Alt-katholische Synodalität

Rede, und tu, was du willst!

Von Christian Geyer
21.06.2022
, 20:12
Synodalität muss erklärt werden: Dieses Bild illustriert den niederländischen Brauch kollegialer Kirchenlenkung im elften Band eines 1742 in Venedig gedruckten Überblickwerks über die Sitten der Völker.
Reformerische Gewinne, ökume­nische Verluste: Lehren aus alt-katholischen Erfahrungen für den Synodalen Weg.
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Ist es nur die verhältnismäßig kleine Zahl der Anhänger, die die Altkatholiken am Rand des ökumenischen Interesses stehen lässt, überhaupt im Schatten der öffentlichen Wahrnehmung – im Unterschied etwa zur evangelischen Kirche? Seit im vorigen Monat der Speyerer Ge­neralvikar Andreas Sturm seinen Übertritt zur Alt-Katholischen Kir­che mitteilte, nimmt die Aufmerksamkeit für diese im Umfeld des Ersten Vatikanischen Konzils entstandene Reformbewegung wieder leicht zu. Frauenordination, Zurück­stufung der päpstlichen Autorität und andere strittige Forderungen der teilweise fünf Jahrzehnte alten Reformagenda im Katholizismus sind dort be­reits verwirklicht. Zum deutschen alt-katholischen Bistum gehören derzeit etwa 15­.000 Mitglieder in sechzig Pfarrgemeinden, die sich über größere Ge­biete wie Diasporagemeinden erstrecken. Überraschend wirkt die Beobachtung, dass zwischen römisch-katholischer und alt-katholischer Kirchenlehre Gemeinsamkeiten bestehen, die es dergestalt mit den meisten Protestanten nicht gibt.

Bezeichnend war 2017 die Antwort des alt-katholischen Bischofs Matthias Ring auf eine Frage von „katholisch.de“, dem offiziellen „Nachrichtenportal“ der katholischen Kirche: „Steht der Ökumene nicht vor allem das unterschiedliche Eucharistieverständnis im Weg?“ Unterscheidend er­widerte der Bischof: „Das sehe ich nicht so. Wir Altkatholiken glauben an die bleibende Realpräsenz, also daran, dass Jesus in der Eucharistie wirklich ge­genwärtig ist. Die sogenannte Transsubstantiationslehre lehnen wir als verbindliches, spezielles Erklärungsmodell dafür ab, persönlich neige ich ihr aber zu. Ansonsten ist unser Amts- und Eucharistieverständnis – mit Ausnahme der Frauenordination – identisch mit dem römisch-katholischen.“ Identisch? Gilt dies neben dem Eucharistieverständnis tatsächlich auch für das Amtsverständnis?

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So einfach sieht es hinter der Nomenklatur dann doch wieder nicht aus. Un­übersehbar entfacht die bischöflich-synodal genannte Kirchenordnung der Utrechter Union der Altkatholischen Kir­chen, wie deren Name in historisch korrekter Herleitung lautet, antihierarchische Dynamiken, die sie in neue Ge­gensätze zur rö­misch-katholischen Kirche bringt. Un­ter der Überschrift „Synodalität in der alt-katholischen Kirche“ (in: Materialdienst des konfessionskundlichen Instituts Bensheim, Band 73, Heft 2, 2022 / De Gruyter) lotet Andreas Krebs, Professor für Alt-Katholische und Ökumenische Theologie an der Universität Bonn, das Gewicht der bischöf­lichen Autorität in seiner Kirche aus. Er möchte damit auch zur Schärfung des Begriffs der Synodalität beitragen, wie er derzeit römisch-katholischerseits kon­trovers diskutiert wird.

