Lessenich nach Frankfurt

Von außen gesehen

EIN KOMMENTAR Von Christian Geyer
07.04.2021
, 14:56
Auftrieb für die Frankfurter Schule: Der Soziologe Stephan Lessenich wird neuer Direktor des traditionsreichen Instituts für Sozialforschung. Das bietet der Gesellschaftskritik eine vielversprechende Perspektive.

Das verspricht frischen Wind für die Gesellschaftskritik in Frankfurt und von Frankfurt aus: Der Soziologe Stephan Lessenich, seit 2014 als Nachfolger von Ulrich Beck an der Ludwig-Maximilians-Universität in München tätig, wird zum 1. Juli neuer Direktor des traditionsreichen Instituts für Sozialforschung (IfS) und zugleich Inhaber einer neu geschaffenen Kooperationsprofessur „Gesellschaftstheorie und Sozialforschung“ an der Johann Wolfgang Goethe-Universität. Was bedeutet die Neuberufung – hälftig die Professur und das Direktorat betreffend – für die Idee der Kritik im Kontext der Frankfurter Schule, für die Namen wie Adorno und Horkheimer, aber auch Marcuse, Fromm und Mitscherlich stehen? Welche Erwartungen verbinden sich in dieser Hinsicht mit dem Namen Lessenich? Inwiefern ist die Frankfurter Schule noch schulebildend?

Axel Honneth, der als langjähriger Direktor des IfS das Band zwischen Philosophie und Gesellschaftsanalyse nicht abreißen ließ, erklärt in der Vorbemerkung seines Buches „Pathologien der Vernunft“ (2007): „Bei aller Disparatheit in der Methode und im Gegenstand eint die verschiedenen Autoren der Frankfurter Schule die Idee, dass die Lebensbedingungen der modernen, kapitalistischen Gesellschaften soziale Praktiken, Einstellungen oder Persönlichkeitsstrukturen erzeugen, die sich in einer pathologischen Verformung unserer Vernunftfähigkeiten niederschlagen.“ Es ist dieser auf die demokratische Willensbildung durchschlagende Pathologiebefund, der auch aus Lessenichs bisherigen Forschungen zur sozialen Ungleichheit und zum Wohlfahrtsstaat spricht, seit der Bremer Doktorarbeit über „Wohlfahrtsstaat, Arbeitsmarkt und Sozialpolitik in Spanien“ und der Göttinger Habilitationsschrift, die als Buch unter dem Titel „Dynamischer Immobilismus. Kontinuität und Wandel im deutschen Sozialmodell“ erschien.

Nun möchte er in Frankfurt das Diktum von der krankmachenden Gesellschaft auch „ganz praktisch“ entlang der Pandemie untersuchen. „Schon ihre Entstehung kann man aus sozialwissenschaftlicher Sicht der herrschenden Produktions- und Konsumweise anlasten“, erläuterte Lessenich am Wochenende in einem Gespräch mit der „Frankfurter Rundschau“. „Das Entstehen von Zoonosen, das Überspringen von Viren von Tier auf Mensch, hat ganz stark mit unserem Ressourcenverbrauch und unserer Natur-Vernutzung zu tun. Auch was das Infektionsrisiko angeht, das Risiko von schweren Krankheitsverläufen, die Möglichkeiten, mit den Pandemiefolgen umzugehen, für Haushalte, für Individuen, für soziale Milieus und Gruppen: All das ist extrem ungleich verteilt. Im Grunde genommen reproduziert das Virus die Ungleichheitsachsen, die wir schon kennen.“ Wobei Lessenich auch Antworten auf die Frage „Wie könnte es anders sein?“ in Aussicht stellt. So soll das IfS als Denkfabrik einer postpandemischen Gesellschaft Kontur gewinnen.

Wenn es dessen designiertem Direktor darum geht, „in die Öffentlichkeit zu wirken, in die Stadtgesellschaft hinein“, so wird auch damit das Kritikmodell der Frankfurter Schule hochgehalten. Deren gesellschaftskritisches Verfahren setzte sich ja zumindest der Idee nach stets in der Anregung öffentlicher Debatten um – und gerade nicht in ideengeschichtlich ausgepinselter Phänomenologie als akademischem Selbstzweck. So steht auch die vom IfS seit 2004 herausgegebene Zeitschrift „Westend“ mit ihren sozial- und geisteswissenschaftlichen Beiträgen unter einem politischen Eingriffsanspruch. Auf neuer institutioneller Grundlage können solche Ansätze nun mit strukturierten Forschungsagenden ausgebaut werden. Erstmalig, so Lessenich, werde es dem Institut künftig möglich sein, etatisierte wissenschaftliche Stellen einzurichten, nicht nur von Drittmittel-Akquise abhängig zu sein.

Leben aus Ich-Schwäche

Pathologische Verformungen unserer Vernunftfähigkeiten, die konformistische Dynamik der „Ich-Schwäche“ (Mitscherlich) werden als solche freilich erst fassbar mit der Einführung einer Außenperspektive. Auch dabei geht es um Aufmerksamkeitskonkurrenzen: Relative Armut in Deutschland zieht im Zweifel mehr Aufmerksamkeit auf sich als existentielle Armut anderswo. Auf optische Täuschungen dieser Art hat Lessenich mit seinem Publikumserfolg „Neben uns die Sintflut. Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis“ schon im Buchtitel aufmerksam gemacht. Mit Wucht wird in dieser Schrift ein einfacher Gedanke traktiert: Wir leben über die Verhältnisse der anderen, insofern der globale Norden seine Kosten in den globalen Süden auslagert. Das wird zentral als ein kollektives Verdrängungssymptom beschrieben, in Kombination von Parametern sozialer Ungleichheit mit solchen der Sozialpsychologie.

Hier kommt, unabhängig von der Triftigkeit der These im Einzelnen, jene Außenperspektive zur Geltung, deren eine wirksame, nicht auf nationale Prämissen verengte Gesellschaftskritik bedarf: die Perspektive der globalisierten Welt, außerhalb deren „die Zukunft der kritischen Sozialforschung nicht gedacht“ werden könne, wie Lessenich erklärt. In „Neben uns die Sintflut“ steckt dafür ein ganzes Forschungsprogramm.

Quelle: F.A.Z.
Christian Geyer - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Geyer-Hindemith
Redakteur im Feuilleton.
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