Sexualität

Wie sag ich’s bloß meinem Kind?

Von Sabine Wienand
13.09.2012
, 09:34
Ob in der Schule oder zu Hause: Das Reden über Sexualität ist nicht immer frei von Peinlichkeit. Und auch der beste Aufklärungsunterricht wird Fragen offenlassen, die dann den Eltern gestellt werden. Gut, wenn sie Antworten parat haben.

In der Theorie ist die Sache ganz einfach: Um ein gesundes Körperbild und eine von Achtung, Selbstbestimmtheit und Freude geprägte Sexualität zu entwickeln, ist es am besten, in der Familie ganz ungezwungen über Liebe und Zärtlichkeit zu sprechen. Von klein auf, ganz nach Bedarf, ganz nebenbei und immer mal wieder. So raten es jedenfalls die Psychologen.

Die Realität sieht anders aus. Umfragen von Meinungsforschungsinstituten ergeben, dass in Deutschland rund 64 Prozent der Bevölkerung über 16 Jahre weder in der Familie noch mit Partnern oder Freunden über Sexualität sprechen wollen. Der sexuell aufgeladenen Bilderflut steht eine Wortwüste gegenüber.

Woher nehmen die Heranwachsenden dann ihr Wissen? Drei Viertel aller für die Studie „Jugendsexualität 2010“ befragten Jungen und Mädchen erklärten, sie hätten alles Wesentliche in der Schule gelernt. Nachdem die Kultusministerkonferenz 1968 ihre Empfehlungen zur Sexualerziehung in Schulen herausgab, haben die Länder diese in ihren Lehrplänen verankert, allerdings mit unterschiedlichen Schwerpunkten und Lücken.

Grundfunktionen der Sexualität, Schwangerschaft, Geburt, Unterschiede zwischen Jungs und Mädchen, Geschlechterrollen sowie die Bedeutung von Familie wollen zwar alle bis Ende der vierten Klasse vermitteln. Themen wie Homosexualität oder Verhütung findet man dagegen selten im Pflichtprogramm für Grundschüler. An allgemeiner Körper- und Sinneserfahrung arbeiten schon die Kindergärten bundesweit. In rund der Hälfte der Bundesländer wird in den vorschulischen Bildungsplänen dazu angehalten, Lernangebote zu frühkindlicher Sexualität zu machen. Manche Erzieherin liest also bei Bedarf mal ein Aufklärungsbuch mit den Knirpsen, andere zeigen vielleicht Puppen mit anschaulichen Geschlechtsteilen.

Die eine, richtige Methode der Vermittlung gibt es dabei nicht. Als im Wintersemester 2009 die ersten Studenten an der Fachhochschule Merseburg den Masterstudiengang „Angewandte Sexualwissenschaft“ belegten, kam häufig der Wunsch nach einem Rezeptbuch der Methoden. „Wichtiger ist zunächst, das Wissen zu verinnerlichen, was Kinder in einem gewissen Alter brauchen, dann findet sich auch die jeweils richtige Methode“, riet ihnen der Mediziner und Sexualwissenschaftler Harald Stumpe. Mit anderen Worten: Es gibt nichts, was man nicht sagen darf. Aber entscheidend ist, was das Kind interessiert

Die Fragen sind immer dieseleben

“Die Schlüsselfragen sind noch dieselben wie vor zwanzig Jahren“, sagt Stumpe. In den ersten beiden Klassen wollen Kinder wissen, wie ein Baby entsteht und sich entwickelt. Das kann man kurz und knapp in einfachen Worten erklären. In der dritten, vierten Klasse sind Schwangerschaft und Geburt meist abgehakt, „dann wollen Kinder auch wissen, wie das mit der Liebe ist, wie Sex geht und warum man das eigentlich öfter als nötig macht“, sagt Stumpe.

Kommen solche Fragen nach der sexuellen Gefühlswelt, fühlen viele Pädagogen sich schon unsicherer. Eigentlich müssten Sexualpädagogen am besten nicht nur mit Schülern, sondern auch mit Lehrern arbeiten. „Und wenn bei den älteren Grundschülern auch mal politisch nicht korrekte Fragen fallen, sollte ein Lehrer trotzdem authentisch antworten können“, sagt Stumpe.

Doch auch, wenn es manche Eltern gern hätten: Komplett in die Schule lässt sich Aufklärung nicht auslagern. Es gehört zum familiären Erziehungsauftrag, den Kindern eine sexuelle Grundbildung angedeihen zu lassen. Nun zeigt eine Langzeitstudie aus den neunziger Jahren, dass Kinder für gewöhnlich zu genauso liberalen oder verklemmten Erwachsenen werden, wie ihre Eltern es gewesen sind. Wenn Paare nicht über ihren Sex sprechen, ist das schade, wenn Eltern nicht mit ihren Kindern darüber reden, ist es schädlich.

Die vielzitierte Angst, schlafende Hunde zu wecken, ist dabei unbegründet. Früh aufgeklärte Kinder haben nicht früher Sex, aber sie scheinen - wenn es so weit ist - verantwortungsbewusster zu verhüten. Im Übrigen wissen schon kleinste Naturforscher meist mehr, als Erwachsene glauben. Dass der Klapperstorch Frösche im Schnabel hat, nicht Babys. Wie Tiere sich paaren. Man muss sich nur mal ein Buch wie „Conni geht in den Zoo“ (Carlsen Verlag) vorlesen lassen, und schon lernt man versehentlich eine Menge über den Sex der Löwen.

