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Schwierige Integration

Rassismus kann man lernen

Von Boris Holzer
 - 11:11

Wer in eine neue soziale Umgebung kommt, sieht sich mit Anpassungserwartungen konfrontiert. Man spricht von gelungener Integration, wenn diese Anpassung gelingt. Dass der Begriff der Integration den der Assimilation weitgehend ersetzt hat, bedeutet eine Anerkennung der Tatsache, dass der Erfolg nicht von den Migranten allein abhängt. Sie sollen sich integrieren, zugleich aber auch integriert werden.

Im Diskurs um Migration hat sich auf der Grundlage dieses arbeitsteiligen Verständnisses von Integration die Auffassung durchgesetzt, dass Integration schwierig, aber in jedem Fall erstrebenswert sei. Sie ist gewissermaßen zu einem Wert geworden, um den nicht mehr gestritten wird, sondern bei dem sich allein die Frage stellt, wie man ihn bestmöglich erreicht.

Dass Integration auch seine Schattenseiten hat, sollte jedoch klar sein. Es mag idealisierte Werte und Vorstellungen einer unumschränkt empfehlenswerten „Leitkultur“ geben, doch im Alltag noch jeder Gesellschaft finden sich Normen und Praktiken, die im Lichte dieser Idealisierungen als unzureichend oder sogar verwerflich erscheinen. Nicht alles, was Einwanderer beobachten und sich aneignen, kann jedoch zuvor auf moralische Unbedenklichkeit überprüft werden.

Migranten adaptieren regelmäßig rassistische Praktiken

In einer aktuellen Veröffentlichung argumentieren zwei Sozialwissenschaftler von der University of Bristol, dass in Großbritannien der alltägliche Rassismus eine verbreitete, aber fragwürdige Praxis darstellt: Einerseits wird er nirgends gelehrt oder offiziell vertreten, andererseits ist er so omnipräsent, dass er Migranten als Teil britischer Kultur erscheinen muss.

In ihrer Studie stützen die Autoren sich auf Ergebnisse von Interviews und Feldstudien im Milieu osteuropäischer Migranten im Vereinigten Königreich. Sie zeigen, dass Migranten regelmäßig rassistische Praktiken adaptieren, die ihnen selbst als vorteilhaft erscheinen. Migranten aus Polen, Rumänien und Ungarn bringen zwar ihre Vorurteile und rassistischen Klassifikationen aus ihren Heimatkulturen mit, lernen aber im Laufe ihres Aufenthalts, diese in einen originär „britischen“ Rassismus zu integrieren.

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Der typische Verlauf sieht dabei so aus, dass die Migranten zunächst Unsicherheit im Umgang mit der Diversität des britischen Alltags und Berufslebens erfahren. Sie berichten von einer Art „Kulturschock“, der zum Beispiel darin bestehen mag, dass man erstmals mit einem dunkelhäutigen Menschen zusammenarbeiten soll. Die Schilderungen einiger Befragter weisen darauf hin, dass der „schwarze Mann“ vor ihrer Ankunft für sie eine im Alltag praktisch unbekannte und deshalb umso mehr eine verunsichernde Größe darstellte.

Es entsteht eine „pathologische“ Integration

Doch die radikale Ablehnung und die Pejorative, die ihre Muttersprachen für Farbige kennen, treten im Laufe der zunehmenden Integration in den Hintergrund. Sie werden ersetzt durch einen „maßgeschneiderten Rassismus“, der mit feineren Nuancen arbeitet und insbesondere die Stellung der unterschiedlichen ethnischen Gruppen aus dem Commonwealth in Rechnung stellt.

Die Migranten lernen zum Beispiel, in ihrer Ablehnung dunkelhäutiger Mitbürger zwischen Indern, Pakistanern und Afrikanern zu differenzieren – und sich dabei auf ihre britischen Bekannten und Arbeitskollegen zu berufen. So wird zum Beispiel die Meinung, dass Afrikaner eine ungenügende Arbeitsethik hätten, weniger mit eigenen Erfahrungen begründet als damit, dass britische Kollegen das genauso sähen.

Die Übernahme von Stereotypen und rassistischen Vorurteilen erlaubt es den Osteuropäern, sich selbst von den stigmatisierten Minderheiten zu distanzieren. In der inoffiziellen Statushierarchie des Landes sehen sie sich eher in der Nähe der weißen britischen Mehrheit – die ihrer Meinung nach sogar oft zu nachsichtig sei, wenn zum Beispiel afrikanische und muslimische Migranten die Anpassung verweigerten. In der Folge entsteht nach Meinung der Autoren eine „pathologische“ Integration. Sie bezieht sich nicht auf die britische Bevölkerung als Ganze, sondern auf die spezifisch weiße Mehrheitskultur.

Rassismus ist eine Folge sozialer Kontakte

Für den ohnehin kaum ohne Werturteile zu führenden Migrationsdiskurs ist es ein notwendiges Korrektiv, bei Integration auch an die unerwünschten Folgen zu denken. Für die Migrationssoziologie sollte dies selbstverständlich sein, doch sie übernimmt mit dem positiv konnotierten Integrationsbegriff gern die Neigung, die Planbarkeit von Lernprozessen zu überschätzen.

Der geschilderte Rassismus ist eine Folge sozialer Kontakte und des Medienkonsums. In offiziellen Integrationskursen wird das entsprechende Wissen sicherlich nicht vermittelt. Es handelt sich also nicht um einen Effekt von gezielter Erziehung, sondern um ungeplante Sozialisation. Für diese aber gilt: Jeder soziale Kontakt sozialisiert, und deshalb ist es ganz normal, dass Milieus zwar die zu ihnen passenden Praktiken vermitteln – aber nicht unbedingt jene, die ethischen Ansprüchen genügen.

Jon E. Fox; Magda Mogilnicka (2019): Pathological integration, or, how East Europeans use racism to become British. In: The British Journal of Sociology 70 (1), S. 5-23. DOI: 10.1111/1468-4446.12337.

Quelle: F.A.S.
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