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Soziologie der Herdenimmunität

Die apokalyptische Schäferdichtung

Von Oliver Jungen
Aktualisiert am 31.07.2020
 - 16:00
Gegen den Begriff „Herdeninstinkt“ wandte Sigmund Freud ein, er lasse „überhaupt für den Führer keinen Raum“.
Wollte der britische Premierminister Boris Johnson Bürgerleben opfern? Der Historiker Carlo Ginzburg untersucht das Konzept der Herdenimmunität quellenkritisch und erteilt dem italienischen Philosophen Giorgio Agamben eine Lektion.

Zu den Kollateralschäden der gegenwärtigen Pandemie scheint es zu gehören, dass wir im Nebel der Vermutungen den Horizont nicht mehr sehen, medizinisch wie gesellschaftlich. Mit Unsicherheiten zu operieren irritiert Naturwissenschaftler allerdings weit weniger als unsere Intellektuellen. Wie zwielichtig also ist die Situation wirklich, vor allem im Hinblick auf die politischen Implikationen?

Nehmen wir nur jenen Begriff, der in den Medien immer noch ständig gebraucht wird, den des Ausnahmezustands. In Bezug auf Deutschland hat die ehemalige Bundesverfassungsrichterin Gertrude Lübbe-Wolff den Terminus klar zurückgewiesen: Kein einziges Grundrecht sei wirksam außer Kraft gesetzt worden. Es war für die getroffenen Maßnahmen in der Tat nicht nötig, dass der Souverän außerhalb der normalen Rechtsordnung steht (und ihr zugleich angehört): Nur so aber kann laut Carl Schmitt der Ausnahmezustand verhängt werden. Der Souverän wäre dann „zuständig für die Entscheidung, ob die Verfassung in toto suspendiert werden kann“.

Dass die „völlig grundlosen Notfallmaßnahmen“ nur (wieder) dazu dienten, autoritäre Strukturen durchzusetzen, davon allerdings ist der italienische Großdenker-Partisan Giorgio Agamben (wie ganz ähnlich Peter Sloterdijk) überzeugt – passt es doch perfekt in sein zeitdiagnostisches Gesamtkonzept. Agamben geht im Rückgriff auf Michel Foucaults Begriff der „Biopolitik“ davon aus, dass der totalitäre Zugriff auf die Individuen längst so universal geworden sei, dass zwischen Diktaturen und Demokratien kaum noch unterschieden werden könne. Jetzt sieht er die Schwelle zur „Barbarei“ überschritten. Für seine Aussagen von Februar und März dieses Jahres, die Corona-Epidemie sei „erfunden“, hat Agamben viel Kritik erfahren, etwa von Alain Finkielkraut.

Es geht freilich auch eine Nummer kleiner. Die Historikerin Anne Applebaum hat mehrfach darauf hingewiesen, wie etwa der ungarische Premier Viktor Orbán die Corona-Krise nutze, um Freiheiten zu beschneiden. Auch ihr soeben erschienenes Buch, „Twilight of Democracy“, das untersucht, warum sich in vielen demokratischen Ländern Eliten vom Autoritarismus angezogen fühlen – oft spiele das Gefühl eine Rolle, vom System nicht angemessen belohnt worden zu sein –, endet mit einem Epilog zur geschehenden Geschichte. Populisten hätten das neuartige Coronavirus genutzt, um sich „emergency powers“ zu sichern, liest man dort. Selbst in den von Populisten regierten Demokratien dürfte nach Carl Schmitt jedoch allenfalls ein „Notstand“ vorliegen, nicht der Ausnahmezustand.

Wo bleibt der sprachliche Bezug?

