FAZ plus ArtikelSoziologie der Absagen

Wie man möglichst sanft enttäuscht

Von André Kieserling
20.01.2022
, 10:27
Wenn man einen Bewerber oder eine Bewerberin nicht einstellen will, gibt es sanfte Wege, dies mitzuteilen.
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Es gibt Strategien, um Bewerber, Angestellte – oder auch Liebhaber – ohne große Enttäuschungen loszuwerden. Interessanterweise kommen sie in der Wissenschaft ganz zufällig schon zum Einsatz.
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Die moderne Gesellschaft wird oft dadurch charakterisiert, dass sie ihre Mitglieder zu mehr Erwartungen ermuntert, als sie erfüllen kann. Ein Grund dafür ist, dass sie nur noch mobile Hierarchien kennt. Die Nachfolger für die Inhaber ihrer Spitzenpositionen werden nicht geboren, sondern unter mehreren Be­werbern ausgewählt. Auf alle Nichtausgewählten kommt dann eine Enttäuschung zu. Darin, und ähnlich auch in den Entlassungen, stecken Probleme nicht nur für den Betroffenen. Denn wer sich in Erwartungen enttäuscht sieht, mit denen er sich öffentlich identifiziert hat, der wird rasch un­berechenbar: Er verteidigt nicht nur seine Erwartung, er verteidigt sich selbst. Es drohen Wutausbrüche ge­gen den Überbringer der schlechten Botschaft oder Klagen und Anlagen vor unbeteiligten Dritten mit unvorhersehbarem Ausgang.

Nun gibt es Möglichkeiten, dem Enttäuschten die Anpassung an seine schwierige Situation zu erleichtern. Der Soziologe Erving Goffman stellte einst einige von ihnen zusammen: Die Rolle des Überbringers kann von einem Freund übernommen werden, der bei dieser Gelegenheit deutlich macht, dass er den Erfolglosen nach wie vor achtet. Oder man teilt ihm die negative Entscheidung nicht gleich mit, sondern warnt zunächst einmal nur, dass sie be­vorstehen könnte, und gibt ihm so die Gelegenheit, sich auf das drohende Un­heil vorzubereiten. In anderen Fällen bietet man ihm einen minderwertigen, aber honorigen Ersatz an: Der gewalttätige Polizist erhält eine Stelle im Innendienst, und dem verschmähten Liebhaber wird eine Zukunft als guter Freund offeriert. Oder man besänftigt mit der Aussicht auf eine zweite Chance, die aber oft ausgeschlagen wird, da ein Rücktritt in die zweite Reihe, nachdem man sie erfolglos zu verlassen suchte, nicht leichtfällt. Eine andere Möglichkeit wäre, einfach zunächst nur auf Probe einzustellen.

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Oliver Berli, Warming up und Cooling out in der Wissenschaft, in: Berliner Journal für Soziologie 31 (2021), S. 327-352; Erving Goffman, On Cooling the Mark out, in: Psychiatry 15/1952), S. 451-463.

Quelle: F.A.S.
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