Grüne Gentechnik

Gut, besser, natürlich?

Von Sonja Kastilan
19.02.2017
, 21:55
Diese Champignons sind gecrispert – sie werden deshalb nicht mehr braun.
Wie will man neue Methoden der Züchtung kontrollieren, wenn sich Unterschiede in den Pflanzen gar nicht mehr identifizieren lassen?

Zum Frühstück verzehrt man gern etwas Grapefruit. Zur Not ein Glas Saft, denn die fruchtige Bitterkeit macht auf so schöne Weise wach. Besonders die sanften Sorten in Rosa: Star Ruby und Rio Red stammen beide aus den Vereinigten Staaten, und es gibt sie auch als Bio-Ware, da darf man also guten Gewissens zugreifen. Von Gentechnik scheinbar keine Spur, doch interessiert man sich für ihre Ursprünge, würde manch einer wohl eine Überraschung erleben. Schließlich sind diese beliebten Früchte nichts anderes als Mutanten.

Die eine zeichnet sich durch eine im Vergleich zur Elternpflanze kräftigere Rotfärbung von Saft und Fruchtfleisch aus, die andere durch erheblich weniger Kerne: statt ehemals vierzig bis sechzig, sind es nun keine zehn. Das erhöht zweifellos den Genuss der Grapefruits, solange man nicht weiß, dass ihre Besonderheiten einst durch Neutronenstrahlen erzeugt wurden. Zig Knospen mussten damit traktiert werden, bis die neuen Sorten im Jahr 1970 beziehungsweise 1984 registriert werden konnten. Das muss aber nirgends vermerkt werden, weder auf der Obstkiste noch im Supermarkt.

Neue Sorten dank Radioaktivität

Auf Bestrahlungen beruhen Tausende von Kulturpflanzen, die wir heute weltweit nutzen: Dahlien ebenso wie Birnen, Gurken, Minze, Reis und Weizen und eine ganze Reihe mehr. In jüngster Zeit kamen neuartige Kirschen, Kartoffeln und Chrysanthemen hinzu, und in diesen Fällen sorgten Gamma-Strahlen für irgendwelche Abweichungen im Pflanzengenom, die sich zuvor nicht steuern ließen. Weil aber diese Form der Nuklear-Gärtnerei ebenso wie die Anwendung von mutagenen Chemikalien oder die mühsame Kreuzung zur konventionellen Züchtung gezählt wird, sind keine aufwendigen Kontrollen und Sicherheitsstudien erforderlich, während Verfahren der Gentechnik, die gezielter ins Erbgut eingreifen, strikten Regeln unterliegen. In Europa gilt dann die Richtlinie 2001/18/EG, und das deutsche Gentechnikgesetz setzt diese praktisch um, mit Blick auf ein Vorsorgeprinzip.

Ob auch die modernen Verfahren des sogenannten Genome Editing unter diese Regelung fallen, zum Beispiel Talen, Crispr–Cas9 oder die Oligonucleotide Directed Mutagenesis, darüber wird derzeit heftig diskutiert. Möglicherweise müssen Juristen gänzlich neue Formulierungen finden, denn auf Klauseln, die Fortschritte berücksichtigen, sogenannte dynamische Verweisungen, hatte man in dieser Richtlinie verzichtet. So muss sich der Europäische Gerichtshof jetzt neben juristischen mit wissenschaftlichen Details auseinandersetzen, weil die mittels Genome Editing erzeugten Punktmutationen gleichfalls auf natürliche Weise entstehen könnten oder eben durch herkömmliche Züchtungsmethoden.

In den Vereinigten Staaten widmen sich mit FDA, EPA und APHIS gleich drei zuständige Behörden den neuartigen Methoden, deren Anwendung so vielseitig ist wie die Regulierung unklar. Im Moment gelten dort beispielsweise Champignons, wie sie an der Penn State University im Labor von Yinong Yang mittels Crispr-Cas9 entstanden sind, nicht als „gentechnisch veränderte Organismen“: Sie sind nicht transgen, ihnen wurde keine fremde DNA eingesetzt. Stattdessen wurden die eigenen Erbinformationen editiert; durch kleine Deletionen ging ein Enzym und damit die Eigenschaft verloren, dass sich die Pilze braun verfärben. Somit sind sie weniger empfindlich und länger haltbar. Solche – schier ewig weiße – Champignons drängen noch nicht auf den deutschen Markt, doch ihr Beispiel veranschaulicht, was die Zukunft bringt. Ein anderes ist eine editierte Rapssorte, für die das amerikanische Unternehmen Cibus sich bereits in mehreren europäischen Ländern bestätigen ließ, dass es sich nicht um einen gentechnisch veränderten Organismus handelt. Auch in Deutschland kam das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelrecht zu dieser Feststellung, Cibus hätte den Raps demnach anbauen dürfen. Dagegen wurde prompt geklagt, der Bescheid ruht somit. Vorerst.

