Weimarer Klassikpflege

Der Mann ist ja völlig kahl

Von Christoph Schmälzle
Aktualisiert am 22.11.2020
 - 18:07
Befundung und erneute Bettung der Überreste Goethes im November 1970
Die Totenruhe von Goethe und Schiller ist längst vorbei. Ihre Überreste wurden oft untersucht und umgebettet. Widerspruch erregt das heute nicht mehr.

Mit der Kanonisierung ist die Totenruhe meist dahin. Das gilt für die Glaubenszeugen der Kirche ebenso wie für weltliche Kultur- und Identitätsstifter. Aus der Verehrung resultiert der Wunsch nach dauerhafter Bewahrung und Schau ihrer körperlichen Reste. Dem Topos der Unverweslichkeit „heiligen“ Fleisches, den schon Giorgio Vasari auf Michelangelos Leichnam übertrug, entspricht ein tradiertes präparatorisches Wissen, wie sich zuletzt bei der Aufbahrung des Seligen Carlo Acutis gezeigt hat. Die vor einem halben Jahrhundert in Weimar vollzogene Konservierung der Gebeine Goethes ist kulturhistorisch kein Sonderfall.

So wurde Joseph Haydns Schädel 1809 aus dem noch frischen Grab entwendet. Das Präparat war lange im Museum der Gesellschaft der Musikfreunde ausgestellt; eine Zusammenführung mit dem 1820 nach Eisenstadt translozierten Skelett gelang erst 1954. In Weimar barg Carl Leberecht Schwabe 1826 Schillers Schädel aus dem „Chaos von Moder und Fäulnis“ des Kassengewölbes und legte damit den Grundstein für den fast zwei Jahrhunderte währenden Streit über die Echtheit der Reliquie. Nach Provisorien in Goethes Arbeitszimmer und der großherzoglichen Bibliothek gelangten die Überreste schließlich in die Fürstengruft.

Goethe und Schiller durch den Luftkrieg in Gefahr

Hier liegen Goethe und Schiller nun in schlichten Eichensärgen. In seiner Rede zum Goethejahr 1932 pries Julius Petersen, Präsident der Goethe-Gesellschaft von 1926 bis 1938, den Ort als „magnetischen Pol alles Menschengedenkens“. Wenige Jahre später war die Fürstengruft durch den Luftkrieg über Deutschland existentiell bedroht. In fatalistischem Trotz sprach sich die Goethe-Gesellschaft gegen eine Evakuierung aus – notfalls sollte eben der Trümmerhügel mit einer Inschrift versehen werden. Das formal zuständige Herzogshaus stimmte dem Abtransport der Dichtersärge unter der Bedingung ihrer späteren Rückkehr zu, bat aber vergeblich um die zusätzliche Bergung Carl Augusts.

Nur das beherzte Eingreifen des Arztes Werner Knye verhinderte im April 1945 die geplante Zerstörung der in einem Sanitätsbunker in Jena eingelagerten Särge; die „Heiligtümer der Nation“ sollten auf keinen Fall dem Feind in die Hände fallen. Für die amerikanische Armee war es indes eine „Ehrensache“, die Toten mit (wenn auch bescheidenem) militärischem Prunk an ihren angestammten Platz zurückzubefördern, statt sie zu rauben. Nach dem Besatzungswechsel im Juli legten die Russen ebenfalls Kränze nieder und demonstrierten damit, dass „die Rote Armee Kulturwerte nicht vernichtet, sondern zu schützen gewillt ist“.

Indizien für eine frühere Sargöffnung

Mutmaßlich sind es aber gerade jene Kriegswirren, in denen die Gebeine zu Schaden kamen. Schon Fritz Donges, dessen Schillerbüste 1943 auf der Großen Deutschen Kunstausstellung zu sehen war, vermutete, dass eine Öffnung der Särge stattgefunden hatte, und bat 1947 um Akteneinsicht. In der Tat gibt es Indizien für einen solchen Eingriff. Die Schlösser von Goethes Sarg weisen Hebelspuren auf, und es fehlen insgesamt fünf Hand- und Fußknöchelchen. Vor allem aber wurde die in den Holzsarg eingearbeitete Metallauskleidung mit groben Schnitten geöffnet. Das ist insofern dramatisch, als eine solche Kapsel nicht nur der Abdichtung nach außen dient, sondern auch den Prozess der Zersetzung verlangsamt.

Die sozial herausgehobene Form der Gruftbestattung bringt Herausforderungen mit sich, über die man selten spricht: Särge, die für das Publikum dauerhaft zugänglich sind, bedürfen der Pflege. Für die Weimarer Fürstengruft sind daher seit den fünfziger Jahren zahlreiche Konservierungsmaßnahmen belegt. Im Schillerjahr 1959 bemerkte man Fäulnis am Sarg des Jubilars, der mit dem Holzschutzmittel Xylamon gut beizukommen war. Bei der Gelegenheit wurden die schon 1826 aufbereiteten Knochen ein zweites Mal konserviert und auf synthetische Textilien gebettet.

