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Nur das Beste, aus aller Welt

Von SONJA KASTILAN
Illustration: Carsten Feig

06.12.2019 · Reisterrassen, Schilfinseln, Wurzelbrücken: Die Architektin Julia Watson beschreibt in ihrem Buch „Lo-TEK“, wie Menschen ihre Umwelt traditionell gestalten. Konzepte für unsere Zukunft?

Sieben Sehenswürdigkeiten standen auf der berühmten ersten Liste, Reiseempfehlungen eines Dichters. In der Antike war die Welt der Wunder begrenzt, heute gibt es Hunderte von Tipps für die entlegensten Regionen der Erde. Was einmal die hängenden Gärten der Semiramis waren, sind jetzt die Reisterrassen auf Bali oder den Philippinen. Nur die Pyramiden von Gizeh haben die Jahrtausende überstanden und sind bis heute eine Attraktion im Wüstensand: monumentale Zeugnisse einer verschwundenen Hochkultur. Ginge es nach der Landschaftsarchitektin Julia Watson, müssten wir eine neue, völlig andere Liste schreiben. Anstelle von Grabmälern fänden sich darauf ausgeklügelte Technologien und Konstruktionen. Auch möchte sie eine Bewegung ins Leben rufen und altbewährtes ökologisches Wissen nutzen, wo Hightech schon bald versagen wird.

Vor sieben Jahren hat Watson selbst mit dieser Sammlung angefangen und stellt in ihrem Buch „Lo-TEK, Design by Radical Indigenism“ das soeben auf Englisch im Taschen Verlag erschienen ist, gut zwei Dutzend von mehr als hundert Beispielen detailliert vor: keine toten, sondern nach wie vor existierende Kulturen. Noch. Ihre Liste führt Leser theoretisch um den Globus, überall dorthin, wo Menschen gelernt haben, sich in Wüsten, Wäldern, Gebirgen, an und auf Gewässern so einzurichten, dass man ihre Methoden nachhaltig nennen kann. „Ich versuche, den Blick auf etwas zu lenken, was bisher oft übersehen und meist nicht einmal als schützenswert empfunden wird“, erklärt Watson. „Wir bewahren die Pyramiden, während die Kultur der Ma’dan bedroht ist und ihr traditionelles Knowhow in Vergessenheit gerät.“ 

Die Ma’dan im Irak sind als Baumeister schwimmender Inseln bekannt. Wo Euphrat und Tigris aufeinandertreffen, pflegen diese Marsch-Araber seit Jahrtausenden eine halbnomadische Lebensweise. Ihre Architektur aus Schilf und Schlamm nennt man heute: nachhaltig.
Die Ma’dan im Irak sind als Baumeister schwimmender Inseln bekannt. Wo Euphrat und Tigris aufeinandertreffen, pflegen diese Marsch-Araber seit Jahrtausenden eine halbnomadische Lebensweise. Ihre Architektur aus Schilf und Schlamm nennt man heute: nachhaltig. Illustration: aus dem Band Lo-TEK; Berke Yazicioglu u. Julia Watson; W-E studio (Bearbeitung F.A.Z.-Grafik heu.)

Die Ma’dan oder Marsch-Araber leben seit mehreren Jahrtausenden im Gebiet von Euphrat und Tigris, wo sie mit einfachen Werkzeugen und Techniken aus Schilfrohr und Schlamm beeindruckende Konstruktionen schaffen. Ihre schwimmenden Inseln sind nicht für die Ewigkeit gedacht, bestehen dafür aber aus nachwachsenden Rohstoffen und sind an ihr ungewöhnliches Ökosystem bestens angepasst. Trotzdem wurden sie von dort vertrieben, das Marschland in den 1990er Jahren teilweise trockengelegt. Einige kehrten inzwischen zurück, bauen wieder mit Schilfrohr – auf ihre Weise und ganz anders als etwa die Konstrukteure der Urus am Titicacasee in Peru. Wie, das veranschaulichen die aufwendig gestalteten Grafiken im Buch. 


