Streit um Ökumene

Sakrament und Kirche

Von Helmut Hoping
Aktualisiert am 25.10.2020
 - 16:28
Eucharistie-Feier in Frankreich (Symbolbild)
Der ökumenische Arbeitskreises evangelischer und katholischer Theologen behauptet, es gehe in ihrem Votum nicht um die Interkommunion. Letztlich will sie aber genau eine solche Mahlgemeinschaft. So kommt man ökumenisch nicht voran.

Die historische Rekonstruktion der biblischen Ursprünge der Eucharistie, detailreich und auf aktuellem Forschungsstand, ist sicherlich der stärkste Teil des Votums „Gemeinsam am Tisch des Herrn“ des Ökumenischen Arbeitskreises evangelischer und katholischer Theologen (ÖAK). Gelegentlich wird freilich mehr an Gewissheit beansprucht, als tatsächlich zu erzielen ist, wenn etwa mit einem nicht nur unter Liturgiehistorikern beliebten Argumentum e silentio behauptet wird, die Einsetzungsworte hätten erst im vierten Jahrhundert Eingang in die über Brot und Wein gesprochenen Danksagungsgebete gefunden, was angesichts des gottesdienstlichen Kontextes, in dem Paulus den Einsetzungsbericht überliefert, wenig wahrscheinlich sein dürfte. Anachronistisch ist es, wenn der ÖAK Unterschiede in der Feiergestalt des Herrenmahls in neutestamentlicher Zeit mit späteren konfessionellen Differenzen in Verbindung bringt.

Der historisch-kritischen Exegese steht katholischerseits spätestens seit der Konzilskonstitution „Dei Verbum“ nichts mehr entgegen. Die Schrift legt sich allerdings nicht selbst aus, wie die Krise des reformatorischen Schriftprinzips gezeigt hat. Mit dem exegetischen Befund sind weder Deutung noch Bewertung der weiteren Entwicklungsgeschichte der Eucharistie präjudiziert. Ob zum Beispiel die frühkirchliche Sazerdotalisierung des Amtes, wonach Bischof und Priester bei der Feier der Eucharistie Christus, den wahren Priester des Neuen Bundes, repräsentieren, schriftgemäß ist oder – so die evangelische Lehre vom allgemeinen Priestertum – eine Fehlentwicklung darstellt, lässt sich allein biblisch gar nicht entscheiden, so wenig wie die Frage nach der Realpräsenz Christi in der Eucharistie. Ein historischer Beleg dafür ist der zwischen Luther und Zwingli ausgetragene Abendmahlsstreit um die Bedeutung des „hoc est corpus meum“.

Um so erstaunlicher ist es, dass der ÖAK die „Leuenberger Konkordie reformatorischer Kirchen in Europa“ (1973), wonach sich „der auferstandene Jesus Christus in seinem für alle dahingegebenen Leib und Blut durch sein verheißendes Wort mit Brot und Wein“ schenkt, als einen tragfähigen evangelisch-katholischen Konsens hinsichtlich der Realpräsenz Christi in der Eucharistie betrachtet. Dies so sehen zu wollen ist freilich illusionär, hat die Konkordie doch Lehrdifferenzen zwischen Lutheranern und Reformierten bewusst „ausgeklammert“, so dass jede Mitgliedskirche der Leuenberger Konkordie, die sich 2003 den Namen „Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa“ (GEKE) gab, die genannte Abendmahlsformel mit ihrer jeweiligen Bekenntnistradition rezipieren kann. Soll das jetzt auch für das katholische Bekenntnis gelten?

Einspruch kann nicht überrascht haben

Vom nun doch offiziell veröffentlichten Einspruch der römischen Glaubenskongregation konnte der ÖAK nicht wirklich überrascht gewesen sein, führt der Vatikan seinen Dialog mit der GEKE doch nicht auf der Grundlage der Leuenberger Konkordie, woran der Präfekt der Kongregation, Luis Kardinal Ladaria, erinnert: Im ÖAK-Votum fehle ein klares Bekenntnis zur Realpräsenz Christi „vere, realiter et substantialiter“ in und unter den Zeichen von Brot und Wein, wie es international in einigen lutherisch-katholischen Dialogen schon erreicht wurde. Oder sollten derartige Fortschritte etwa nur von der unerwünschten Idee einer „Einheitskirche“ (Kardinal Reinhard Marx) zeugen?

Bischof Georg Bätzing versuchte bei der Herbstvollversammlung der Bischöfe, das von ihm mitverantwortete ÖAK-Votum herunterzuspielen: Es gehe nicht um Interkommunion, sondern um die begründete individuelle Gewissensentscheidung von Gläubigen, an der Mahlfeier der anderen Konfession teilzunehmen. Das ÖAK-Votum beansprucht allerdings, unabhängig von der intrikaten Gewissensfrage, die theologische Legitimation für den Empfang von Eucharistie und Abendmahl durch Mitglieder verschiedener Konfessionen zu liefern. Eine solche Mahlgemeinschaft heißt Interkommunion.

Wenn das ÖAK-Papier Eucharistie und Abendmahl als Feierformen eines identischen Mahles betrachtet, das mit Jesus Christus als Gastgeber allen Getauften unabhängig von ihrem Bekenntnis offensteht, läuft dies auf eine Trennung von Sakrament und Kirche hinaus, die nicht nur für die römische Kirche, sondern auch für die Kirchen des Ostens inakzeptabel ist. Worin die Einheit der Kirchen konkret bestehen soll, lässt sich konsensual gar nicht aussagen – es sei denn, man meint nicht das, was man sagt, und erhebt eine Reservatio mentalis zum ökumenischen Prinzip, mit dem sich dann auch jeder Gewissenskonflikt umgehen lässt. Will man ökumenisch vorankommen, braucht es mehr Differenzhermeneutik statt eines Konsenses um jeden Preis.

Helmut Hoping ist Professor für Dogmatik an der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg.

Quelle: F.A.Z.
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