Eine Jurisdiktionsgewalt des Bischofs gibt es nicht

Krebs resümiert zunächst wichtige alt-katholische Lehrentwicklungen im Zeichen der bischöflich-synodalen Kirchenverfassung, die im Konfliktfall „am Ende doch ein deutliches Übergewicht zugunsten synodaler Strukturen aufweist“. An­ders gesagt: Eine Jurisdiktionsgewalt des Bischofsamtes im römisch-katholischen Sinne gibt es bei den Alt-Katholiken nicht. „Obwohl in einer aktuellen Kirchenkunde zu lesen ist, die alt-katholische Kirche besitze eine hierarchische Kirchenstruktur, ist dies von der Wirklichkeit sehr weit entfernt. Die herausgehobene Stellung der Person im Bischofsamt hat vor allem eine theologische und moralische Dimension, aber kaum eine juridische.“ In diese Richtung (juridische Depotenzierung des Weiheamts) scheint auch auf die beim deutschen Synodalen Weg jüngst ins Spiel gebrachte „freiwillige Selbstbeschränkung“ des bischöflichen Amtes zu zielen, durch welche sich die kirchenrechtlich verankerte Jurisdiktionsgewalt des Weiheamtes vom Amtsinhaber selbst ausbremsen lassen würde. Eine schlitzohrige Fiktion, gegen die zu­letzt der Wiener Erzbischof Christoph Kardinal Schönborn mit einer theologischen Grundlegung von Synodalität Einspruch erhob.

Alt-Katholische Synode, politisch: Plenum im Mainz 2016
Alt-Katholische Synode, politisch: Plenum im Mainz 2016 Bild: Alt-Katholische Öffentlichkeitsarbeit

Welche alt-katholischen Entwicklungen möchte Krebs betonen, die es ohne die Dominanz „des Synodalen“ über „das Bischöfliche“ nicht gegeben hätte? Festzuhalten bleibe zunächst dies: Nach vereinzelten episkopalen Treueerklärungen zum Nationalsozialismus habe sich die alt-katholische Kirche in der Nachkriegszeit „wieder zu einer weltoffenen, dialogischen, trotz ihrer Kleinheit vielseitigen Kirche“ entwickelt. Dazu gehöre, dass die Ökumene mit der anglika­nischen Gemeinschaft mit Leben gefüllt und ein umfassender Lehrkonsens mit der Orthodoxie erreicht worden sei. Seit 2017 bestehe Kirchengemeinschaft mit der Lutherischen Kirche von Schweden.

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Zunächst gegen bischöflichen Wi­derstand habe sich bewährt, „dass man auf alt-katholischen Synoden beharrlich dabei blieb, die Frauenordination zu fordern – letzten Endes mit Erfolg. Wieder einmal erwies sich, wie schon bei der Aussetzung des Pflichtzölibats und der Einführung einer volkssprachlichen Liturgie im 19. Jahrhundert, die Laienmitbestimmung als entscheidender Reformmotor.“ Wo die episkopale Jurisdiktion abgeschafft wurde, scheint dies ein leichtes Spiel. Der deutsche Synodale Weg ist aber, soll die rö­misch-katholische Kirche hierzulande nicht Sektencharakter annehmen, auf die Ratifizierung einer hierarchisch strukturierten Weltkirche angewiesen, die solche Angewiesenheit als synodale Einbettung versteht.

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Doktrinärer Flickenteppich von Kirchenstiftungen

Insoweit gibt es hier keine einfache Entsprechung zum alt-katholischen Reformszenario, das es von vornherein mit juridisch selbständigen, keiner Zentralgewalt unterworfenen Kirchen zu tun hat. So erklärt sich der doktrinäre Flickenteppich dieser Kirchenstiftungen, wie Krebs ihn anhand der Frauenordination be­schreibt: „Nachdem in Deutschland 1996 die ersten Frauen zu Priesterinnen ge­weiht wurden, folgten bald darauf auch die alt-katholischen Kirchen der Schweiz und der Niederlande. Die alt-katholische Kirche Tschechiens wird womöglich noch in diesem Jahr die Einschränkung des Weiheamtes auf Männer aufheben. Die alt-katholische Kirche Polens verfolgt eine solche Absicht bislang nicht, akzeptiert aber die Praxis ihrer Schwesterkirchen. Allerdings hat die nordamerikanische Polish National Catholic Church (PNCC) die Utrechter Union 2003 wegen der Frauenordination verlassen.“ Reformerischen Gewinnen stehen absehbar ökumenische Verluste entgegen. Der Nenner für die angestrebte Einheit der Kirchen wäre unter diesen Umständen erst noch zu finden und zu formulieren.

