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Verschwörungstheorien

Man wird ja wohl noch fragen dürfen!

Von Boris Holzer
 - 12:22
Wer sind die Leute, die Verschwörungstheorien rezipieren und sie vertreten?

Hat die Mondlandung niemals stattgefunden? Haben die Attentäter des 11. September ihren Angriff mit Wissen oder sogar mit Unterstützung der amerikanischen Geheimdienste vorbereitet? Lenken Reptilien, die menschliche Körperformen angenommen haben, die Geschicke der Welt? Verschwörungstheorien, die dies und manches andere behaupten, sind vielen bekannt. Die meisten Menschen dürften solche Ideen zwar weiterhin für mehr oder weniger abstrus halten, doch umso bemerkenswerter ist, dass sie munter zirkulieren und ihre Zahl eher zu- als abnimmt. Die „BRD GmbH“, „Chemtrails“ und andere Spekulationen scheinen in den letzten Jahren – verstärkt durch die Verbreitung über das Internet – immer größere Resonanz zu finden.

Wer sind die Leute, die Verschwörungstheorien rezipieren und sie vertreten? Der Bremer Soziologie Florian Buchmayr hat im Rahmen einer empirischen Studie an öffentlichen Versammlungen von Verschwörungstheoretikern teilgenommen und einige von ihnen befragt. Seine Ergebnisse werfen ein neues Licht auf das Feld und beleuchten insbesondere die Widersprüche, auf denen es beruht und mit denen die Anhänger sich auseinandersetzen müssen.

Gegenstand der Untersuchung sind überwiegend „links“ orientierte, das heißt kapitalismuskritische Verschwörungstheorien. Es zeigt sich aber schnell, dass eine solche Einordnung kaum eine Einschränkung dessen bedeutet, was aus dem breiten Arsenal der Verschwörungstheorien rezipiert und kombiniert werden kann. Der Versuch des Autors, seinen Interviewpartnern eine Standortbestimmung abzuringen, scheitert daran, dass sie gerne alles in Frage stellen, aber keinesfalls selbst Position beziehen möchten. Es gibt zwar unterschiedlich verteilte Sympathien für einzelne Elemente aus dem verschwörungstheoretischen Baukasten, doch abgrenzen möchte man sich von nichts – außer von der Abgrenzung selbst: „Ich möchte mich abgrenzen, und zwar von allen, die sich abgrenzen“, äußert ein Interviewpartner und verweist auf die ansonsten entstehende „Spaltung“, die es zu vermeiden gelte.

„Ihr müsst nicht an alles glauben, um mitzumachen!“

So erscheint das von Verschwörungstheoretikern gepflegte Weltbild noch widersprüchlicher zu sein, als es einzelne ihrer Ideen ohnehin schon nahelegen. Nichts soll ausgeschlossen oder widerlegt werden. Vielmehr wird betont, dass jeder das Recht habe, seine eigene Weltsicht zu vertreten. Nicht erst an diesem Punkt zeigt sich wieder einmal, dass der Begriff „Verschwörungstheorie“ in die Irre führt: Die Ideen werden, ganz anders als wissenschaftliche Theorien, nicht als Konkurrenten begriffen, deren Geltungsansprüche zu prüfen und bewerten wären. Es scheint vielmehr selbst für hinreichend interessierte Personen zu aufwendig zu sein, sich intensiv mit den „Theorien“ zu beschäftigen.

Dem einen fehlt der juristische Sachverstand, um die These der nichtsouveränen „BRD GmbH“ abschließend zu würdigen, dem anderen erscheinen „Chemtrails“ als zu wenig „greifbar“ – aber deshalb keinesfalls von der Hand zu weisen. Allzu weit hergeholte Ideen, wie zum Beispiel die „Reptiloiden“-Erzählung des Verschwörungstheoretikers David Icke, werden zu „Metaphern“ umgedeutet, die letztlich die Herrschaft einer kleinen Elite anprangern. Und die „Chemtrails“ werden aus dieser Perspektive zu einem Appell gegen Umweltverschmutzung. Starkes Commitment ist unnötig, wie ein Anhänger bei einer Demonstration deutlich macht, als er umherstehenden Passanten zuruft: „Ihr müsst nicht an alles glauben, um mitzumachen!“

Hinter dieser scheinbaren Wahllosigkeit des eigenen Standpunkts steckt aber, so Buchmayr, eine eigene Logik: Im Prinzip ist alles möglich, nichts sollte – zum Beispiel unter Berufung auf den gesunden Menschenverstand – ausgeschlossen werden. Es geht nicht um die Proklamation einer eigenen, alternativen Wahrheit, sondern um die Subversion dessen, was andere für selbstverständlich halten. Analog dem populistischen Motto „Man wird ja wohl noch sagen dürfen“ zieht man sich darauf zurück, alles in Frage stellen zu dürfen. Man glaubt innerhalb des verschwörungstheoretischen Denkstils zwar an sehr unterschiedliche und häufig widersprüchliche Dinge, ist sich aber einig in der Ablehnung üblicher Regeln der Argumentation und einer als „orthodox“ wahrgenommenen Realitätskonstruktion der Mehrheit. Buchmayr resümiert: „Es besteht kein Konsens darüber, was der Fall ist, aber darüber, was nicht der Fall ist, und zwar die offiziellen Darstellungen.“

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Die Flexibilität, mit der verschwörungstheoretische Kreise die Wahrheitsansprüche ihrer Vorstellungen herunterdimmen, lässt Aufklärung, etwa durch die Prüfung und Widerlegung einzelner Behauptungen, ins Leere laufen. Sie erscheint im Gegenteil als ein Kategorienfehler, da sie die Verschwörungstheorien wörtlich, aber nicht wirklich ernst nimmt. Bei den Anhängern verhält es sich hingegen genau umgekehrt: Sie nehmen ihre Ideen nicht wörtlich, aber trotzdem ernst.

Buchmayr, Florian (2019): Im Feld der Verschwörungstheorien – Interaktionsregeln und kollektive Identitäten einer verschwörungstheoretischen Bewegung. In: Österreichische Zeitschrift für Soziologie 44 (4), S. 369-386. DOI: 10.1007/s11614-019-00385-w.

Quelle: F.A.S.
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