Als Michail Gerassimow 1961 aus Moskau anreiste, um eine Gesichtsrekonstruktion auf der Grundlage von Schillers Schädel anzufertigen, inspizierten die versammelten Experten auch Goethes Leichnam. Mit seinem gelbseidenen Totenhemd, der teilweise mumifizierten Haut und dem von Insekten kahlgefressenen Schädel bot der Dichter einen beeindruckenden Anblick.

Vertraulichkeit trotz minutiöser Dokumentation

Doch die Leiche zersetzte sich schnell. Eine hochrangige Kommission beschrieb ihren Zustand 1963 als feucht, vermodert und schimmlig. „Aus ästhetischen Gründen und vom Standpunkt des Restaurators“ lag nahe, die Knochen zu skelettieren und so die „leiblichen Reste des großen Toten in einem würdigen Zustand auf lange Zeit“ zu erhalten. Helmut Holtzhauer, der Leiter der Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten, riet einerseits zur Vertraulichkeit, forderte andererseits aber eine minutiöse Dokumentation, um „die Maßnahmen im einzelnen gegenüber der wissenschaftlichen Welt“ zu rechtfertigen. Da die veranschlagten 5000 Mark im Haushalt nicht beizubringen waren, wurde der Vorgang zunächst aufgeschoben.

Erst als sieben Jahre später eines der beschädigten Schlösser an Goethes Sarg aufsprang, kam Bewegung in die Sache. Der Direktor des Goethe-Nationalmuseums beauftragte das Museum für Ur- und Frühgeschichte mit der Konservierung der Gebeine, die vom 2. bis 20. November 1970 diskret und gründlich umgesetzt wurde. Erhalten blieben nur die äußere Holzschale des Sarges, Goethes Skelett und sein Lorbeerkranz. Das Totenhemd, das Kopflaken und der Bezug des Leibkissens kamen nach Berlin zur Restaurierung, von wo sie erst 1975 zurückkehrten.

Die Metallauskleidung wurde eingeschmolzen, während man das Bettungsmaterial und die „losen Fleischreste“ verbrannte. Die finale Wiedereinbettung orientierte sich am Vorbild Schillers: Die Kombination aus reichlich Xylamon, einer Polyäthylen-Unterlage und weinrotem Perlon-Stoff hatte sich bewährt, was eine erneute Inspektion beider Särge im Jahr 1983 bestätigte. Kleinteile wie Goethes Fingernägel fanden Platz in einem geschliffenen Glaszylinder.

Kritik am Vorgehen der DDR-Behörden

Von der Lebendigkeit des Verwesungsgeschehens vor 1970 unterrichten die zur Dokumentation angefertigten Fotos, insbesondere das Porträt der noch unberührten Leiche. Der Zustand nach der Konservierung ist von beinahe mythozider Nüchternheit. Das kahle Gerippe transzendiert das Skandalon des organischen Zerfalls. Selbst der an die Vera Icon, das „wahre Bild“ Christi auf dem Schweißtuch der Veronika, gemahnende Schatten, den Goethes Hinterkopf auf dem Laken hinterlassen hat, ist inzwischen verblasst.

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Es ist kein Zufall, dass die „Sonderakte Mazeration Goethe“ ausgerechnet im Goethejahr 1999 an die Öffentlichkeit kam (F.A.Z. vom 18. März 1999), verbunden mit teils scharfer Kritik am Vorgehen der DDR-Behörden. Doch hatten diese nur die Wahl zwischen zwei Übeln, denn die Trocknung und Umbettung der Überreste im Ganzen hätte „zwangsläufig zum Auseinanderfallen des Toten“ geführt. Ein eigens angefertigtes Gutachten bestätigte 1999, dass die Konservierung von 1970 „entsprechend dem damaligen Stand von Wissenschaft und Technik exakt und professionell ausgeführt“ wurde.

Ausbleiben eines Skandals

Die Heftigkeit, mit der das wiedervereinigte Deutschland über das Verhältnis von Werk und Knochen stritt, erstaunt aus heutiger Sicht. Wie sehr sich die Zeiten geändert haben, zeigte die gentechnische Untersuchung von Schillers Schädel im Vorfeld des Schillerjahrs 2009. Weder die Extraktion der Zähne des Toten noch die Exhumierung seiner Familie erregten Widerspruch; stattdessen überwog die Faszination des wissenschaftlichen Paradigmenwechsels. Während bei Goethe nur das Fleisch und das Bettzeug fehlen, ist Schillers Sarg seitdem leer – das Erbgut des Fürstengruft-Schädels ließ keinen Interpretationsspielraum zu.

Keineswegs bezeugt das Ausbleiben eines Skandals indes den Sieg der Aufklärung über pseudoreligiöse Memorialpraktiken. Die Entkrampfung ist vielmehr Symptom für den generellen Bedeutungsverlust des bildungsbürgerlichen Kanons, auf den die nationalkulturelle Grab- und Erbepflege reagieren muss. Goethe selbst hielte sich wohl an die Verse des persische Dichters Hafis: „Wenn du zu meinem Grabe deine Schritte lenkst, bring Wein und Laute mit, damit ich zu der Spielmannsweise, tanzend mich erhebe.“ Auf dem Weg nach Shiras empfehlen wir einen Zwischenstopp im Istanbuler Topkapi-Serail beim Barthaar des Propheten.

Quelle: F.A.Z.
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