In Form eines luziden Vortrags an der Universität Rom III hat sich nun auch der italienische Historiker Carlo Ginzburg in die gärende Debatte eingeschaltet. Als Verteidiger des Tatsachenprinzips gegen postmoderne Universalskeptiker hat es Ginzburg zu seinem täglichen Geschäft gemacht, durch detailgenaue Beispielanalysen die Luft aus aufgeblasenen Generalthesen herauszulassen. Ebendas tut er auch in seinem Text mit der Überschrift „Eine Herdendemokratie?“ („Democrazia di gregge?“), der im Online-Magazin „En attendant Nadeau“ in der französischen Übersetzung von Martin Rueff („Une démocratie grégaire?“) zugänglich ist. Dabei scheint der Miterfinder der Mikrogeschichte in einer anregenden Denkbewegung den wieder einmal den Untergang des Abendlands witternden Apokalyptikern sogar entgegenzukommen, um dann wirkungsvoll in die gegenteilige Conclusio abzubiegen.

Ginzburg nimmt sich die Situation im besonders hart von der Pandemie betroffenen Großbritannien vor, nicht zuletzt, weil er in den Berichten über eine Rede von Boris Johnson vom 12. März 2020 erstmals auf den ihm unbekannten Begriff „Herdenimmunität“ gestoßen ist. Eine linguistische Vorüberlegung legt dar, dass der Begriff in den romanischen Sprachen einen stärkeren Bezug zur Schafherde – und so, eingeübt seit der Antike, zum Hirten – hat. Auf Französisch heißt es etwa „immunité grégaire“, wird nicht neutraler auf „troupeau“ („Viehherde“) Bezug genommen. Im Assoziationsraum der britischen Debatte über „herd immunity“ findet sich denn auch kein Bezug zu dem um seine Herde besorgten Hirten, dafür aber zu Tierversuchen, wie sie erstmals 1923 an der Universität Manchester durchgeführt wurden. So lautete ein Haupteinwand gegen die von der britischen Regierung Anfang März angeblich verfolgte Strategie, Bürger erkranken zu lassen, bis bei etwa sechzig Prozent eine Gruppenimmunität vorliege, dass sich dieser durch Mäuseversuche ermittelte Wert auf Impfungen beziehe.

Im Hauptteil des Vortrags rechnet Ginzburg dann mit zwei divergierenden Wortmeldungen aus Italien ab. Zunächst geht es um eine allzu glatte Entlastung der britischen Regierung, die der selbsternannte Kommunikationsexperte Massimiliano Bolondi (Ginzburg schlägt die Umbenennung in „Fake-News-Massenproduzent“ vor) in der Online-Zeitschrift „Atlantico“ vorgenommen hat. Bolondi, der auch für einen englischen Politiker arbeitet, bestreitet deckungsgleich mit Verlautbarungen britischer Regierungssprecher eine Kehrtwende in der Pandemiestrategie Boris Johnsons. Herdenimmunität sei nie angestrebt worden.

Die biblische Tiefendimension

Laut Ginzburg stimmt es zwar, dass in Johnsons Rede vom 12. März der Begriff nicht vorkomme. Aber schon in den ergänzenden Bemerkungen des Regierungsexperten Sir Patrick Vallance sei die Idee angeklungen. Und am folgenden Tag sprach Vallance in der BBC ganz offen von einer erwünschten „herd immunity“. Die Ansteckungen sollten über die Zeit gestreckt und Risikopatienten geschützt werden. Diese Strategie wurde wenige Tage später aufgegeben, weil Forscher Hunderttausende Tote prognostizierten; der Lockdown erfolgte dann doch, wenn auch angesichts von heute mehr als vierzigtausend Toten fatal spät. Die „spektakuläre 180-Grad-Drehung“ Boris Johnsons – vor seiner eigenen Infizierung – stehe also „außer Frage“. Diese Einschätzung Ginzburgs wird gedeckt durch die Aussage des italienischen Gesundheitsministers Pierpaolo Sileri, Boris Johnson habe Giuseppe Conte am 13. März am Telefon gesagt, er setze auf Herdenimmunität. Außerdem hat die BBC soeben aufgedeckt, dass Notizen des PR-Chefs des National Health Service, Simon Enright, ebenfalls belegen, dass die erwünschte Infizierung des Großteils aller Briten am 13. März offizielle Regierungslinie war. Johnsons zwielichtiger Berater Dominic Cummings soll schon im Februar für Herdenimmunität geworben haben („if that means some pensioners die, too bad“), bevor er komplett umschwenkte.