„Ich versuche, den Blick auf etwas zu lenken, was bisher oft übersehen und meist nicht einmal als schützenswert empfunden wird“
JULIA WATSON

Die Lo-TEK-Entwicklungen könnte man allesamt zum Weltkulturerbe erklären, einige gehören für die Unesco bereits dazu, aber selbst das ist nicht immer die beste Lösung, um sie zu bewahren. Es sind ja keine Landschaften, menschenleer, sondern gelebte Traditionen. Als solche sind sie nicht vor Veränderungen gefeit, manche auch durch zunehmende Verstädterung bedroht, wie im Fall der Aquakultur am Rande von Kalkutta. Das Abwasser dient dort seit Mitte des 20. Jahrhunderts zur Fischzucht, wird so aufbereitet und gereinigt. „Solche funktionierenden Technologien müssen wir studieren, sie können uns in Zukunft sehr nutzen, denn unsere Welt, wie wir sie kennen, verändert sich. Nichts und niemand bleibt davon unberührt“, sagt Watson. Auf den Anstieg des Meeresspiegels, der zum Beispiel Holland oder Dänemark betreffen wird, sollten Küstenstädte nicht mit kurzfristigen Lösungen reagieren: lieber das Wasser hindurchfließen lassen, als Wälle zu errichten. Überhaupt müssten wir urbanes Leben völlig neu denken, und nicht nur das: Ein Re-Framing auf vielen Ebenen wünscht sich Julia Watson. 


„Es lohnt sich alles zu überdenken, andere Wege zu finden und Methoden zu kombinieren.“
JULIA WATSON

Aufgewachsen in Australien, studierte sie erst an der Universität von Queensland, später in Harvard. Heute lebt Julia Watson in New York, unterrichtet unter anderem an der Columbia University und betreibt ein Design Studio. Mit Respekt nähert sich Watson indigenen Kulturen, betrachtet ihre Lebensweise aus dem Blickwinkel der Designerin und Architektin. Zu dieser Perspektive fordert sie in Seminaren auch ihre Studenten auf, nicht um Häuser zu betrachten, sondern das große Ganze: Wie die Menschen es geschafft haben, sich mit ihren Methoden in die jeweilige Landschaft einzubetten. „Sie sollen unter die Oberfläche schauen. Mit frischem Blick. Studenten sind jung und noch eher bereit, gegen den Strich zu denken und die üblichen Grenzen der Architektur hinter sich zu lassen, das Herkömmliche“, sagt Watson, selbst gerade 42 geworden. Gerade wenn Fotos in National Geographic besonders natürlich wirken, sei es einer Kultur gelungen, mit ihrer Umgebung scheinbar zu verschmelzen, weil sie sich mit und aus den dort herrschenden Bedingungen entwickelt und angepasst hat. In gewisser Weise entspreche das der fundamentalen Schönheit einer eleganten, unglaublich guten Architektur.

Mexikanische Waldgärten folgen dem „Milpa“-Zyklus nach Tradition der Maya. Auf Brandrodung im kleinen Maßstab folgen zwanzig Jahre des bewussten Wechsels: Das Trio aus Mais, Bohnen und Kürbis liefert schnelle Ernten, dann kommen Bananen und Papaya dazu, später Avocado, Mango, Zitrusbäume, Cherimoya und Guave. Am Ende übernehmen wieder die Harthölzer.
Mexikanische Waldgärten folgen dem „Milpa“-Zyklus nach Tradition der Maya. Auf Brandrodung im kleinen Maßstab folgen zwanzig Jahre des bewussten Wechsels: Das Trio aus Mais, Bohnen und Kürbis liefert schnelle Ernten, dann kommen Bananen und Papaya dazu, später Avocado, Mango, Zitrusbäume, Cherimoya und Guave. Am Ende übernehmen wieder die Harthölzer. Illustration: aus dem Band Lo-TEK; Berke Yazicioglu u. Julia Watson; W-E studio (Bearbeitung F.A.Z.-Grafik heu.)