Alt-Katholische Synode, liturgisch: Gottesdienst in St. Quintin in Mainz 2018
Alt-Katholische Synode, liturgisch: Gottesdienst in St. Quintin in Mainz 2018 Bild: Alt-Katholische Öffentlichkeitsarbeit

Als zukunftweisend begreift Krebs ein Verständnis von Synodalität, das sich dem „kommunikativen Wahrheitsbegriff“ verschreibt, der weder Kompromiss noch Kompromittierung be­deute, sondern in ihrer Subjektivität selbst Teil der Offenbarung sei. Das bedeutet: Man treffe keine Entscheidung, in der sich nicht alle Betroffenen wiederfinden können! Die Autorität, Be­schlüsse zu fassen, wird als Beauftragung und Repräsentation des Volkes gedacht. Im Rezeptionsgeschehen realisiert sich demnach das Wirken des heiligen Geistes. Lehren, die im synodalen Redefluss nur wenig Resonanz finden, können diesen Geist nicht für sich beanspruchen.

Wo ist in dieser kommunikativen Endlosschleife das Haltesignal? Wie lässt sich das utopische Potential einer kommunikativ entgrenzten Synodalität entschärfen? Hier lässt die alt-katholische Position die Antwort offen, die im römisch-katholischen Verständnis der Synode in der Unterscheidung von beratendem und beschließendem Vo­tum liegt. Die Autorität, auch Positionen mit schwacher Resonanz normative Kraft zuzusprechen, ist vom Glaubenssinn des Volkes nicht unabhängig, versteht sich aber mitnichten als dessen Repräsentation im politischen Sinne: „Die Autorität der Hirten ist eine besondere Gabe des Geistes von Christus, dem Haupt, zum Aufbau des ganzen Leibes, und nicht eine Beauftragung und Repräsentation des Volkes“, heißt es in einer 2018 publizierten Schrift zur Synodalität, verfasst von der päpstlich be­stellten Internationalen Theologenkommission.

Der ehemalige Generalvikar des Bistum Speyer: Andreas Sturm
Der ehemalige Generalvikar des Bistum Speyer: Andreas Sturm Bild: dpa

Freilich bleiben auch in römisch-katholischer Perspektive das Bischöfliche und das Synodale aufeinander bezogen. Daran ändert die Strukturierung von Synodalität mithilfe von beratenden Voten einerseits und beschließenden Voten andererseits nichts. Erst der synodal beratene Bischof kann in gewünschter kollegialer Amtsausübung Be­schlüsse fassen. Deren Wahrheitsanspruch bleibt stets sprachlich codiert und insofern auch im Redefluss. In der Lesart der Internationalen Theologenkommission: „Eine Synode, eine Versammlung, ein Rat kann keine Entscheidungen treffen ohne die legitimen Hirten. Der synodale Vorgang muss sich im Leib einer hierarchisch strukturierten Gemeinschaft vollziehen.“

Bei näherem Hinsehen sind die Amtsverständnisse beider Konfessionen, der alt-katholischen und der rö­misch-ka­tho­lischen, nicht identisch, sondern treten radikal auseinander. Sie unterscheiden sich just im Verständnis dessen, wie kommunikative Wahrheit in der frühen Kirche auch juridisch zu fassen ist.

Quelle: F.A.Z.
Christian Geyer - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Geyer-Hindemith
Redakteur im Feuilleton.
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