Schwerer Schiedsrichter-Job

Warum auch der Videobeweis oft in die Irre führt

Von Michael Brendler
Aktualisiert am 04.07.2018
 - 16:36
Das Tor zählt: Im Spiel der DFB-Elf gegen Südkorea vergewissert sich Schiedsrichter Mark Geiger mit Hilfe der Zeitlupe.
Die Zeitlupe zeigt, was auf dem Fußballplatz wirklich passiert ist – sollte man meinen. Doch psychologische Erkenntnisse lassen ernsthaft daran zweifeln. Dafür gibt es einen einfach Grund.

Berliner Olympiastadion, 19. Mai 2018, Nachspielzeit, die 93. Minute läuft. Es geht zwar nicht um die Fußball-Weltmeisterschaft, aber immerhin um den DFB-Pokal, und auch der kann ein Fußballerleben schmücken. Die Ecke scheint von der Frankfurter Eintracht schon geklärt, dann schafft es der FC Bayern doch noch, den Ball irgendwie in den Strafraum zu schnippen. Über die folgende Szene, als der Münchner Javi Martínez im Gewimmel fällt, hat sich halb Fußball-Deutschland schon die Köpfe heißgeredet. War es ein elfmeterwürdiges Foul? Hat der Frankfurter Kevin-Prince Boateng Martínez strafwürdig umgetreten? Schiedsrichter Felix Zwayer bemüht am Spielfeldrand den Videobeweis, schaut sich die Szene in Zeitlupe an – und lässt dann eine Ecke ausführen. Inzwischen ist selbst der Frankfurter geständig: „Ich habe ihn ganz klar getroffen“, räumte Boateng ein.

Zwayer wiederum bleibt bei seiner Meinung: „Aus meiner Sicht war es kein intensiver Kontakt“, bekräftigte er im Magazin Kicker. Zwar hat auch seiner Meinung nach der Frankfurter statt des Balls den Knöchel des Münchners erwischt. Weil der aber den getroffenen Fuß zunächst ohne Bewegungsänderung stabil auf den Boden setzte, bevor er stürzte, sei sein Pfiff ausgeblieben. Und schon steckt man mittendrin in der endlosen Diskussion um den Fußball-Videobeweis.

Fehlentscheidungen des Schiedsrichters

„Wenn man die Szene in Realgeschwindigkeit sieht, scheint die Sache klar zu sein“, sagt Daniel Memmert. „Boateng hat Martínez gefoult.“ Erst die Zeitlupe, so der geschäftsführende Leiter des Instituts für Trainingswissenschaft und Sportinformatik an der Deutschen Sporthochschule Köln, erwecke den Eindruck, dass Fall und Tritt nicht zusammenpassen. Dass also der Gefoulte dem Sturz ein bisschen nachgeholfen hat. Und genau wegen solcher Effekte, sagt Memmert, könne diese Perspektive den Schiedsrichter manchmal zu Fehlentscheidungen verleiten.

Das wirkt zunächst einmal überraschend: Sollte in der verlangsamten Bewegung, in Slow Motion, eigentlich nicht alles viel besser zu erkennen sein? In der Fachzeitschrift Cognitive Research: Principles and Implications ist gerade eine Studie erschienen, die daran ebenfalls Zweifel weckt. Jochim Spitz von der Abteilung für Bewegungswissenschaften der Universität Leuven hat 88 erfahrenen Referees sechzig Videos von strittigen Zweikampfszenen gezeigt – den einen in Zeitlupe, den anderen in Echtzeit. Richtiger wurde die Beurteilung „Foul, ja oder nein?“ durch die langsamere Perspektive nicht. Dafür fielen die Entscheidungen der Referees härter aus; nach der Slow-Motion-Betrachtung wurde von ihnen schneller zur Roten oder Gelben Karte gegriffen.

„Wenn wir etwas verlangsamt sehen, gehen wir unbewusst davon aus, dass es auch langsam abläuft“, erklärt Stephan Schwan, stellvertretender Leiter des Leibniz-Instituts für Wissensmedien in Tübingen. Und das hat nicht nur auf dem Fußballplatz Konsequenzen, wie amerikanische Forscher vor zwei Jahren zeigten. Sie führten Versuchspersonen die Aufnahmen von einem Raubüberfall entweder in Realgeschwindigkeit oder in Zeitlupe vor. Wer nur die Slow-Motion-Sicht kannte, plädierte mit einer viermal größeren Wahrscheinlichkeit für das Urteil Mord. Bei einem langsamer ablaufenden Ereignis nehme man automatisch an, dass dem Akteur mehr Zeit zum Nachdenken bleibt, erklärt der Wahrnehmungspsychologe. Die Folge: Bei einem Handspiel, Foul oder Tötungsdelikt wird viel schneller Absicht unterstellt und die härtere Strafe gewählt.