Julia Watson hegt großes Verständnis für die spirituellen Vorstellungen einer Kultur, insbesondere in Bezug zur Landschaft. Trotzdem liegt es ihr fern, indigene Völker und deren Lebensweisen zu romantisieren. Wir sollen nicht plötzlich alle modernen Errungenschaften hinter uns lassen, vielmehr geht es ihr darum, diese zu hinterfragen und mit fremden Kenntnissen zu ergänzen. Da wir durch den Klimawandel gezwungen seien, unsere Bandbreite an Technologien und Methoden zu erweitern. Die westliche Zivilisation beruhe auf Techniken, die zwar hochentwickelt seien, aber eben nur einen kleinen Ausschnitt der Methoden darstellen, jenen, auf die unsere Vorfahren in Europa bauten. „Wir sind heute aber in einer anderen Position, leben in einer globalisierten Welt“, sagt Watson. „Mit Blick auf alle Informationen, Zugriff auf alle Möglichkeiten; wir können uns austauschen und voneinander lernen. Um unsere Vorstellungen von einer städtischen Umgebung grundlegend zu verändern, sollten wir indigene Kulturen betrachten und ihr Wissen nutzen.“ Ihr Buch trage daher den Zusatz „Design by Radical Indigenism“. Aber das bedeute nicht, dass wir einfach irgendwelche rustikalen Technologien in unser urbanes Leben verpflanzen. In Amsterdam, New York oder Frankfurt müsse niemand Waldgärten, Schilfinseln oder Reisfelder anlegen oder Wurzelbrücken bauen, aber Hightech sei nun mal nicht die einzige Möglichkeit, vorwärtszukommen: „Es lohnt sich alles zu überdenken, andere Wege zu finden und Methoden zu kombinieren.“ Das Konzept „superschnell und supergroß“ hält sie nicht mehr für zeitgemäß.

Im indischen Bundesstaat Meghalaya ist es Tradition, aus Gummibäumen und deren Luftwurzeln stabile Brücken und Leitern zu gestalten. Das dauert Jahre bis Jahrhunderte. In den Bergwäldern trotzen diese stabilen Konstruktionen auch dem Monsunregen.
Im indischen Bundesstaat Meghalaya ist es Tradition, aus Gummibäumen und deren Luftwurzeln stabile Brücken und Leitern zu gestalten. Das dauert Jahre bis Jahrhunderte. In den Bergwäldern trotzen diese stabilen Konstruktionen auch dem Monsunregen. Illustration: Timothy Allen / Axiom
Im indischen Bundesstaat Meghalaya ist es Tradition, aus Gummibäumen und deren Luftwurzeln stabile Brücken und Leitern zu gestalten. Das dauert Jahre bis Jahrhunderte. In den Bergwäldern trotzen diese stabilen Konstruktionen auch dem Monsunregen. Illustration: Timothy Allen / Axiom

Von Interesse ist die Lo-TEK-Sammlung der Landschaftsarchitektin Julia Watson deshalb auch für den Baubotaniker Ferdinand Ludwig von der TU München. Seine Mitarbeiter widmen sich in Forschungsprojekten beispielsweise den „lebenden Brücken“ in Indien und überlegen, wie sich die Wurzelgebilde für eine botanische Architektur in unseren urbanen Welten nutzen lassen. „Wir brauchen die Gummibäume heute nicht, um beständige Brücken zu bauen. Doch die Begrünung von Straßen und Gebäuden könnte von der Technik der Khasi mit den Würgefeigen vielleicht profitieren“, erklärt Ludwig. 2007 hat er die Baubotanik an der Universität Stuttgart zum eigenen Forschungsfeld erhoben und seit 2017 in München den Lehrstuhl für Green Technologies in Landscape Architecture inne. Aus den indigenen Design-Beispielen könne man einige Lehren ziehen: „Es sind meist hochgradig spezifische Lösungen, die über Generationen hinweg entwickelt wurden, auf exakten Naturbeobachtungen und tradiertem Wissen beruhen“, sagt er. „Deshalb sind sie stark an die lokalen Bedingungen und auch an die vorhandenen Werkzeuge angepasst. Diese Kulturtechniken kann man nicht unverändert nach Mitteleuropa holen. Aber wir denken darüber nach, die Methoden zunächst auf Städte in ähnlichen Klimazonen zu übertragen.“

