Streit um Ökumene

Die Kardinalskritik am gemeinsamen Abendmahl überzeugt nicht

Von Volker Leppin
Aktualisiert am 15.11.2020
 - 16:49
Ein Bischof bricht eine Hostie (Symbolbild).
Die gegenseitige Einladung zum Herrenmahl durch Katholiken und Evangelische ist ökumenisch unbedenklich: Eine gemeinsame Feier erlaubt mentale Fußnoten.

Seit vergangener Woche wird nun auch in der breiten Öffentlichkeit über „Gemeinsam am Tisch des Herrn“ diskutiert, jenes Votum des Ökumenischen Arbeitskreises evangelischer und katholischer Theologen (ÖAK), das für eine gegenseitige Einladung zum Herrenmahl durch Katholiken und Evangelische plädiert. Die Aufmerksamkeit hat wohl auch damit zu tun, dass in der allerletzten Arbeitsphase mit Georg Bätzing ein prominenter Kirchenvertreter als katholischer Ko-Vorsitzender zu der etwa dreißigköpfigen Arbeitsgruppe hinzugestoßen ist, der den zuvor zehn Jahre lang erarbeiteten Text jetzt mit vertritt.

In seiner Eigenschaft als dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) wurde ihm kürzlich vom Präfekten der Glaubenskongregation, Kardinal Luis Ladaria, eine heftige Kritik des Votums zugestellt. Die DBK hat das römische Schreiben samt seiner lehrmäßigen Anmerkungen am vergangenen Donnerstag veröffentlicht – ein Schritt, der zunächst nicht vorgesehen war. Die Grundlegung des ÖAK-Votums in einer historisch-kritischen Betrachtung verstoße, so die Kritik Ladarias, gegen die Konzilskonstitution „Dei Verbum“, in der es heiße, dass die „Kirche ihre Gewissheit über alles Geoffenbarte nicht aus der Heiligen Schrift allein schöpft“.

Zu diesem Satz hat sich schon einmal ein Tübinger Theologieprofessor geäußert: Er sei „vom ökumenischen Gesichtspunkt her (. . .) völlig unbedenklich“, da er allein die „Ebene der Vergewisserung“ betreffe. Der Professor hieß Joseph Ratzinger. Er erinnerte auch daran, dass „die historische Forschung (. . . ) die reformatorische Idee von der Eindeutigkeit der Schrift selbst aufgehoben“ habe. Wenn die Glaubenskongregation dem Nachweis des ÖAK, dass das neutestamentliche Zeugnis vielfältig ist, vorwirft, „eigentlich eine konfessionelle“ – evangelische – Hermeneutik zu vertreten, ignoriert sie nicht nur die Leistungen gegenwärtiger katholischer Exegese. Sie hat auch die antiprotestantischen Anfänge historischer Kritik bei dem katholischen Forscher Richard Simon (1638 bis 1712) vergessen.

Realpräsenz Christi in der Eucharistie

Schwerer wiegt: Die Glaubenskongregation vermisst auch „ein eindeutiges Bekenntnis zur Realpräsenz Christi in der Eucharistie“. Das hält sie einem Text vor, der schreibt: „Heute suchen die ökumenischen Partner gemeinsam nach philosophischen Konzepten, durch deren Aufnahme Menschen das sehr anspruchsvolle Bekenntnis der wahren Gegenwart Jesu Christi im Zeichen von Abendmahl/Eucharistie erschlossen wird.“ Wer ein Bekenntnis erschließen will, setzt es voraus. Zugegeben: Das hätte man direkter sagen können. Theologische Redeweise ist manchmal kompliziert – deswegen sollte, wer etwas vermisst, zweimal schauen, ob er nicht einfach selbst etwas übersehen hat.

Das gilt auch für die Mahnung aus Rom, evangelische Christen könnten an der katholischen Eucharistie ohnehin nicht teilnehmen, „ohne in einen Gewissenskonflikt zu geraten“, schließe eine Teilnahme doch die gesamte liturgische Feier und darin auch das Bekenntnis zur Gemeinschaft mit Papst und Ortsbischof ein. Christliche Gebetspraxis weiß zwischen wörtlichen Einzelheiten und dem Grundsinn eines Gebets oder Bekenntnisses zu unterscheiden. Wer heute „Amen“ zum Bekenntnis „geboren von der Jungfrau Maria“ sagt, muss nicht wie das Protoevangelium des Jacobus an eine physisch überprüfbare Jungfräulichkeit denken. Könnte man Amen nur bei wörtlicher Zustimmung zu jedem einzelnen Satz sprechen, würde das Wort manchen Gläubigen im Halse stecken bleiben, wenn es im Gottesdienst an Fürbittenformulierungen geht. Den Grundsinn des Gebetes kann auch bejahen, wer im Einzelnen mentale Fußnoten macht. So kann ein evangelischer Christ die Gemeinschaft mit dem Bischof von Rom und anderen römisch-katholischen Ortsbischöfen bejahen. Sie sind Geschwister in der Gemeinschaft der Glaubenden.

Am Ende bleibt, was die Glaubenskongregation als „Kernproblematik“ bezeichnet: Prallen hier nicht doch unterschiedliche Vorstellungen des Verhältnisses von Kirche und Sakrament und damit von Ökumene insgesamt aufeinander? Eine katholische, die sich Abendmahlsgemeinschaft nur als Folge der Kirchengemeinschaft vorstellen kann – und eine evangelische, die in der Verkündigungs- und Sakramentengemeinschaft die Grundlagen der Kirche als Gemeinschaft der Glaubenden sieht? Auch hier ist die Lösung, die das Votum des ÖAK findet, etwas komplexer als die Frage, die ihr entgegenschlägt: Dadurch, dass nicht Abendmahlsgemeinschaft behauptet wird, sondern der ÖAK lediglich eine gegenseitige Einladung zur je eigenen Feierform theologisch nahelegt, wird das Ziel der Ökumene sichtbar – und ist doch noch nicht erfüllt.

Volker Leppin ist Professor für Kirchengeschichte an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen.

Quelle: F.A.Z.
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