FAZ plus ArtikelUnbekannte Hannah Arendt

Christus kam nicht nur bis Heidelberg

Von Thomas Meyer
24.12.2020
, 10:00
Wie man aus dem Glauben an alles oder nichts keine Weltanschauung macht: 1933 rezensierte Hannah Arendt den zum Katholizismus bekehrten Bestsellerautor Giovanni Papini, der auch liberalen Religionsintellektuellen zu denken gab.

Der auf dieser Seite erstmals seit der Erstveröffentlichung im Januar 1933 wieder abgedruckte Text (siehe unten Kasten) war der Hannah-Arendt-Forschung bislang nicht bekannt. Publiziert wurde die Besprechung von Giovanni Papinis „Gog“in der von dem Austromarxisten und zweifachen früheren deutschen Reichsfinanzminister Rudolf Hilferding herausgegebenen sozialdemokratischen Theoriezeitschrift „Die Gesellschaft“. Dass die Publikation nicht auffiel, dürfte zunächst daran liegen, dass Arendt einmal als „Dr. Hanna Arendt“ und dann als „Hannah Arndt“ im Heft aufgeführt wurde. Zudem hat man ihr wohl nicht zugetraut, einen Autor wie Giovanni Papini zu besprechen, der heute allenfalls Spezialisten für Futurismus und Faschismus oder für Jesus-Christus-Romane etwas sagen dürfte, damals aber ein vieldiskutierter Bestsellerautor war.

Arendt hatte erstmals 1930 in der „Gesellschaft“ publiziert, eine Auseinandersetzung mit Karl Mannheims Hauptwerk „Ideologie und Utopie“. Im Februar 1933, in der vorletzten Ausgabe der Zeitschrift, folgte die Rezension von Alice Rühle-Gerstels Schrift „Das Frauenproblem in der Gegenwart“. Wie Arendts Kontakt zu der Zeitschrift zustande kam, ist unbekannt. Womöglich lief der erste Kontakt über Mannheim selbst, bei dem Arendt in Heidelberg studiert hatte und an dessen Seminaren sie in Frankfurt immer wieder teilnahm. Mannheim hatte Kontakte mit dem Berliner Soziologen Albert Salomon, der zum engsten Kreis der „Gesellschaft“ gehörte. Denkbar ist auch, dass ein Verwandter von Arendts Ehemann Günther Stern, nämlich Walter Benjamin, eine Empfehlung ausgesprochen hatte. Benjamin besprach in der Zeitschrift unter anderem Alfred Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“ und veröffentlichte eine grundlegende Kritik an Erich Kästners Lyrik unter dem Titel „Linke Melancholie“.

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„Die Gesellschaft“, Januar 1933 Giovanni Papini, Gog, Paul Neff Verlag, Berlin 1931. 339 S.

Dies wirklich amüsante Buch ist geschrieben von der Klugheit eines Menschen, der es versteht, sich zu langweilen. Der Gelangweilte ist Gog, ein phantastischer amerikanischer Multimillionär, für den die ganze Welt und alles, was Menschen tun und denken, zu Erzeugnissen des Spleen wird. Gogs Nihilismus wird nie aufdringlich, weil er aus ihm keine Weltanschauung macht und von vornherein auf Verbindlichkeiten metaphysischer, moralischer oder kulturphilosophischer Provenienz verzichtet. Gog stattet auf seinen phantastischen Reisen, die eher der Experimentiersucht und der Neugierde als dem Wissensdrange entspringen, allen namhaften Berühmtheiten seinen Besuch ab. Die Entgötterung der „großen Männer“ vollzieht sich etwa nach Shawscher Manier. Bei aller Schiefheit im einzelnen kann man seinen Spaß haben am Ganzen, das einen Stil hat, der sich durchhält. Schließlich ergreift Gog der Ekel, und das Buch schließt mit der sentimentalen Geschichte vom Millionär, der auf seine Millionen verzichtet, die ihm das Glück nicht gebracht haben, und zu dem einfachen Dasein zurückkehrt, das von Tag zu Tag für seine eigene Erhaltung sorgen muss und der Langweile deshalb nicht ausgesetzt ist. Dieser Schluß fällt ab gegen die Gescheitheit des Ganzen: denn Armut allein macht nicht glücklich.

Quelle: F.A.Z.
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