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Kultgeschichte des Geburtstags

Vom Mut, sich selbst zu feiern

Von Andreas Frey
 - 16:00
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Für manche Menschen ist der eigene Geburtstag nichts anderes als ein Datum. Ob sie nun an diesem oder jenem Tag geboren sind, ob es damals schneite oder der Mond im dritten Haus stand, ist ihnen ziemlich egal. Erinnern können sie sich ohnehin nicht an den Tag ihrer Geburt. Außerdem lässt sie dieser Tag in seiner Wiederkehr numerisch altern, bringt sie Jahr für Jahr dem Ende ein Stückchen näher. Was, bitteschön, soll’s da zu feiern geben?

Mehr, als man denkt. Neben Kerzen, Kuchen und Geschenken ist das Geburtstagsfest nichts weniger als eine Errungenschaft der Moderne. Oder, pathetischer formuliert: Wer zum Geburtstag einlädt, feiert damit automatisch die Werte der Aufklärung.

Ein Untertan feiert seinen Herrn, aber nie sich selbst

Ein bloßer Untertan jedenfalls wäre niemals auf den Gedanken gekommen, sich selbst zu feiern; höchstens seinen weltlichen, geistlichen oder göttlichen Herrn. Bevor man das Ich preisen konnte, musste man es erst einmal erkennen. Wenn wir heute also selbstverständlich des Datums unserer Geburt gedenken, zelebrieren wir uns als freie, aufgeklärte, selbst denkende Individuen, die nicht mehr unter der Knute irgendeines Herrschers stehen. Celebrari aude – habe den Mut, dich selbst zu feiern.

Diese Sicht vertritt jedenfalls der Kunstwissenschaftler Stefan Heidenreich in seinem neuen Buch („Geburtstag. Wie es kommt, dass wir uns selbst feiern“, erschienen bei Hanser). „Im Feiern des Geburtstags zeigen wir uns als moderne Subjekte“, schreibt er. Es sei jedenfalls kein Zufall, dass ausgerechnet in der Zeit der Aufklärung die Menschen quer über fast alle Stände und Klassen hinweg begannen, ihren Geburtstag zu begehen. Heidenreichs Recherchen zufolge scheint sich dieses Fest für alle Gesellschaftsschichten zuerst im deutschen Raum verbreitet zu haben. Nur der wohlhabende Adel zelebrierte es schon deutlich früher. Demnach waren es vor allem Kindergeburtstage, die sich mit den deutschen Auswanderern weltweit verbreiteten und mit ihnen die heute noch bekannten Bräuche wie Kuchen mit Nüssen und Kerzen zum Ausblasen. Neue Traditionen kamen hinzu, einige davon schräg bis bizarr.

Mit dem Datum nahmen es die Römer nicht so genau

Originär deutschen Ursprungs ist der Geburtstag allerdings nicht. Die Römer feierten ihre Geburtstage so ausschweifend, wie sie das ganze Jahr hindurch eigentlich immer einen Anlass für ein Fest fanden. Freunde wurden eingeladen, Gedichte vorgetragen, häufig öffentlich auf der Straße vor dem Haus. Natürlich gab es Wein, aber auch Kuchen und Geschenke. Nur mit dem exakten Datum nahmen es die Römer nicht so genau, Jahre zählten sie ohnehin nicht.

Die älteste Überlieferung stammt vom Dichter Ovid. In seinem Exil am Schwarzen Meer schildert er das private Geburtstagszeremoniell zu Ehren seiner Frau. Ovid legt Weihrauchharz in eine Opferstelle und gießt unverdünnten Wein ins Feuer. Dass die Gemahlin wahrscheinlich nicht anwesend ist, ist für das Ritual unwesentlich. „Es war im alten Rom durchaus üblich, den Geburtstag nahestehender Menschen auf diese Weise zu begehen“, schreibt Heidenreich. Denn das Opfer gilt nicht der Person, sondern ihrem Schutzgott – dem Genius bei Männern und der Juno bei Frauen. Diese waren auch anwesend, wenn das Geburtstagskind fehlte.

Ein Römer feierte also nicht seine Geburt als Mensch, sondern die seines Genius; denn Opfer und Feiern standen ausschließlich Göttern zu. Insofern konnten auch nur diejenigen Kaiser ihren Geburtstag feiern, die in den Status der Göttlichen erhoben worden waren. Dieser Kaiserkult begann mit Augustus und währte vierhundert Jahre. Die Cäsaren ließen öffentliche Spektakel veranstalten, mit Pferderennen, Tierhetzen und allerlei anderen blutigen Spielen.

