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Soziologen in der Zwickmühle

Der Kosmos der Kosmopoliten

Von Gerald Wagner
Aktualisiert am 14.07.2020
 - 11:39
Die Welt, vom Nabel aus gesehen: Am Times Square in New York wachsen nur die Bäume nicht in den Himmel.
Numquam sine ire: Wie können Gesellschaftswissenschaftler etwas erforschen, dem sie selbst eine bestimmte Entwicklung wünschen?

Die deutsche Gesellschaft ist wieder mal sehr gespalten. Gern wird die griffige Metapher der Spaltung in zwei Teile auch mit einem dramatisierenden „immer mehr“ versehen: Nie war anscheinend mehr Spaltung als heute. Wahlweise in links und rechts, oben und unten, Reich und Arm, Ost und West oder, sehr aktuell: in die, die sich große Sorgen machen um gesellschaftlichen Rassismus, und jene, die dann wohl die Rassisten sein müssten. Oder zumindest dem Phänomen der Diskriminierung von Menschen anhand ihrer Hautfarbe eher gleichgültig gegenüberstünden. Was hat die politische Soziologie mit ihrer aktuellen Forschung zum Verständnis der sozialen Spaltungen des Landes beizutragen?

In einem aktuellen Beitrag der Zeitschrift „Leviathan“ hat Michael Zürn vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung den Stand der Debatte innerhalb der Soziologie jetzt prägnant dargestellt. Mit etwas Abstand zur hitzigen Auseinandersetzung um die Frage, ob Rassismus in der Polizei eher ein Problem der Amerikaner oder auch bei uns ein Grund zur Sorge ist, lässt sich die dominante Konfliktlinie der globalisierten Gesellschaften als die Gegnerschaft von Kommunitaristen und Kosmopoliten beschreiben. Es greift zwar ein wenig zu kurz, aber im Wesentlichen lässt sich diese Polarisierung auch als die Spaltung der Gesellschaft in Globalisierungsverlierer und eben Gewinner darstellen. Eine andere prägnante Charakterisierung hat sie auch als die Heimatverbundenen und die „Frequent Flyers“ einander gegenübergestellt. Nun streitet man sich in der Forschung seit rund 20 Jahren, ob man diesen neuen Konflikt eher sozio-ökonomisch, sozio-kulturell oder sozio-politisch verstehen sollte. Die drei großen Fragen, die derzeit unsere Gesellschaften spalten, berühren diese drei Dimensionen gleichermaßen: Wie offen oder geschlossen sollen die nationalstaatlichen Grenzen für Migranten sein? Ist die Übertragung politischer Kompetenzen an europäische und internationale Institutionen alternativlos? Und schließlich: In welchem Verhältnis stehen Individualrechte und politische Mehrheitsentscheidungen?

Vielflieger gegen Kommunitaristen

Der Politikwissenschaftler Zürn richtet an die aktuelle soziologische Forschung hierzu zwei Tadel – einen größeren und einen kleineren. Letzterer betrifft die sozio-politische Dimension des Konflikts, den die gegenwärtige Forschung ignoriere, so Zürn. Darum bleibe es für diese Forschung auch rätselhaft, warum so viele Globalisierungsverlierer – also die sogenannten Kommunitaristen – rechtspopulistische Parteien wählten, obwohl ihnen doch die Linken viel mehr sozialen Schutz versprächen. Zürn zufolge würden die Kommunitaristen allerdings nur noch die Versprechungen der Rechten glauben, weil nur diese auf ihr Gefühl der politischen Exklusion und Machtlosigkeit antworteten. Insbesondere die Flüchtlingsfrage habe zu dem Eindruck beigetragen, dass eine Politik der offenen Grenzen von einer Mehrheit abgelehnt werde, aber nie zur politischen Disposition stand. Drastisch formuliert Zürn, dass sich die „Wahrnehmung einer politischen Klasse, die völlig abgehoben von der einfachen Bevölkerung ihr Ding macht und dabei den Interessen einer verwöhnten und tendenziell korrupten kosmopolitischen Klasse dient“, von diesem Moment an „rasend schnell ausbreite.“

Zürns zweiter Tadel ist schwerwiegender. In der soziologischen Forschung zu den Konfliktlinien der Modernisierung halte sich eine „geschichtsphilosophische Teleologie“ verborgen, die das Gebot der wissenschaftlichen Wertfreiheit verletze. Die Begriffe Kommunitaristen und Kosmopoliten hätten bei ihm das explizite Ziel, die beiden ideellen Positionen dahinter auf „Augenhöhe“ oder Gleichwertigkeit zu bringen. Andere Autoren, kritisiert Zürn, arbeiteten dagegen mit Begriffen, die eine „theoretische Asymmetrie“ zwischen den beiden Lagern herstellten. Die Modernisierungsverlierer und Rechtswähler, die dem Nationalstaat hinterhertrauerten, stünden bei diesen Autoren als „atavistische Bremser“ gegenüber der Modernisierung der Gesellschaft da. Wenn Zürn anmerkt, er selbst stufe aufgrund persönlicher „normativer Gesichtspunkte“ die beiden Positionen natürlich auch nicht als „gleichwertig“ ein, bestehe aber aus wissenschaftlichen Gründen auf dieser Symmetrie, dann trifft er mit seinem Tadel die Soziologie an einer sehr empfindlichen Stelle. Er trifft sie in der Frage, wie sehr sie in diesem sozialen Konflikt als Wissenschaft selbst Partei ist.

Schließlich dürften sich alle Soziologen selbst als Kosmopoliten begreifen, welche die Bedeutung ihrer Arbeit vor allem in deren Beitrag zur Modernisierung der Gesellschaft sehen möchten. Wünscht sich, wer über den Konflikt zwischen Kommunitaristen und Kosmopoliten forscht, nicht insgeheim den Sieg Letzterer? Kann man, anders formuliert, „soziologische Aufklärung“ (Niklas Luhmann) betreiben, ohne davon überzeugt zu sein, dass die wissenschaftliche Selbstbeobachtung der Gesellschaft zu deren Verbesserung unvermeidlich beitragen müsse? Oder an Michael Zürn gerichtet: Trägt, wer als Forschung auf der „Augenhöhe“ der beiden Lager beharrt, nicht zur Aufwertung der „normativ schmutzigen Variante“ des Kommunitarismus bei?

Quelle: F.A.S.
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