Indigene Völker

Hoffnungsträger im Kampf gegen den Klimawandel

Von Peter Seligmann
05.12.2021
, 12:48
Wächter  des Waldes: Indigene Gemeinschaften, zu denen Antonio Enésio Tenharin aus dem  Süden des Bundesstaates Amazonas zählt, kämpfen gegen Abholzung und Brandrodung.
Indigene haben endgültig die Bühne der Welt erklommen, als auf dem Klimagipfel ihre Rolle als Wächter des Waldes anerkannt wurde. Aber nichts ist gewonnen, so lange sie nicht die Rechte erhalten, die ihnen zustehen. Ein Gastkommentar.
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An English version of this comment is available here.

Indigene Völker sind die Wächter der Tropenwälder – und damit von Ökosystemen, die große Mengen Kohlenstoff speichern. Auf dem UN-Klimagipfel COP26 in Glasgow standen Indigene erstmals bei einer so gewaltigen Umweltkonferenz der Vereinten Nationen mit im Zentrum. Das war an sich schon ein Novum, ebenso wie die Höhe der Gelder, mit denen in den kommenden Jahren die Abholzung der Tropenwälder gestoppt werden soll, damit sie nicht länger den Klimawandel, den Verlust der biologischen Vielfalt und das Pandemierisiko anheizt. Die Zusage des öffentlichen und privaten Sektors, 19 Milliarden Dollar zur Verfügung zu stellen, um das Investmentgeschäft zu reformieren und Produkte aus Abholzung aus den Lieferketten zu beseitigen, gehörte zu den großen und erfreulichen Glanzlichtern der COP26.

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141 Regierungen, darunter die USA, Brasilien, Deutschland und China, haben zudem eine Erklärung unterzeichnet, in der sie sich verpflichten, die Landrechte indigener Völker und lokaler Gemeinschaften zu respektieren und anzuerkennen. Damit erkannten sie auch die klare wissenschaftliche Evidenz an, dass Indigene äußerst kompetent darin sind, die Zerstörung wertvoller Ökosysteme zu verhindern.

Doch inmitten der Freude über Fortschritte mahnten indigene Anführer in Glasgow zur Vorsicht. Es bleibe abzuwarten, sagte einer von ihnen, ob Indigene nur als Kulisse für einen Fototermin genutzt wurden oder ob diese COP als historischer Moment für die indigenen Völker und den Planeten in die Geschichte eingehen werde.

Passagen aus der Glasgow-Erklärung der Staats- und Regierungschefs zu Wäldern und Landnutzung illustrieren, warum Zweifel begründet sind. Die Unterzeichner haben in ihre Erklärung zum Schutz indigener Völker und Lebensweisen nämlich durch eine Formulierung ein riesiges Loch gerissen. Die Anerkennung Indigener gebe es „in Übereinstimmung mit der einschlägigen nationalen Gesetzgebung und internationalen Instrumenten, soweit dies angemessen ist“, steht da zu lesen. Jede Regierung kann also selbst definieren, was „angemessen“ ist.

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In Kohlenstoff-Markt künftig einbezogen

Da sie als starke Kohlenstoffsenken dienen, werden die Tropenwälder indigener Gemeinschaften wahrscheinlich in jeden Kohlenstoffmarkt einbezogen. Aktivisten haben in Glasgow während der Klimaverhandlungen versucht, auf stärkere Rechte für die Indigenen bei diesen Transaktionen zu drängen, einschließlich des Rechts, naturbasierte Lösungen zu entwickeln und ihre Durchführung zu kontrollieren, da sie sich auf ihre Territorien auswirken. Sie haben dabei das Argument vorgebracht, dass ihre Wälder besser als Kohlenstoffspeicher dienen, wenn ihre Rechte gewahrt werden. Der endgültige Text des Klimaabkommens nimmt zwar Bezug auf die Rechte indigener Gemeinschaften, bietet ihnen aber nur wenig Kontrolle über die Umsetzung der Vorschläge.

Weltweit gehören 370 bis 500 Millionen Menschen zu indigenen Völkern. Studien haben klar gezeigt, dass die Abholzungsrate in den Gebieten, die sie seit jeher bewohnen und bewirtschaften – einschließlich vieler riesiger Tropenwaldgebiete in Indonesien, dem Amazonasbecken, dem Kongo und Mittelamerika –, erstaunlich niedrig ist und die biologische Vielfalt hoch bleibt. Die indigenen Völker haben sich als wirksame Verwalter dieser Gebiete erwiesen, die es verstehen, nachhaltig in den Wäldern zu leben und sie gleichzeitig vor Abholzung und anderen Formen der zerstörerischen Ausbeutung zu schützen.

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Klimaschutzlösungen, die in der Natur verwurzelt sind, also auf der natürlichen Kraft von Ökosystemen aufbauen, Kohlenstoff zu speichern, sind äußerst erfolgversprechend. Deshalb werden sie in der Abschlussdeklaration auch beschrieben und eingefordert. Der Erfolg solcher Lösungen hängt aber eng damit zusammen, dass diese Ökosysteme weiter von indigenen Gemeinschaften beschützt werden können.

