ genannt, legte in Aachen den Grundstein für das heutige organisierte „Dreikönigssingen“. Ohne kirchenpolitische Absichten folgte die 1830 geborene Tochter eines Arztes ihrer Begeisterung für die Mission. Wie viele Frauen aus dem Wirtschafts- und Bildungsbürgertum hatte sie sich zunächst für die heimischen Armen, Opfer der Industrialisierung, engagiert und so zur „Inneren Mission“ beigetragen, ohne den Begriff zu kennen.

Das ebenso begabte wie fromme Mädchen gehörte zur katholischen Bewegung, die Aachen zu einem Zentrum der Ordensgründungen machte und ihren Beitrag zum „Missionsjahrhundert“ (Michael Sievernich) leistete. Unzählige Gläubige trotzten in neuen Vereinen dem Pauperismus und stemmten sich zugleich gegen die Marginalisierung ihrer Kirche im preußischen Staatskirchentum. Die Fabrikantentöchter Clara Fey und Franziska Schervier, beide etwa 15 Jahre älter als Auguste, gründeten 1844 und 1845 Kongregationen, die sich zunächst in Aachen der Bildungsarbeit und der Krankenpflege widmeten und dann europaweit und nach Übersee expandierten.

Das Apostolat der drei jungen Frauen konkretisiert die Forschungsbegriffe „Vitalisierung des Religiösen“ (Wolfgang Schieder) und „Feminisierung der Religion“ (Irmtraud Götz von Olenhusen). Da sich viele Frauen eher im Stillen engagierten, blieb ihr Beitrag oft unbeachtet. Ihnen ihre Geschichte zurückzugeben ist nach wie vor ein Desiderat der Forschung. Relinde Meiwes hat 2011 und 2016 mit ihren Monographien über die ermländischen Katharinenschwestern einen Maßstab gesetzt.

Augustes Initiative haftete ein skandalöser Hauch an. Denn ein Kind konnte keinen Verein gründen, geschweige denn ein Mädchen. Ihr Vater, der wie seine Frau zu den Mitgründern des überkonfessionellen Marianneninstituts für arme Wöchnerinnen gehörte, sprang ein und bildete mit Freunden den ersten Vorstand. Seine bescheidene Tochter erledigte im Hinterzimmer die Vereinsarbeiten. Über die Umstände ihrer Gründung gibt es widerstreitende Annahmen: Folgte Auguste einem Geistesblitz, oder inspirierte sie das OEuvre de la Ste. Enfance, das der Bischof von Nancy 1843 aus der Taufe gehoben hatte?

Wilhelm Jansen, der 1970 die Geschichte des Päpstlichen Missionswerks der Kinder in Deutschland bis 1945 umfassend erforscht hat und auf Nachfolger harrt, ist überzeugt, Auguste habe 1845 bei einem Besuch ihrer Großeltern in Lüttich von dem sich rasch ausbreitenden französischen „Werk der heiligen Kindheit“ erfahren. Eine Notiz im „Münsterschen Sonntagsblatt“ und in den „Mainzer Sonntagsblättern“ belegt überdies erste Gehversuche in den Diözesen Paderborn und Mainz. Dort erschien 1845 auch eine Werbeschrift für den Missionsverein, der Kinder zu Gebet und Spenden für arme Altersgenossen vor allem in China aufrief. Der Aachenerin gebührt in jedem Fall das Verdienst, den Verein offiziell etabliert und eine Verbindung zum Pariser Generalrat des französischen Muttervereins hergestellt zu haben.

Zunächst versuchte sie mit bescheidenem Erfolg, kleine Aachener zu werben. Erst als der beliebte Seelsorger Wilhelm Sartorius das Projekt in seiner Pfarrschule vorstellte, war der Damm gebrochen. Letztlich waren es die Kinder selbst, die mit ihrer Begeisterung dem Verein Leben einhauchten. Als Belohnung erhielten sie Medaillen und Bildchen. Mitglied durfte jedes getaufte Kind werden. In der Regel dauerte die Mitgliedschaft bis zur Ersten Heiligen Kommunion, die damals mit etwa zwölf Jahren gefeiert wurde. Wer Mitglied blieb, hieß „Verbündeter“ und hatte an allen Ablässen und Gebeten teil. Doch musste er oder sie im Alter von 21 Jahren dem großen Franziskus-Xaverius-Missionsverein beitreten. Konkurrenz sollte vermieden werden, zumal dessen Gründer, der Aachener Arzt und Ratsherr Heinrich Hahn, ein enger Freund der Familie von Sartorius war. Hahn hatte sich 1832 von einem französischen Verein inspirieren lassen, dem „Werk der Glaubensverbreitung“, den die achtzehnjährige Pauline Marie Jaricot 1822 in Lyon gegründet hatte. Das weitgespannte Netzwerk zeigt, wie sehr Mission – innere wie äußere – „Beziehungsgeschichte“ (Gerald Faschingeder) ist.

Spenden für chinesische Kinder

Seine Erfolge, missionarische wie finanzielle, machte der Kindermissionsverein in Jahrbüchern publik, deren Hefte seit 1848 viermal im Jahr erschienen. Die wenig kindgerechten Beiträge standen in der Tradition des Missionsjournals aus dem achtzehnten Jahrhundert, dem Markus Friedrich und Alexander Schunka 2017 einen Sammelband gewidmet haben. Vor allem das Schicksal chinesischer Kinder, die von ihren Eltern ausgesetzt oder gleich getötet wurden, sollte die Großzügigkeit der jungen Spender beflügeln.

Der Grat zwischen missionarischem Eifer und propagandistischer Instrumentalisierung war schmal. Die Jahrbücher spiegeln den kolonialen Blick auf die „armen, unwissenden Heiden“. Der Historiker A. M. Wu, der in Taiwan zur Schule ging, in Berlin Deutsch lernte, in Berkeley promoviert wurde und heute in Paris lehrt, stellt allerdings heraus, dass die Missionare nicht ausschließlich überhebliche Ausländer gewesen seien, sondern sich durchaus auf die chinesische Kultur eingelassen hätten. Wus 2016 publizierte Monographie „From Christ to Confucius“ (2016) leitete einen Blickwechsel in der Missionsgeschichtsschreibung ein.

Als sich Auguste 1855 für eine geistliche Berufung im Sacré-Cœur-Orden entschied, sandte sie einen Abschiedsbrief nach Paris: „Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie traurig ich bin, mich von dem Werk trennen zu müssen, das neun Jahre hindurch mein ganzer Trost war. Dem Werk der heiligen Kindheit werde ich immer das größte Interesse bewahren, für das zu beten ich nicht aufhören werde.“ Sie starb am 8. Mai 1895 als vierte Generaloberin der Schwestern vom heiligsten Herzen Jesu. Ihr geistliches Kind überstand den Kulturkampf und zwei Weltkriege und wird auch die Covid-19-Pandemie überleben.

Quelle: F.A.Z.
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