Dann begibt sich Ginzburg „auf spekulatives Terrain“, indem er eine weitere metaphorische Ebene des untersuchten Begriffs freilegt. In der jüdisch-christlichen Kultur und ihrem kulturellen Gedächtnis (zurück zu den Schafen also) sei die Herde unterbewusst mit vielen Passagen aus den Büchern Mose verknüpft, in denen sie Jahwe als Opfer dargebracht werde. „Einen Teil der Bevölkerung zu opfern, um die Immunität der gesamten Gemeinschaft zu gewährleisten“, ließe sich so als säkulares „Echo“ dieser religiösen Tiefenschicht verstehen. Man müsse nicht gleich an die „unerträgliche“ Verwendung des Begriffs „Holocaust“ denken, aber Ginzburg kommt doch Primo Levis Beschreibung von Auschwitz als „gigantisches biologisches Experiment“ in den Sinn. Mit der Frage, ob das Programm der Herdenimmunität als entfernt verwandtes Experiment aufgefasst werden dürfe, scheint Ginzburg dem Ausnahme-Denker Giorgio Agamben nun weit entgegenzukommen.

Freilich tut er das rein rhetorisch, um in einer finalen Wendung eine solche Mutmaßung donnernd zurückzuweisen. Die korrigierte Strategie belege nämlich geradezu exemplarisch die „Inkonsistenz einer Verwendung von Auschwitz als biopolitischem Paradigma“. Der apokalyptische Blick auf die Gegenwart, der explizit ohne Tatsachenprüfung auskomme, führe vielmehr zu grotesken, den Faschismus trivialisierenden Aussagen. Agamben, der sogar die Existenz des Coronavirus leugne (genauer: der Pandemie, was er inzwischen nicht mehr tut), habe etwa jüngst Lehrende, die im Lockdown Online-Kurse anboten, mit Professoren verglichen, die den Treueeid auf das faschistische Regime geleistet hatten. Ginzburg hält Agambens Polterthese entgegen, dass schlicht die Fakten gegen sie sprechen. Es gab eine Wende in der britischen Politik, und die Herdenimmunität wurde als Strategie verworfen. Warum ist das geschehen? Weil „ein wesentlicher Unterschied“ zwischen den Regierungen von Boris Johnson und Viktor Orbán bestehe: Die „oft verleugnete parlamentarische Demokratie“ habe Raum für wissenschaftliche Einwände gelassen.

Ein beruhigender Lernerfolg

Ginzburg, der durchaus zum Pessimismus fähig ist – so hat er schon die Befürchtung geäußert, die Menschheit könne sich angesichts der globalen Umweltkatastrophe einer Macht unterwerfen, die noch erstickender ist als der Leviathan-Staat des Thomas Hobbes –, kommt im Ausblick seines Vortrags der Perspektive Anne Applebaums nahe: Autoritäre Regime wie Ungarn nutzten den Corona-Ausnahmezustand tatsächlich aus. Eine Pauschalkritik an der globalisierten Moderne scheint solche politischen Entwicklungen aber eher zu verdecken als erkennbar zu machen. So schließt Ginzburgs Ausarbeitung mit einer Warnung: Parlamentarische Demokratien könnten durchaus zu plebiszitären Online-Demokratien verkommen (da tauchte dann die Herde als Stimmvieh wieder auf). Doch liegt die Bedeutung von Carlo Ginzburgs Einspruch vor allem darin, Entwarnung zu geben: Die älteste Demokratie der Welt lässt sich so schnell nicht aushebeln. Und auch ein Boris Johnson ist fähig dazuzulernen.

Quelle: F.A.Z.
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