Andere Perspektive hinter dem Bildschirm

Gelbe und Rote Karte scheinen hinter dem Bildschirm noch aus einem anderen Grund lockerer zu sitzen. Der Kölner Memmert konnte mit seinem Kollegen Christian Unkelbach in einer Studie demonstrieren: Spielt man Schiedsrichtern die Szenen eines Spiels in ungeordneter Reihenfolge vor, treffen sie strengere Entscheidungen als der Kollege, der das Match live pfeift. Gerade zu Anfang des Spiels ist der zum Beispiel mit Karten nachweislich überdurchschnittlich zurückhaltend.

Im Match geizen Referees auch extrem mit einem zweiten Strafstoß für dieselbe Mannschaft. „Der Schiedsrichter weiß genau, wenn ich jetzt eine Gelbe Karte gebe, dann muss ich den Rest des Spiels genauso entscheiden und vielleicht zwei, drei oder noch mehr davon zeigen“, erklärt Memmert. Ein Referee müsse das Spiel auch managen, es am Laufen halten, deshalb seien seine Urteile auf dem Feld stets auch situations- und spielabhängig. Hinter dem Bildschirm, das belegt seine Untersuchung, macht er sich frei von solchen Abhängigkeiten und scheint streng den Buchstaben der Fußballgesetze zu folgen.

Montag, 25. Juni, Saransk, 91. Minute. Der iranische Stürmer Sardar Azmoun und der portugiesische Verteidiger Cédric Soares strecken sich in der Luft gemeinsam nach einer Flanke. Azmoun gewinnt, köpft und streift mit dem Ball aus ein paar Zentimetern Entfernung den Arm des Gegners. Ein Handspiel? Der Videoschiedsrichter pfeift den Referee zurück, der eigentlich weiterspielen lassen wollte. Nach dem Zeitlupenstudium wird er sich doch für einen Strafstoß entscheiden. Ein Fehlurteil, wie Jochim Spitz meint. Seiner Ansicht nach ließ sich der Referee auch hier von den Slow-Motion-Bildern in die Irre leiten.

Denn genau wie bei Zweikämpfen kann die verlangsamte Einstellung bei strittigen Handspielen eine entscheidende Information verschleiern: die Kraft, die hinter einer Bewegung steckt, ihre Dynamik und Schnelligkeit. War Cédric Soares’ Arm nur im Weg, weil er mit ihm Schwung holen wollte? Muss eine so natürliche Bewegung schon strafbar sein? In Realgeschwindigkeit kann der Mensch solche Dinge dank seiner Erfahrung ganz gut einschätzen. Die Zeitlupe dagegen, warnt der Sportpsychologe Daniel Memmert, könne dazu verführen, Details die Aufmerksamkeit zu schenken, die sie nicht verdienen.

Wahrnehmungssystem keine Slow-Motion gewohnt

Dieser Versuchung ist seiner Meinung nach wahrscheinlich auch Felix Zwayer im Pokalendspiel erlegen: Vielleicht hatte Martínez – anders als vom Schiri dechiffriert – nur vergeblich versucht, sein Gleichgewicht zu retten, als er vor dem Sturz noch kurz den getroffenen Fuß aufsetzte. Unten auf dem Platz sind solche vertrauten Bewegungsmuster ganz gut zu erkennen, in der Slow-Motion-Sicht nutzt der Mensch leider oft die gewonnenen Sekunden, um Überflüssiges in die Bilder hineinzuinterpretieren.

„Wir sind seit Jahrmillionen in Umwelten aufgewachsen, die keine Zeitlupe kannten“, erklärt der Leibniz-Forscher Stephan Schwan. „Unser Wahrnehmungssystem muss Slow-Motion-Bilder deshalb erst mühsam in Realgeschwindigkeit übersetzen.“ Und dabei schlichen sich eben immer wieder Fehler ein.

Das heißt nicht, dass ein Videobeweis dem Schiedsrichter nicht helfen kann. Bei Fragen wie Abseits, Aus, Ecke und bei Spielsituationen mit mehreren Beteiligten, das hat Spitz in einer Vorläuferstudie gezeigt, hat er durchaus seinen Nutzen. Also in Momenten, in denen vor allem die Geschwindigkeit der Szene oder ihre Unübersichtlichkeit das Urteil erschweren. Oder bei Fällen wie dem Hoffenheimer Phantomtor vor fünf Jahren. Durch ein Loch im Außennetz hatte Leverkusens Stürmer Stefan Kießling ins Tor getroffen.

Der Schiedsrichter erkannte es trotzdem an. Der Grund: Ohne technische Hilfe neigt der Mensch dazu, aus einem Resultat – dem Ball im Tor – auf die Ursache – den Kopfstoß oder den Flug des Balles – zurückzuschließen. Selbst wenn er ihn gar nicht gesehen hat. Markus Huff vom Deutschen Institut für Erwachsenenbildung konnte sogar nachweisen, dass dieses Stopfen der Erinnerungslücke mit einem Phantasieprodukt bei den meisten Referees ganz unbewusst geschieht. „Aber wir sollten die Technik auch nicht überschätzen“, sagt er, „sie ist auch im Fußball kein Allheilmittel für unsere Schwächen.“ Schon aus einem ganz einfachen Grund: Auch hinter den Monitoren in der Moskauer Video-Referee-Zentrale sitzen Menschen.

Quelle: F.A.S.
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