<b>1. Hauptwurzeln </b>Das sekundäre Wurzelsystem des Baumes Ficus elastica bildet die Hautstruktur.
<b>2. Wurzel-Leitsystem</b> Ausgehöhlte Betelpalemenstämme dienen als Leitsystem, damit die Luftwurzeln einen Fluss überbrücken.
<b>3. Sekundäres Wurzelsystem </b>Herunterhängende Luftwurzeln werden in das Gerüst eingewoben.
<b>4. Dickenwachstum</b> Das Netzwerk aus Luftwurzeln und anderen Brückenteilen fungiert als integrierte Infrastruktur.
1. Hauptwurzeln Das sekundäre Wurzelsystem des Baumes Ficus elastica bildet die Hautstruktur.
2. Wurzel-Leitsystem Ausgehöhlte Betelpalemenstämme dienen als Leitsystem, damit die Luftwurzeln einen Fluss überbrücken.
3. Sekundäres Wurzelsystem Herunterhängende Luftwurzeln werden in das Gerüst eingewoben.
4. Dickenwachstum Das Netzwerk aus Luftwurzeln und anderen Brückenteilen fungiert als integrierte Infrastruktur.

In der Architektur besinnt man sich wieder auf klassische Baumaterialien wie Lehm und Holz. Nachhaltigkeit und Klimawandel sind Themen, die für deren Renaissance sorgen und die Gestalter sensibilisieren. Ob der Trend von Dauer ist, wird sich zeigen, vielleicht ist es nur ein kurzfristiger Hype. Julia Watson hofft jedoch, dass sich der ökologische Gedanke durchsetzt und wir Stadtplanung oder Landwirtschaft grundsätzlich neu angehen: hin zu symbiotischen, biologischen Infrastrukturen. „Innerhalb von sieben Jahren konnte ich mit meinen Studenten rund 120 traditionelle Technologien aufspüren“, sagt sie. „Wird die Bewegung größer, finden sich noch mehr.“ Der Klimawandel lasse uns gar keine andere Wahl, wir müssten jetzt darüber nachdenken und gemeinsam nach Lösungen suchen. 


„Es sind meist hochgradig spezifische Lösungen, die über Generationen hinweg entwickelt wurden.“
FERDINAND LUDWIG

In Indien werden Luftwurzeln der Gummibäume über mehrere Generationen hinweg zu Brücken geformt: Wer solch komplexe Baubotanik betreibt, muss sich also in Geduld üben. Nicht anders Ferdinand Ludwig, der mit seinem Kooperationspartner Daniel Schönle eine Art Langzeitversuch gestartet hat: mit dem Platanenkubus in Nagold. Frost setzte den Pflanzen zu, die Bewässerungsanlage zeigte ihre Tücken. Doch dass sich solche Mischkonstruktionen nicht schnell hochziehen lassen, frustriert die beiden Planer keineswegs: „Wir begrüßen das Warten auf Wachstum und begreifen es außerdem als Statement.“ 

Kalkuttas Abwasser dient im Bheri-System der Fischzucht, indem es eine Plankton- und Algenblüte fördert, somit Futter liefert. Das Konzept wurde in den 1920ern Jahren entwickelt und setzte sich Mitte des 20. Jahrhunderts durch. Die Aquakultur wird auf rund viertausend Hektar betrieben und liefert angeblich 13. bis 25.000 Tonnen Fisch pro Jahr.
Kalkuttas Abwasser dient im Bheri-System der Fischzucht, indem es eine Plankton- und Algenblüte fördert, somit Futter liefert. Das Konzept wurde in den 1920ern Jahren entwickelt und setzte sich Mitte des 20. Jahrhunderts durch. Die Aquakultur wird auf rund viertausend Hektar betrieben und liefert angeblich 13. bis 25.000 Tonnen Fisch pro Jahr. Illustration: aus dem Band Lo-TEK; Berke Yazicioglu u. Julia Watson; W-E studio (Bearbeitung F.A.Z.-Grafik heu.)

