Wege zur Weltgesellschaft

Vaterlandslose Akademiker

Von André Kieserling
15.01.2021
, 16:02
Weltweit schaffen Schulen die Grundvoraussetzung für den Erwerb von Wissen und kritischen Denkens. Doch erst die Universitäten sind die zentralen Institutionen, um den Nationalismus zu überwinden.

Viele technische Erfindungen machen sich weltweit beliebt, weil ihre Vorteile jedermann einleuchten. Andere Verbreitungserfolge geben Rätsel auf. Was haben gläserne Bungalows in Hitzeregionen zu suchen, wo man sie nur nach Einbau kostspieliger und störanfälliger Klimaanlagen überhaupt nutzen kann? Eine für Soziologen mögliche Antwort könnte lauten, dass der Bungalow nicht nur ein Haus, sondern auch ein Modernitätssymbol war und gerade als solches Erfolg hatte. Es schadet nichts, wenn der Gebrauch eines Symbols mit gewissen Nachteilen verbunden ist. Die Opferbereitschaft der Anhänger zeigt vielmehr, wie ernst sie es meinen.

Der amerikanische Soziologe John W. Meyer hat den globalen Verbreitungserfolg ganzer Institutionen als Symbolgebrauch in diesem Sinne beschrieben. Vor allem in Entwicklungsländern finde man viele Einrichtungen, die in ihre soziale Umwelt so wenig hineinpassten wie der Bungalow in die Wüste, aber gerade dies bezeuge den Modernisierungswillen der politischen Eliten. Dass die Formenwelt des Nationalstaates auch dort imitiert wird, wo dies angesichts einer ethnisch und religiös gespaltenen Bevölkerung keine raschen Erfolge verspricht, ist dafür das Standardbeispiel. Aber auch in den Industrieländern orientiere man sich mitunter eher an globalen Modellen als am lokalen Bedarf. Meyer sieht in der Verbindlichkeit der globalen Symbole einen deutlichen Hinweis auf die Entstehung einer Weltgesellschaft.

Die Rolle der Bildungsinstitute ist essenziell

Den weltweiten Ausbau der Schulen und Hochschulen sowie die internationale Angleichung ihrer Lehrpläne und ihrer Abschlüsse hatte Meyer bisher vor allem als eine Begleiterscheinung der Staatenbildung behandelt. Das folgt der Einsicht von Sozialhistorikern, wonach die historisch erfolgreichen Nationalstaaten die religiösen Partikularismen nur überwinden konnten, indem sie die allgemeine Schulpflicht einführten. Nur die Schule sollte die kleinen Kirchgänger lehren können, furchtlos auch mit Andersgläubigen zu kommunizieren. Nun hat der inzwischen sechsundachtzigjährige Meyer eine Publikation vorgelegt, die seinem Lebensthema eine neue Fragestellung abgewinnt: Wenn es richtig ist, dass die Schule für den Nationalstaat sozialisierte – wer sozialisiert dann für die Symbolik einer darüber hinausgehenden Weltgesellschaft? Natürlich liegt es nahe, hier an Universitäten zu denken. Aber lässt sich das auch zeigen?

Meyer und sein Team haben Daten aus der jüngeren Entwicklung von rund 150 Staaten miteinander verglichen, und zwar für zwei Gruppen von Variablen. Im Bereich der abhängigen Variablen ging es um Indikatoren und Maße, an denen man ablesen kann, wie stark ein Staat sich an transnationaler und weltweiter Kooperation beteiligt. Hierher gehören: die Zahl an internationalen Abkommen; die lokale Präsenz von weltweit tätigen Nichtregierungsorganisationen; die Bereitschaft der Staatsbürger, sich an globalen Protesten in Themenbereichen wie Umweltschutz oder Menschenrechte zu beteiligen; ferner etwa der Grad an „Verwissenschaftlichung“ von Politik und Verwaltung und anderes mehr. Zum anderen ging es um den Anteil der akademisch ausgebildeten Bevölkerung, der als unabhängige Variable eingeführt wird, also die Erklärungslast tragen soll. Das Ergebnis dieses Riesenvergleichs fällt ziemlich eindeutig aus: Das Ausmaß, in dem ein Staat sich für transnationale und globale Kommunikation öffnet, hängt nicht an der allgemeinen Schulpflicht und auch nicht am Besuch des Gymnasiums oder vergleichbarer Einrichtungen, nur die Breite des Universitätszuganges vermag den jeweils erreichten Grad an Offenheit zu erklären.

Wissensbestände müssen international übertragbar sein

Die Universität wäre demnach nicht nur eine Institution der Weltgesellschaft neben anderen, sondern zugleich diejenige, von der diese anderen in doppelter Weise abhängen. Sie verdanken ihr das analytisch geschulte Personal mit seinen Englischkenntnissen, seinen dadurch erweiterten Kontaktchancen, seinen relativ welteinheitlichen Wissensbeständen und Denkvoraussetzungen. In all diesen Erwerben spiegelt sich, Meyer zufolge, der wissenschaftliche Charakter der akademischen Lehre: Von den Geltungsansprüchen her gesehen, kann es keine deutsche Physik und keine amerikanische Soziologie geben, und also lassen sich auch die Kommunikationschancen, die man durch das Studium solcher Disziplinen erwirbt, nicht auf nationale Bezugsgruppen begrenzen.

Aber es geht nicht nur um das Personal der globalen Einrichtungen. Dessen Ansprüche auf Mitsprache und Beachtung, auf Autorität und Prestige setzen ein Publikum voraus, das bereit ist, diese Ansprüche zu honorieren, weil ihm ein Minimum an Respekt vor wissenschaftlichen Argumentationsweisen beigebracht wurde. Und auch dieses Publikum kann Meyer sich ohne die Universität schwerlich vorstellen. Ebendeshalb, so sein abschließender Befund, bildet auch die vielbeklagte Entfremdung zwischen den globalen Eliten und den Nichtakademikern in ihrem Publikum einen eigenen, minder glanzvollen Teil dieser Geschichte.

Evan Schofer, Francisco O. Ramirez, John W. Meyer: The Societal Consequences of Higher Education, in: Sociology of Education 94 (2021), S. 1-19

Quelle: F.A.S.
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