Saufgelagen mit Folgen

In Griechenland nannte man die Lebensbegleiter Daimon. Sie waren aber eher moralische Instanzen und keine Parallelwesen. Jedenfalls feierten die Griechen ebenfalls Geburtstag, allerdings wohl nicht im selben Ausmaß wie die Römer, wie die wenigen Quellen über das griechische Fest nahelegen. Die Feiern fanden nicht jährlich, sondern einmal im Monat statt. Historiker gehen davon aus, dass sich Freunde trafen, die am selben Tag des Monats geboren waren. So feierten etwa die Tetradisten, also die am Vierten geborenen, am vierten Tag jedes Monats gemeinsam. Es wurde gegessen und ordentlich getrunken. Eigentlich war es eher ein Saufgelage.

Der Spaß endete wie so häufig in der Geschichte unter der Herrschaft des Christentums. Da mit der Geburt gleichzeitig die Sünde auf die Welt komme, gebe es an diesem Tag nichts zu feiern, lautete die Doktrin. Einzig der Todestag bringe Erlösung, hieß es. Und natürlich lieferte die Bibel die Belege dafür gleich mit. Schließlich begingen dort nur Sünder wie der Pharao und Herodes ihren Geburtstag. Und stieß Hiob während eines Geburtstagsfestes nicht ein Unglück zu? Er verlor seine Söhne, als die Festgesellschaft unter dem einstürzenden Dach eines Hauses begraben wurde. „Ausgelöscht sei der Tag, an dem ich geboren bin, und die Nacht, da man sprach: Ein Knabe kam zur Welt!“, notierte Hiob später. „Jener Tag soll finster sein!“

Das Gift der Tänzerinnen, die Lockungen der Sänger

Ganz durchsetzen konnte sich die Kirche mit ihren Moralvorstellungen zunächst aber nicht. Der Bischof von Ravenna, Petrus Chrysologus, sah sich daher gezwungen, die Herrschenden daran zu erinnern, die Sause nicht zu übertreiben: „Haltet Maß bei der Freudenstimmung. Das Gift der Tänzerinnen, die Lockungen der Sänger, die Schwüle der Vergnügungen, die Belastung des Bauches, die Zerrüttung des Geistes mögen beendet sein mit dem Festgelage des Herodias, damit unsere gegenwärtige Fröhlichkeit übergehe in ewige Freude.“

Doch während die römischen Genien in der Abgeschiedenheit der Privathäuser noch lange überdauerten und schließlich in Chimären und Engel weiterlebten, wurde der griechische Daimon buchstäblich dämonisiert. Das lag daran, dass die Griechen im Gegensatz zu den Römern einen Kult der Unterwelt kannten, in die der Daimon nach dem Tod des Menschen hinabstieg. Die Christen machten aus dem Hades eine Hölle, in dem das Böse hauste. So kam es, dass die Vorstellungen von Genius und Dämon, die in der Antike ungefähr dasselbe meinten, heute unterschiedlicher nicht sein könnten.

Die logische Entsprechung in der Genealogie der Parallelwesen ist die unsterbliche Seele. Da die Ewigkeit aber keine Zeit kennt, kennt sie auch keinen Geburtstag. Das persönliche Geburtstagsfest war für viele Jahrhunderte quasi gestorben. Die Christen übernahmen zwar eine Reihe von Festen, die aber mehr den Charakter eines Jubiläums oder Gedenkens hatten. Einen Termin jedoch erfanden sie neu: die Geburt Jesu. Die Tradition der Weihnacht taucht erstmals im vierten Jahrhundert auf, über das exakte Jahr und den Tag wird bis heute gestritten. Ohne Weihnachten jedoch hätte es das private Geburtstagsfest viel schwerer gehabt, sich tausend Jahre später wieder zu etablieren.

Ohne den Kalender kein Geburtstag

Mit der Verehrung von Religionsgründern wie Jesus begannen auch anderswo neue Zeitrechnungen. Der älteste Geburtstag ist der des Propheten Zarathustra. Auf sein Geburtsjahr 1737 vor Christus hat man sich erst 1990 verbindlich festgelegt. Buddhisten hingegen beginnen ihre Zeitrechnung mit dem Tod von Siddartha Gautama 544 Jahre vor Christi Geburt. Vesakh ist der höchste buddhistische Feiertag, er erinnert an die Geburt, die Erleuchtung und das Verlöschen des Buddhas. Zeitlich am besten belegt ist Mohammeds Geburt um das Jahr 570 nach christlicher Zeitrechnung.

Der Kalender war eine Grundvoraussetzung, um Geburtstage überhaupt zu dokumentieren. Vor 1600 kannten nur sehr wenige Menschen ihr Geburtsdatum, und heute noch wird jedes vierte Kind geboren, ohne dass es notiert wird. Im 17. Jahrhundert hatten die Staaten jedenfalls ihre Verwaltung noch nicht auf die Daten ihrer Bürger ausgedehnt, es war schlicht zu aufwendig. Die Buchführung oblag der Familie. Hier tat sich bald etwas, wie der französische Historiker Philippe Ariés berichtet. Im Elsass und in den deutschsprachigen Gebieten war es bereits im 16. Jahrhundert üblich geworden, ein Hausbüchlein zu führen, in dem wichtige Ereignisse wie eine Geburt festgehalten wurden.