Vielleicht ließen sich einige imaginierte Peinlichkeiten ersparen, wenn Eltern genauer wüssten, was Kinder welchen Alters an Geschlechtlichkeit interessiert - und was nicht. „Eltern müssen begreifen, dass kindliche Sexualität etwas ganz anderes ist als die der Erwachsenen“, sagt Stumpe: „Ihre Sexualität ist nicht auf ein Objekt gerichtet, sondern ganz selbstbezogen.“ Drei- bis vierjährige Kinder wollen vor allem ihren eigenen Körper fühlen lernen. Auf das andere Geschlecht werfen sie beim Toilettengang im Kindergarten zwar gern mal einen Blick, aber das reicht meistens auch.

Wie kommt das Baby in den Bauch?

Die kleinen Egozentriker interessieren sich vor allem deshalb brennend dafür, wie Babys im Bauch heranwachsen, weil sie selbst so entstanden sind. Ob ihre Eltern bei der Produktion Spaß hatten, ist ihnen dagegen ziemlich schnuppe. Erste erkundende Doktorspiele sind im Vorschulalter typisch und kein Grund für Eltern, nervös zu werden. Wer Patient ist, soll sich zeigen, wird abgehorcht und bekommt eine Spritze, das war’s dann meistens. Dass Sexstellungen nachgespielt oder Gegenstände in Körperöffnungen eingeführt werden, ist hingegen äußerst untypisch.

Wie aber redet man nun richtig über Sex? Erst einmal sollte man schon ganz kleinen Kindern kindgerechte Wörter für männliche und weibliche Geschlechtsteile beibringen. Einem neugierigen Mädchen kann man auch mal einen Spiegel in die Hand drücken, damit klar ist: da ist was. Irgendwann im Vorschulalter sollten Jungs wie Mädchen wissen, dass es neben den lustigen privaten Wörtern die normalen öffentlichen Wörter gibt und man die Pflaume daher auch Vulva und den Pimpi Penis nennt.

Und dass Doofe auch noch doofe Wörter dafür haben. Die muss man dem Kind nicht unbedingt vorbeten, die lernt es sowieso. Wichtig ist, dass es nicht nur um die Sache mit den Bienen und den Blumen geht. Aufklärung heißt auch, den Kindern Achtung vor ihrem eigenen Körper und dem der anderen zu vermitteln, ihnen Neinsagen beizubringen, damit sie sich vor Übergriffen schützen können.

Gute Aufklärungsbücher sind daher nicht nur nützlich, weil sie sprachlosen Eltern Worte geben, sondern weil Kinder einfach gern sehen, wie das Baby im Bauch wohnt, oder dass sie selbst mal aussahen wie Gummibärchen. Die Auswahl ist dafür, dass es um immer die gleiche Sache geht, geradezu erschreckend groß.

“Jede Familie braucht eigentlich nur ein Buch, das altersgerecht ist“, sagt Ulrike Metzger, Verlegerin des Ravensburger Verlags. Damit es auch wirklich zum Alter passt, wird heute stark differenziert: in Bücher für Zweijährige, für Vier- bis Sechsjährige, für die Präpubertären und zuletzt für die Pubertierenden. Von elf, zwölf Jahren an wird gern in Jungsbücher und Mädchenbücher unterteilt. Ansonsten hat sich in den letzten dreißig Jahren wenig geändert.

“Ende der 70er gab es einen großen Schritt. Was jetzt geschieht, sind kleinere Änderungen und Geschmacksanpassungen“, sagt Metzger. Das stimmt, der comicartige Klassiker „Peter, Ida und Minimum“, seit 1979 bei Ravensburger immer wieder aufgelegt, funktioniert noch heute, weil die Drumherumgeschichte über Familie Lindström stimmig ist - auch wenn die Klamotten out sind und Babys nicht mehr hinter der Glasscheibe präsentiert werden.

Tabufreie Aufklärung bleibt out

Umgekehrt werden Fotobände von Anfang der 70er Jahre, die zur tabufreien Aufklärung Nahaufnahmen von Genitalien und elterlichem Geschlechtsverkehr zeigten, wohl auch weiter out bleiben. Nicht nur, weil man die falschen Käufer fürchtet oder weil Eltern heute prüder sind. Sondern weil künstlerische Fotos vielleicht Sechzehnjährige erfreuen, die mal eine natürlichere Nacktheit als im Internetporno sehen wollen, aber diese Art der Darstellung die Interessen einer gar nicht so an optischen Details interessierten kindlichen Zielgruppe völlig verfehlt.

Für Kinder wird also gezeichnet, mal besser, mal schlechter, aber immer freundlich harmlos. Schwieriger bleibt es mit der Sprache. „Man muss schlicht zur Sache kommen, darf weder nach Biologiebuch klingen noch sich an Jugendsprache anbiedern“, sagt Sabine Thor-Wiedemann, Autorin mehrerer bekannter Aufklärungsbücher für Kinder und Jugendliche. „Gerade in Büchern, die vorgelesen werden, formuliert man ja für Kinder wie Eltern gleichermaßen“, sagt die Medizinerin. Es wär’ ja schön, wenn man übers Lesen zu einer gemeinsamen Sprache käme.

Quelle: F.A.S.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot