Ökoanbau im Gen-Dilemma

Biolandwirte und Fortschritt?

EIN KOMMENTAR Von Joachim Müller-Jung
30.04.2021
, 08:52
Da geht doch was in der Ökolandwirtschaft, oder?
Kriegt der Boden Risse, auf dem die Gentechnikfrei-Regeln des Ökolandbaus gedeihen? Bei den Grünen bröckelte es zuletzt schon, jetzt haken Pflanzenforscher nach: Ohne Gentechnik scheitert auch der „Green Deal“.
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Der „Green Deal“ aus Brüssel war als Europas „Mann auf dem Mond“ geplant. Ein Füllhorn grüner Projekte, überirdisch und innovativ, eine Nachhaltigkeitsrevolution, die sich gewaschen hat und zu der jede moderne Gesellschaft jenseits von Atlantik und Ural hätte aufschauen sollen. Allerdings ist die gigantische grüne Waschmaschine für den Mond mittlerweile wohl ins Stocken geraten.

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Die Staaten blockieren, wie ein enttäuschter grüner Parlamentarier, Sven Giegold, in seiner Eil-Petition in den schwärzesten Farben ausmalt, praktisch jedes einzelne Vorhaben des Green Deal. Gemeint sind die Klimaziele der EU. Von der „Farm to Fork“-Strategie ist darin nicht die Rede, obwohl die durchaus auch Teil des grünen EU-Gesamtpakets ist. „Farm to Fork“ übersetzt das zuständige Bundesministerium in Berlin mit „Hof auf den Teller“-Strategie. Das erklärt noch gar nichts, und es wäre an dieser Stelle auch schwierig, die 27 Maßnahmen, die sich dahinter verbergen – Tierwohlkennzeichen, Nährwertkennzeichen, Lebensmittelsparsamkeit sind Beispiele daraus –, genau zu erläutern. Farm to Fork jedenfalls steht genau wie die europäischen Klima-Ambitionen auf der Kippe.

Wissenschaftler aus Bayreuth, Göttingen, Düsseldorf, Heidelberg, Wageningen, aus Alnarp in Schweden und selbst aus dem kalifornischen Berkeley haben das in einem Aufsatz in „Trends in Plant Science“ sichtlich bedauert. Teil der grünen Hof-Teller-Strategie ist nämlich ein Flächenanteil der Ökolandwirtschaft in Europa von 25 Prozent bis 2030. Derzeit liegen wir bei 7,5 Prozent. Die Öko-Lücke beschränkt sich aber nicht auf die Fläche, sondern auch auf die geringeren Erträge auf Ökofeldern. Die lassen sich den Forschern zufolge nämlich nicht einfach kompensieren, indem weniger Fleisch gegessen und weniger Lebensmittel weggeworfen werden. Der Klimawandel macht die Öko-Umstellung zusätzlich schwieriger.

Die Katze beißt sich in den Schwanz

Weil aber das grüne Europa auf den anderen Feldern keinesfalls mehr Nährstoffe und Pestizide oder gar chemikalien- und genmanipulierte Importware haben will, bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich im Ökoanbau etwas einfallen zu lassen. Kupferhaltige „Natur-Pestizide“ meinen sie damit nicht. Vielmehr verweisen die Autoren auf einen Passus im Green Deal, in dem zur Erreichung der Nachhaltigkeitsziele und als Teil der „Hof auf den Teller“-Strategie die Möglichkeit biotechnologischer Optimierung vorgesehen ist. Gesetzeskonform ist das allerdings nicht. Ökolandbau in Europa geht nämlich bisher nur ohne Gentechnik.

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So beißt sich die Katze in den Schwanz. Beides geht wohl nicht: Ökohof satt auf den Teller und hundertprozentig gentechnikfrei. Brüssel weiß das sicher selbst, aber in Europa leben viele gern noch hinterm Mond.

Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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