Bis die Geburtstage der einfachen Leute systematisch erfasst wurden, dauerte es noch. Die Kirche hatte wenig Interesse, sie sammelte stattdessen Taufbücher. Erst als sich der Staat um die Daten seiner Untertanen kümmerte, wurden große Register erstellt. Das war natürlich nicht uneigennützig: Die Herrschenden wollten wissen, wie viele Steuern sie erheben konnten und wann sie die Jungen in die Armee einziehen konnten. Die Ersten, die mit einem stehenden Heer Erfolg hatten, waren die Schweden. Ohne die systematische Verwaltung und Erfassung der Geburtstage der eigenen Leute wäre das bevölkerungsarme Land nie in der Lage gewesen, über Jahrzehnte hinweg Kerneuropa zu dominieren. Frankreich zog bald nach, und anschließend auch die Preußen. Nach dem Vorbild des Code civil war es von 1837 an Pflicht, jede Geburt eines Kindes zu melden.

Ein Tag, sich selbst zu feiern

Doch damit wurden nur die administrativen Voraussetzungen geschaffen, damit jeder Geburtstag feiern konnte. Etwas Wichtiges fehlte noch. Stefan Heidenreich bezeichnet dies als die Erfindung des Eigentums, die der Ablasshandel der Kirche auslöste. Plötzlich war die Seele und deren Reinigung käuflich. Die Kirche schloss dabei mit dem Gläubigen einen Vertrag: Du zahlst, und wir erlassen dir deine Sünden. Das individuelle Stück Papier verwandelte die Herde der gleichgestellten Gläubigen in eine Vielzahl einzelner Kunden.

Hier beginnt nun jene Privatisierung, an deren Ende das private Geburtstagsfest steht. Denn als Rechtssubjekt steht jedem nicht nur eine verkäufliche Seele, sondern auch ein Tag zu, sich selbst zu feiern. Die Aristokraten pfiffen als Erste auf die päpstlichen Vorgaben aus Rom. Der Adel begann, pompöse Feiern auszurichten, und überbot sich darin gegenseitig. Geburtstage waren Machtdemonstrationen.

Die Renaissance der Geburtstage fällt zeitlich zusammen mit dem Auftreten der Namenstage. Ob sie als Reaktion der Katholiken auf die in protestantischen Milieus üblichen Geburtstage anzusehen sind, ist umstritten. Im frühen 17. Jahrhundert scheinen sogar beide Konfessionen sowohl Geburtstage als auch Namenstage gefeiert zu haben. Erst um 1900 stimmt die Verteilung beider Feste wieder mit den Konfessionsgebieten überein: Katholiken feiern Namenstag, Protestanten Geburtstag. Das spiegelt den Gegensatz von Kirche und Staat. Denn während sich der Geburtstag als Privatfeier aus dem staatlich erhobenen Datum speist, geht der Namenstag den Umweg über die Kirche, über die Verwaltung der Heiligen.

Die Erfindung der Kindheit

„Im Namen feiern wir also nicht allein uns selbst, sondern zugleich eine Person, die die Kirche aus irgendwelchen Gründen für heilig hält“, sagt Stefan Heidenreich. Im Gegensatz dazu gehört unsere Geburt uns selbst. Auch das ist ein Grund, warum sich der Geburtstag über den gesamten Globus verbreiten konnte, während der Namenstag heute nur noch sehr selten gefeiert wird.

Motiv und Motor der Ausbreitung waren und sind wohl die Kinder. Ihrer unverfälschten Freude am Fest hat der Geburtstag seine enorme Popularität zu verdanken. Und es ist sicher kein Zufall, dass der Geburtstagsboom zu einer Zeit ausbrach, als man den Kindern mehr und mehr eine Kindheit zustand. Im Gegensatz zu Weihnachten gehört dieser Tag dem Kind ganz allein.

Dass nicht alle Erwachsene diese Freude teilen, ist eine andere Sache. Rainer Maria Rilke jedenfalls hatte am Kindergeburtstag wohl keine besondere Freude, wie man den „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ entnehmen kann. Dort ist die Rede von eingeladenen Kindergratulanten, „die man kaum kannte, verlegene Kinder, die einen verlegen machten, oder dreiste, die einem das Gesicht zerkratzten und zerbrachen, was man gerade bekommen hatte, und die dann plötzlich fortfuhren, wenn alles aus Kästen und Laden herausgerissen war und zu Haufen lag“.

Nein, man muss dieses Fest nicht unbedingt mögen.

Quelle: F.A.S.
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