Das Ringen um eine Definition

„Brauchen wir eine neue Gentechnik-Definition?“, dieser Frage gingen deshalb auch die Teilnehmer einer Veranstaltung nach, zu der am vergangenen Dienstag die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina, der Deutsche Ethikrat und die Deutsche Forschungsgemeinschaft in Berlin eingeladen hatten. Ethische Aspekte kamen hier ebenso zur Sprache wie dringliche Probleme der Landwirtschaft, die sich in der Tat nicht allein durch bessere Pflanzenzucht beheben lassen. Und während der Sozialpsychologe Wolfgang Stroebe unter anderem betonte, dass angesichts der neuen Methoden dann eine Kennzeichnung als „genetisch verändert“ notwendig sei, weil Verbraucher sehr wohl auf die Prozesse der Erzeugung achten, erläuterten Juristen unterschiedliche Auslegungen des bestehenden Gentechnikgesetzes. Umso mehr überraschte dann Harald Ebner (Grüne) vom Bundestagsausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung mit seiner Aussage, er „glaube nicht, dass wir eine neue Definition brauchen“.

„Im Moment nicht“, sagt auch Detlef Bartsch, der am Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit die Abteilung Gentechnik leitet. Als Vertreter der Exekutive lege man das Gentechnikgesetz praxisorientiert aus, die sichere Anwendung stehe dabei im Mittelpunkt. Er selbst habe keine Angst vor behördlich zugelassenen Gentechnikprodukten: „Ich weiß, wir prüfen sorgfältig. Wer aber die Methoden nicht versteht oder nur aus Filmen wie ,Jurassic Park‘ kennt, fürchtet sie vermutlich mehr.“

Bartsch war am Dienstag zur Diskussionsrunde geladen und im näheren Gespräch erklärt er: „Biologisch betrachtet, ist eine Pflanze – egal ob mit Hilfe von Strahlung oder den neuen Techniken wie Crispr-Cas9 gezüchtet, genetisch verändert. Ob auch ,gentechnisch‘, ist dann eigentlich zweitrangig, wenn das Produkt das gleiche ist.“ Laut geltendem Recht führe eine Mutation, die genauso natürlich entstehen könnte, nicht zu einem gentechnisch veränderten Organismus (GVO), sagt Bartsch über eine mögliche Auslegung des Gesetzes und hofft, dass sich dieser sowohl Wissenschaftler und Pflanzenzüchter als auch die Konsumenten anschließen. Im gezielten Genome Editing erkennt er vor allem eine Abkürzung der konventionellen Pflanzenzüchtung, die langwieriger, aber zulassungsfrei wäre – im Gegensatz zu allem, was als „Gentechnik“ deklariert wird. Würde der Europäische Gerichtshof nun Crispr und verwandte Methoden grundsätzlich dazu zählen, wären die punktmutierten Pflanzen aus technischen Gründen gar nicht zulassungsfähig. Und selbst wenn man das Problem der dann notwendigen Identifizierungsmethoden lösen könnte, würde das nicht nur mehr Aufwand bedeuten, sondern zugleich hohe Kosten: „Die geforderten Daten und Verfahren sind so umfangreich, dass für eine GVO-Zulassung rund zehn Millionen Euro nötig sind. Für alle Gebühren und Prüfungen“, sagt Bartsch. Dann würde ein weiterer Vorteil der neuen Labortechniken, die günstiger sind und somit Fortschritt einfacher zugänglich machen, wegfallen. Dabei gebe es keine Nachweismethoden, mit denen sich diese Punktmutationen von natürlichen oder bestrahlten Mutanten unterscheiden ließen. Das erschwere eine Kennzeichnung des Herstellungsprozesses, die sich Verbraucher vielleicht wünschen: „Wie soll man etwas kennzeichnen, was sich nicht mehr identifizieren lässt?“ Das gelänge nur, wenn das gesamte Produktionssystem, ähnlich der Ökolandwirtschaft, kontrolliert würde.

