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Was heißt Authentizität?

Du spielst uns ja nur was vor!

Von Boris Holzer
 - 09:46

Vor kurzem war in einer Fernsehsendung ein aus Rostock stammender Restaurantbesitzer zu sehen, der vor seinem „bayerischen Lokal“ auf der thailändischen Ferieninsel Ko Samui Feriengäste anzulocken versuchte – unterstützt von einer Thailänderin in einer Art Dirndl, die sich abmühte, den Flaneuren ein freundliches „Servus“ entgegenzuschleudern. Die Kombination von Inkonsistenzen dürfte selbst wohlwollende Beobachter misstrauisch gemacht haben, wie „bayerisch“ das Lokal unter diesen Bedingungen überhaupt sein könne.

Auch in weniger hanebüchenen Fällen kann die Behauptung, in einem Restaurant werde „authentisch“ gekocht, zu Skepsis führen. Der Gast könnte sich fragen, warum dies überhaupt betont werden muss, und schon am impliziten Selbstlob Anstoß nehmen. Oder seine Vorstellung von Authentizität könnte eine andere und anspruchsvollere sein als das, was das Restaurant zu bieten hat. Genügen französische Rezepte, damit ein Restaurant authentisch französisch ist? Oder braucht es dafür einen französischen Koch? Oder gibt es authentisches französisches Essen überhaupt nur in Frankreich?

Die Frage, ob es von anderen goutiert wird, wenn man sich selbst oder sein Unternehmen als authentisch anpreist, haben drei amerikanische Forscher sowohl anhand vorhandener Empirie als auch mit Hilfe eines kleinen Experiments untersucht. Im Bereich der Gastronomie müssen Kriterien der Authentizität als sozial konstruiert begriffen werden. Bei einem Gemälde mag es Experten mit entsprechenden Methoden möglich sein, unstrittig festzustellen, ob es tatsächlich von einem bestimmten Maler oder aus einer bestimmten Epoche stammt und in diesem Sinn authentisch ist. Bei Restaurants – ebenso wie beispielsweise bei touristischen Sehenswürdigkeiten – ist es hingegen eine Frage sozialer Konventionen, was als authentisch gilt.

Riskanter Anspruch

Die Bewertungen von Restaurants im Raum Los Angeles auf einem Online-Portal, die von den Forschern analysiert wurden, scheinen dafür zu sprechen, dass Authentizität zu beanspruchen riskant ist. Restaurants, deren Speisekarten besonders authentisches Essen versprechen, schneiden schlechter ab. Sie erzielen nicht nur durchschnittlich niedrigere Ergebnisse auf der Bewertungsskala, sondern werden in den Berichten auch häufiger mit emotionalen, negativ aufgeladenen Formulierungen beschrieben. Hierbei zeigen sich interessante Zusammenhänge: Restaurantketten zum Beispiel, die sowieso im Durchschnitt schlechtere Bewertungen erhalten, werben besonders gerne mit Authentizität, rufen damit bei den Konsumenten allerdings eher Widerstand als Begeisterung hervor.

Eine weitere, experimentelle Studie kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Die Forscher entwarfen fiktive Speisekarten, in denen das gleiche kulinarische Angebot mal mit, mal ohne Betonung von Authentizität dargestellt wird. Ein Restaurant „Little Italy“ wirbt in der einen Version damit, ein „truly authentic restaurant“ zu sein, in der anderen heißt es schlicht: „We prepare the same dishes every day for your family“. Die Versuchspersonen, denen mehrere dieser Speisekarten vorgelegt wurden, entwickelten auf dieser Grundlage weniger Enthusiasmus für die Restaurants, dich sich selbst als authentisch bewarben. Die Antwort auf die Frage, ob sie das Restaurant besuchen würden, wurde jedoch weniger stark beeinflusst als die Erwartung, wie gut das Essen wohl schmecken würde. Mit anderen Worten: Die in Aussicht gestellte Authentizität wirkte nicht unbedingt abschreckend, aber sie führte zu einer erkennbar kritischeren Einschätzung der zu erwartenden Qualität.

Ein nützliches Nebenprodukt

Die Forscher ziehen die Schlussfolgerung, dass Organisationen kaum Vorteile daraus ziehen können, ihre eigene Authentizität anzupreisen, und entsprechende Selbstbeschreibungen daher sparsam verwenden sollten. Das gilt unabhängig vom Wahrheitsgehalt der Behauptung, weil offenbar bereits die Form der Mitteilung beim Publikum eine ablehnende Reaktion hervorruft. Die Autoren führen dies darauf zurück, dass es sich bei Authentizität – ebenso wie zum Beispiel bei Weisheit oder Bescheidenheit – um Eigenschaften handele, die mit einer Formulierung des Soziologen Jon Elster „im Wesentlichen Nebenprodukte“ sind: Man erwirbt sie nicht, indem man sich um sie bemüht. Vielmehr wäre bereits ein allzu eifriges Bemühen als Zeichen dafür zu werten, dass man nicht verstanden hat, worum es eigentlich geht. Vor diesem Hintergrund wird die Behauptung, man sei authentisch, als Verstoß gegen die impliziten Spielregeln wahrgenommen.

Nicht nur für Organisationen, sondern auch für Individuen gilt: Es gibt Schranken der Kommunizierbarkeit dafür, was man anderen über sich selbst vermitteln kann. Wer als authentisch, aufrichtig oder auch nur als besonders natürlich wahrgenommen werden möchte, sabotiert dies durch eine direkte Mitteilung. Authentizität attestiert man sich nicht selbst, sie liegt im Auge des Betrachters.

Elster, J. (1981): „States that are essentially by-products“, Social Science Information, 20(3), 431-473.

Kovács, B., Carroll, G., & Lehman, D. (2017): „The perils of proclaiming an authentic organizational identity“, Sociological Science, 4, 80-106. https://doi.org/10.15195/v4.a4

Quelle: F.A.S.
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