Natürlich lasse sich nicht alles planen, wenn Architektur auf Pflanzen setzt, es sterbe auch mal etwas ab, das gehöre dazu. Aber die Geometrie habe man im Griff. Jede Baumart hat ihre spezifische Form, wächst auf ihre Art in die Höhe oder legt an Umfang zu. Für Ludwig ist diese Dynamik spannend, für andere aber oft zu anspruchsvoll oder komplex: Ohne Kenntnisse in Botanik und Biomechanik ist nichts davon darstellbar. Doch durch den Klimawandel sind wir gezwungen, uns damit auseinanderzusetzen, wie sich Städte grüner gestalten lassen. „Vielfalt ist immer eine Antwort“, sagt Ludwig, „die Stadtbegrünung müssen wir breiter aufstellen und die Hoffnung nicht auf einzelne Arten der Zukunft setzen.“ Das bedeute, offen zu experimentieren und Exoten zu berücksichtigen, die an Klimaverhältnisse angepasst seien, wie sie bei uns vielleicht in zwanzig, fünfzig Jahren herrschen. Das könne sich lohnen, trotzdem müsse man besonnen vorgehen: „Und unter Umständen die Notbremse ziehen.“


Die Massai leben als Halbnomaden in Kenia und Tansania. Sie bauen Hütten aus Lehm, Dung, Ästen und Gräsern und fürs Vieh extra Pferche: Die Zäune bestehen aus den dornigen Ästen von Kampferbusch und Akazie – verwoben durch andere Pflanzen, gehalten von termitenresistenten Holzpfosten.
Die Massai leben als Halbnomaden in Kenia und Tansania. Sie bauen Hütten aus Lehm, Dung, Ästen und Gräsern und fürs Vieh extra Pferche: Die Zäune bestehen aus den dornigen Ästen von Kampferbusch und Akazie – verwoben durch andere Pflanzen, gehalten von termitenresistenten Holzpfosten. Illustration: Timothy Allen / Axiom
Die Massai leben als Halbnomaden in Kenia und Tansania. Sie bauen Hütten aus Lehm, Dung, Ästen und Gräsern und fürs Vieh extra Pferche: Die Zäune bestehen aus den dornigen Ästen von Kampferbusch und Akazie – verwoben durch andere Pflanzen, gehalten von termitenresistenten Holzpfosten. Illustration: Timothy Allen / Axiom

Grün wirkt, ohne Frage, gerade in Städten und an den Fassaden. Warum es dann noch immer so wenige grüne Häuser gibt? Nicht die Technologie ist das Problem, sondern der Aufwand: Es ist nicht ganz billig, und Pflanzen brauchen Pflege. „Alle wissen, wie gut das Grün ist, doch Geld will niemand dafür ausgeben“, meint Ludwig, der noch einen anderen Konflikt sieht: die Architektur selbst. Schon im Studium verfestige sich die Haltung, man sei Gestalter eines Artefakts. „Sobald Sie aber etwas Lebendiges, also Pflanzen, miteinbeziehen, verlieren Sie die Gestaltungshoheit über Ihr Werk – und fertig ist es eigentlich auch nie“, erklärt der Baubotaniker. Wenn man sein „Meisterstück“ als fertiges Artefakt auffasse, schließe das Grün oft kategorisch aus. Oder es fehle am Wissen, wie es sich einbinden lässt. Es sei eine Frage der Haltung; Wandel, Ressourcen, Nachhaltigkeit und Kreislauf: Diese Themen sollten Konzepte zukünftig stärker beeinflussen. 


„Vielfalt ist immer eine Antwort. Die Stadtbegrünung müssen wir breiter aufstellen und die Hoffnung nicht auf einzelne Arten der Zukunft setzen.“
FERDINAND LUDWIG

„Meist überzeugen bei solchen Projekten nicht die ästhetischen, ökologischen oder wissenschaftlichen Argumente“, sagt Julia Watson. Die Verantwortlichen träfen ihre Entscheidung aus politischen Gründen. Aber kein Land schaffe den Wandel allein, Regierungen müssten zusammenarbeiten und verhindern, dass aufstrebende Nationen die Fehler der Industrieländer wiederholen.

Niemand muss den Lebensstil der Ma’dan oder der Massai adaptieren. Aber wir hätten die Chance, von allen Kulturen zu lernen: das Beste aus aller Welt. Als Nächstes brauche es eine Methodik, um zu verstehen, was unsere Zivilisation voranbringen kann, meint Julia Watson, in „Symbiose mit unserem Planeten“. Ihr Buch versteht sie als eine Art Werkzeugkiste für diesen nächsten großen Schritt der Veränderung. 

Literatur:
Julia Watson, „Lo-TEK. Design by Radical Indigenism“
,
420 Seiten, Taschen Verlag, Köln 2019,
40 Euro.


06.12.2019
Quelle: F.A.S.

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