Soziale Systeme

Ideologische Gräben, die so nicht existieren

Von Boris Holzer
Aktualisiert am 23.11.2020
 - 16:58
Protestierende haben den Schriftzug „Resist“ am Zaun vor dem Weißen Haus angebracht.
Politische Polarisierung kann unter Umständen zu einem Sektierertum führen. Dann werden die Gräben immer tiefer, teils unnötigerweise. Gibt es ein Zurück?

Von einer „Spaltung der Gesellschaft“ ist beinahe täglich irgendwo die Rede. Mal droht sie, mal ist sie bereits Realität. Oft sind die Anzeichen einer Spaltung allerdings wenig überzeugend. Meist werden entweder ökonomische Ungleichheiten oder politische Lagerbildung angeführt. Doch eine Spaltung setzt eine Kluft voraus, Unterschiede reichen nicht, auch wenn sie klar abgegrenzte Gruppen markieren, Frauen und Männer zum Beispiel, oder Hunde- und Katzenliebhaber. Sozial relevant werden derartige Unterschiede, wenn sie Kontaktchancen und -hindernisse definieren. Zu einer Spaltung kommt es, wenn Frauen nicht mit Männern reden und Hundeliebhaber keine Katzenfreunde in der eigenen Familie dulden. Oder wenn die politische Überzeugung ausstrahlt und die Bevölkerung auch in anderen Lebensbereichen in feindlich gesinnte Gruppen sortiert.

Eine international vergleichende Studie zur politischen Polarisierung in neun westlichen Ländern, deren Ergebnisse in der Fachzeitschrift Science veröffentlicht wurden, beobachtet Tendenzen eines spalterischen „politischen Sektierertums“ in den Vereinigten Staaten, aber auch in Kanada, Neuseeland und in der Schweiz. Der primäre Indikator dafür ist die Antipathie gegen politische Gegner (out-party hate). Auf einem „Gefühlsthermometer“, das die Einstellung zu anderen Gruppen auf einer Skala von 0 bis 100 Grad misst, hat sich die Sympathie für die andere Seite in den Vereinigten Staaten in den letzten Jahrzehnten mehr als halbiert. Zudem hat in den letzten Jahren der Hass auf die anderen die Wertschätzung für die eigene Gruppe überholt: Nicht die Identifikation mit der eigenen Gruppe, sondern die Ablehnung der anderen bestimmt die politische Identität und das Wahlverhalten.

Das dahinterstehende „Sektierertum“ ist politisch, teilt aber ein zentrales Merkmal des religiösen: der Glauben an die moralische Überlegenheit der eigenen Gruppe. Davon ausgehend werden die Unterschiede zu den „Anderen“ übertrieben und essentialisiert, ihnen wird allgemein misstraut, und ihre Ansichten werden als unmoralisch verurteilt. Diese Zuspitzung ist die Folge einer Verallgemeinerung der politischen Einstellung zu einer Mega-Identität, die viele Lebensbereiche erfasst. Eine ähnliche Form eines tiefverwurzelten Partikularismus gab es zum Beispiel in den Niederlanden, wo bis in die 1970er Jahre die – allerdings konfessionell begründete – Sortierung vieler Lebensbereiche als „Verzuiling“ (Versäulung) bezeichnet wurde. Wenn politische Parteien sich nicht nur ideologisch, sondern auch ethnisch, religiös und demographisch unterscheiden, wird der zunehmend unbekannte Gegner regelmäßig falsch eingeschätzt. So ergab eine Umfrage, dass Republikaner annehmen, 32 Prozent der Demokraten seien Homo- oder Bisexuelle oder Transgender (es sind eher sechs Prozent); die Demokraten wiederum glaubten, dass 38 Prozent der Republikaner mehr als 250000 Dollar pro Jahr verdienten (tatsächlich nur zwei Prozent).

Derartige Fehleinschätzungen werden von einem ideologisch differenzierten Mediensystem unterstützt. Seitdem die Fairness-Doktrin, die eine ausgewogenen Berichterstattung verlangte, in den 1980er Jahren abgeschafft wurde, sind viele Medienorganisationen zur Sprachrohren einer der beiden Parteien geworden. Dort und in den „Echokammern“ der sozialen Medien findet man stets diejenigen Informationen, die zur eigenen politischen Identität passen. Vor allem aber trifft man auf hochpolarisierte politische Eliten, die ihre unterschiedlichen Ansichten moralisieren. Wenn Demokraten zu Sozialisten gestempelt werden, aber auch, wenn sie sich selbst als solche bezeichnen, erweckt dies den Eindruck tiefer ideologischer Gräben, die in der Bevölkerung so nicht existieren. Für oder gegen eine allgemeine Krankenversicherung zu sein muss den Kontakt zum Nachbarn nicht ausschließen.

Die inszenierten, teilweise übertriebenen Gegensätze haben jedoch gesellschaftliche Folgen: Viele Amerikanerinnen und Amerikaner lehnen soziale Beziehungen oder gar eine Heirat mit Anhängern gegnerischer politischer Positionen ab; sie würden auch lieber nicht neben ihnen wohnen oder für sie arbeiten. Zuletzt geriet die Bewältigung der Pandemie in den Strudel politischen Sektierertums, das (Nicht-)Tragen einer Maske wurde zu einem umstrittenen politischen Symbol.

Wie könnte man Vorurteile und Antipathie abbauen und so dem politischen Sektierertum entgegenwirken? Ein Experiment, in dem Twitter-Nutzer gezielt mit Informationen aus dem anderen Lager konfrontiert wurden, machte wenig Hoffnung: Es führte bei vielen sogar zu einer Radikalisierung ihrer ideologischen Position. Die Autorinnen und Autoren plädieren dafür, dass die Eliten zu weniger sektiererischem Verhalten angehalten werden müssten. Wenn eine Seite sich mäßigt, ist dies ein erster Schritt. Am Ende braucht es aber beide Seiten, um wieder ins Gespräch zu kommen.

Finkel, Eli J.; Bail, Christopher A.; Cikara, Mina; Ditto, Peter H.; Iyengar, Shanto; Klar, Samara et al. (2020): Political sectarianism in America. In: Science 370 (6516), S. 533–536. DOI: 10.1126/science.abe1715

Quelle: F.A.S.
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