Kunst des Zitats

Begreife, was du ergreifst

Von Jürgen Kesting
29.09.2021
, 07:16
Eine Kandidatin, die viel zu sagen hatte und sich im Schriftlichen klüger hätte ausdrücken können: Annalena Baerbock in Michendorf am 26. Juli 2021.
Nicht das Abschreiben ist das Problem bei Politikerbüchern. Ärgerlich ist, dass die Verfasser nicht begreifen, wie sie mit fremden Worten Eigenes sagen können.
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„Heute“, beklagte sich Herr K., „gibt es Unzählige, die sich öffentlich rühmen, ganz allein große Bücher verfassen zu können, und dies wird allgemein gebilligt. Der chinesische Philosoph Dschuang Dsi verfasste noch im Mannesalter ein Buch von hunderttausend Wörtern, das zu neun Zehnteln aus Zitaten bestand. Solche Bücher können bei uns nicht mehr geschrieben werden, da der Geist fehlt. Infolgedessen werden Gedanken nur in eigner Werkstatt hergestellt, indem sich der faul vorkommt, der nicht genug davon fertig bringt.“

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Der Herr K. ist Herr Keuner, von Bertolt Brecht erfunden, um Widerspruch einzulegen gegen alle Formen jedermännischer Dummheit. Er klagt weiter: „Freilich gibt es dann auch keinen Gedanken, der übernommen werden, und keine Formulierung eines Gedankens, die zitiert werden könnte.“ Übernommen, nicht abgeschrieben. Als sich der Dramatiker Molière dem Vorwurf ausgesetzt sah, er habe für seine Komödie ,,Fourberies de Scapin‘‘ zwei Szenen aus der Komödie ,,Le pédant joué‘‘ des Cyrano der Bergérac entwendet, erwiderte er: ,,Il m’est permis de reprendre mon bien où je le trouve.‘‘

Der erste Plagiator hieß Fidentinus

Der Satz ist auf das Motto verkürzt worden: ,,Je prends mon bien où je le trouve – ich nehme mir das Gute, wo ich es finde.‘‘ Hat Molière damit jene unrechtmäßige Aneignung von Versen eingestanden, die als Plagiat bezeichnet wird, weil der römische Dichter Martial seinem Kollegen Fidentinus vorwarf: „Quem recitas, meus est, o Fidentine, libellus – Was du da rezitierst, Fidentinus, ist mein Buch“? Seine Epigramme seien, erklärte Martial, wie „freigelassene Sklaven“, und wer sie stehle, sei ein Menschenräuber: ein „Plagiarius“.

In der Literatur galten derlei Räubereien lange Zeit als geistiger Diebstahl. Von Dichtern oder Komponisten erwartete man, dass sie ,,Originalgenies‘‘ seien, von einem Juristen oder Wissenschaftler die Wahrung des Urheberrechts. Durch einige von Titel-Ehrgeiz getriebene Gesetzesbrecher ist der Gedankendiebstahl in die (Tot-)Schlagzeilen gerückt. Wenn es sich denn nur um Gedanken gehandelt hätte. Was Martial dem Dieb zurief – „Sed male cum recitas, incipit esse tuus – aber da du es schlecht zitierst, beginnt es dein Buch zu werden“ – , lässt sich etwa auf die Elaborate von Franziska Giffey, Armin Laschet und Annalena Baerbock übertragen.

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Die Kanzlerkandidatin der grünen Partei hat ihr Buch, mit dem sie eine Revolution der deutschen Politik ankündigt – „Wie wir unser Land erneuern“ (spricht sie im pluralis maiestatis?) –, aus Zeitungsberichten, Reisenotizen, Interviews und Büchern collagiert. Sie ist damit zur leichten Beute von „Plagiats-Detektiven“ geworden. Dürftig war die Beschwichtigung, mit der Winfried Kretschmann ihr zur Hilfe eilte: „Frau Baerbock bewirbt sich um das Amt der Bundeskanzlerin, nicht um das Amt des Literaturnobelpreisträgers.“ Abgesehen davon, dass es keine Bewerbung für den Nobelpreis gibt, liegt ihr Problem wie das all der anderen Raubritter darin, dass sie keine Vorstellung hat vom Eigenwert und Sinn eines Zitats im geistigen Getriebe eines Buches. Sie entwertet es dadurch, dass sie die Herkunft oder den Urheber verschleiert.

Das ausgeschriebene Lexikon

Aber wie zitieren? Was ist erlaubt? Wie kaum ein anderer hat sich Thomas Mann auf die Molière’sche Devise berufen: „Ich weiß nur zu wohl, dass ich mich schon früh in einer Art von höherem Abschreiben geübt habe: zum Beispiel beim Typhus des kleinen Hanno Buddenbrook, zu dessen Darstellung ich den betreffenden Artikel eines Konversationslexikons ungeniert ausschrieb, ihn sozusagen in Verse brachte. Es ist ein berühmtes Kapitel geworden. Aber sein Verdienst besteht nur in einer gewissen Vergeistigung des mechanisch Angeeigneten.“

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Dies steht in einem Brief vom 30. Dezember 1945 an Theodor W. Adorno, dessen Schriften Thomas Mann bei der Arbeit an seiner wichtigsten Ideen-Komposition brauchte, dem Künstler- und Epochen-Roman „Doktor Faustus“. „Ich war von Anfang an entschlossen, in einem Buch, das ohnehin zum Prinzip der Montage neigt, vor keiner Anlehnung, keinem Hilfsgriff in fremdes Gut zurückzuschrecken: vertrauend, daß das Ergriffene, Abgelernte sehr wohl innerhalb der Komposition eine selbständige Funktion, ein symbolisches Eigenleben gewinnen könne – und dabei an seinem ursprünglichen kritischen Ort unberührt bestehen bleibe.“

Es geht also um Anverwandlungen von Gedanken und deren Weiterentwicklung. In der Literaturwissenschaft spricht man von Intertextualität. Ist ein solches Verfahren, solch eine gedankliche Mosaik-Arbeit nicht auch von dem zu fordern, der für eine politische Zeitenwende sorgen will? In Büchern über das Einwanderungsland Deutschland, den Weg Europas zu den Bürgern oder einen Paradigmenwechsel der deutschen Politik müsste aus Zitaten – den tausend Gedanken zur Zeit – ein neuer Kontext entstehen, aber keine Utopie aus einer Gesinnungsethik, die auf jene Zeiten hofft, in denen das Wünschen noch geholfen hat wie im Märchen vom Froschkönig.

Quelle: F.A.Z.
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