Der Mensch gestaltet die Natur so oder so

Nach Meinung von Detlef Bartsch sollte man jedoch mit einer Neuformulierung mittelfristig die Chance nutzen, das alte Gentechnikgesetz zu entrümpeln, ohne etwa die hohen Sicherheitsstandards aufzuweichen. Aber statt allein Gentechnik zu einem Gegensatz zur Natur zu erheben, sollte man lieber andere Begriffe verwenden und von Landwirtschaftskultur oder Kulturpflanzen sprechen, denn es gehe hier um Zuchtsorten: „Der Mensch ist ein Bestandteil der Natur und gestaltet, beeinflusst sie von Anfang an.“ Für die Tier- und Pflanzenzucht bieten die Methoden des Genome Editing zahlreiche Möglichkeiten. Wie und was zugelassen werde, sagt Bartsch, sei immer eine Einzelfallentscheidung. Widernatürlich ist das nicht unbedingt, zumal heute Landschaften wie die Lüneburger Heide oder die Schwäbische Alb unter Schutz stehen, die so erst durch Raubbau oder Tierhaltung entstanden sind; die hiesige Urlandschaft sah völlig anders aus. In der Frage von Naturschutz und Biodiversität sei wichtig zu berücksichtigen, um welche Erbinformation es sich jeweils handelt: „Zwischen Wildpflanzen und Zuchtsorten besteht ein Genfluss. Wird eine Resistenz eingeführt oder die Fitness auf andere Weise gesteigert, muss geprüft werden, was das für die Wildart bedeutet.“

„Auch kleine Eingriffe können zu weitreichenden Eigenschaftsveränderungen eines Organismus führen und somit relevante Auswirkungen auf Mensch und Natur haben“, warnte am Dienstag jedoch Margret Engelhard, die am Bundesamt für Naturschutz das Fachgebiet Bewertung gentechnisch-veränderter Organismen leitet. Sie plädierte dafür, Veränderungen am Erbgut, die mit Hilfe von Methoden wie Crispr-Cas9 erzeugt werden, als Gentechnik einzuordnen, stellte aber auch das zum Vergleich oft herangezogene historische Wissen in Frage: Etwas, das schon immer gemacht wurde, sei deshalb nicht sicher. Dass sie damit jegliche Art der Pflanzenzüchtung meinen und eine Kontrolle fordern könnte, beunruhigt Detlef Weigel, Direktor am Tübinger Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie: „Das würde alles zum Erliegen bringen. Vielleicht erleichtert es die Diskussion, wenn man die Grenze zieht, sobald fremde DNA-Stücke ins Erbgut eingebracht werden sollen.“ Veränderungen im Genom, wie sie spontan eintreten könnten, müssten anders betrachtet werden.

Es geht auch ohne. Aber viel langsamer

Das Argument, man wisse ja nicht, was durch die neuen gentechnischen Methoden passiere, lässt Weigel nicht pauschal gelten: „Mit radioaktiver Strahlung und mit Chemikalien wird viel stärker ins Erbgut eingegriffen, als wenn man die Funktion einzelner Erbinformationen modifiziert, wie es jetzt mittels Genome Editing möglich ist.“ Und wolle man den Prozess der Entstehung kennzeichnen, sollte das für alle gelten. „Außerdem kann man mit modernen Methoden heute das gesamte Genom durchforsten, um unerwünschte Veränderungen zu finden. Wir wissen also, was passiert“, sagt Weigel.

Mit seinen Mitarbeitern geht er vor allem der Frage nach, wie sich Pflanzen in einer natürlichen Umgebung verändern, zum Beispiel die Acker-Schmalwand Arabidopsis thaliana, die von Europa und Asien in die Neue Welt eingeschleppt wurde und sich dort erfolgreich ausbreitete. „Wir interessieren uns für lokale Anpassungen, zum Beispiel wie mediterrane Mitglieder dieser Art besonders resistent gegen Trockenheit wurden“, erklärt Weigel, „eine Frage, die angesichts des Klimawandels relevant ist.“ Crispr-Cas9 sei für sie ein Hilfsmittel in der Grundlagenforschung, eines von vielen Werkzeugen, um den Einfluss einzelner Gene im Anpassungsprozess zu testen.

Natürlich, die Pflanzenzucht käme auch ohne Crispr & Co aus und ohne Gentechnik, aber der Fortschritt wäre erheblich langsamer. Sollte am Ende nicht eher das Produkt entscheiden, wie eine Pflanzensorte einzuordnen ist? Oder doch in erster Linie der Entstehungsprozess? Über ihren Anbau, den Bedarf an Wasser, Dünger oder Pestiziden sagt letzterer allerdings nichts aus. Vielleicht lässt es sich ja mit Milch vergleichen, die per Hand oder schneller per Melkmaschine gewonnen wird: Für ihre Güte sind eigentlich andere Faktoren viel wichtiger.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Kastilan, Sonja
Sonja Kastilan
Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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