Gut 80 Prozent der verbleibenden biologischen Vielfalt des Planeten liegt auf indigenen Territorien. Diese Gebiete sind durch Unternehmen und Investoren bedroht, die versuchen, Land und Ressourcen zu kontrollieren. Weitere Faktoren sind die Ausweitung der industriellen Landwirtschaft und Ölbohrungen sowie oftmals illegale Aktivitäten wie Goldabbau und Holzeinschlag. Zunehmend werden indigene Führer angegriffen, inhaftiert und ermordet.

In einer der COP26-Pressemitteilungen, in der die 19 Milliarden Dollar angekündigt wurden, die der öffentliche und der private Sektor in den Naturschutz investieren wollen, wurde jedoch nicht zugesagt, dass mit diesen Mitteln die Rolle der indigenen Völker geschützt wird, obwohl sie den größten Teil der artenreichen Tropenwälder der Welt bewirtschaften. Das ist beunruhigend und widerspricht dem Stand der Wissenschaft.

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Eine neue Studie, die Mitte Oktober veröffentlicht wurde, legt nahe, dass rein freiwillige Verpflichtungen von Staaten und Unternehmen die Entwaldung nicht gestoppt haben. Die Wissenschaftler hatten analysiert, wie globale Selbstverpflichtungen zum Schutz der Wälder ihre Ziele in dramatischer Weise verfehlt haben. Sie forderten deshalb, die Rechte indigener Völker und lokaler Gemeinschaften zu stärken.

Kompetenz gegen Klimawandel

Auch führende Klimawissenschaftler wie die Mitglieder des Weltklimarats IPCC erkennen die einzigartige Kompetenz der indigenen Völker beim Schutz der Natur an. Der Weltbiodiversitätsrat IPBES unterstützt ebenso wie die New Yorker Erklärung zum Waldschutz die These, dass die Anerkennung der Rechte indigener Gemeinschaften nicht nur im Kampf gegen den Klimawandel helfen wird, sondern auch die biologische Vielfalt schützen und das Risiko tödlicher Pandemien verringern wird.

Bislang ist aber nur ein Bruchteil der für den weltweiten Waldschutz bereitgestellten Mittel an indigene Völker geflossen. Eine separate Zusage über 1,7 Milliarden Dollar, die ebenfalls auf dieser COP angekündigt wurde, soll diesen Trend umkehren. Fünf Länder und 17 philanthropische Organisationen, darunter auch die unsere, verpflichten sich, Gelder direkt an Gemeinschaften und ihre Organisationen weiterzuleiten, um deren Landbesitz zu erweitern und in deren Klima- und Naturschutzstrategien zu investieren. Ich bin davon überzeugt, dass die Zukunft der Menschheit direkt mit der Zukunft der indigenen Völker und lokalen Gemeinschaften als Bewahrer der intaktesten Ökosysteme der Welt verbunden ist.

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Es war deshalb erfreulich, dass indigene Anführer in so großer Zahl in Glasgow anwesend waren, dass ihre Stimmen auf höchster Ebene gehört wurden und dass die Rechte indigener Völker in den Texten mehrfach benannt werden. Doch es bleiben wichtige Ziele offen – etwa zu erreichen, dass Menschenrechte für indigene Völker auch praktisch garantiert werden und dass Indigene zuerst ausführlich informiert und um Zustimmung gebeten werden müssen, bevor ihre Territorien in den Kohlenstoffhandel einbezogen werden.

Am Ende der COP-Verhandlungen fanden einige indigene Beobachter dennoch Grund zu vorsichtigem Optimismus. Staaten und Investoren würden noch von selbst herausfinden, dass es ihnen nicht aus eigenen Kräften gelingen kann, die Gesundheit empfindlicher Ökosysteme zu schützen und deren Beitrag zum Klimaschutz sicherzustellen und zu überwachen. Sie würden also von selbst einsehen, wie wichtig Indigene für ihre Ziele sind. Tuntiak Katan vom ecuadorianischen Volk der Shuar und zugleich Koordinator der Globalen Allianz der Territorialen Gemeinschaften, sagte: „Jetzt zählt, was als Nächstes passiert.“ Nun, da sie sich von Glasgow wieder abwenden, sollten die politisch und wirtschaftlich Verantwortlichen wissen, dass sie genau beobachtet werden. Vieles hängt davon ab, wie sie die Rechte der indigenen Völker schützen, deren Anführer ihre Stimmen in Schottland erhoben haben, und wie sie sich deren Weisheit künftig zunutze machen werden.

Übersetzung aus dem Amerikanischen: Christian Schwägerl

Der Autor

Peter Seligmann ist Mitbegründer und Geschäftsführer von Nia Tero, einer in den USA ansässigen gemeinnützigen Organisation, die mit indigenen Gruppen und Bewegungen weltweit zusammenarbeitet.

Quelle: F.A.Z.
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