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Schulen und Kitas öffnen?

Kinder sind genauso infektiös wie Erwachsene

Von Joachim Müller-Jung
Aktualisiert am 30.04.2020
 - 06:55
Garderobe eines Kindergartens in Frankfurt (Oder).
Diese Studie dürfte die Lockdown-Debatte um Kita- und Schulöffnungen anheizen: Berliner Virologen um Christian Drosten haben erstmals die Viruslast von Kindern im Hals getestet. Ihre Resultate könnten den Vorsichtigen Auftrieb geben.

„Die Rolle von Kindern ist nicht geklärt“, das war der Titel des NDR-Podcasts „Das Coronavirus-Update mit Christian Drosten“ vom Dienstag. Gemeint war natürlich die Rolle der Kinder als Überträger des neuen Coronavirus Sars-CoV-2. Denn dass infizierte Kinder sehr viel seltener an der vom Virus ausgelösten Lungenkrankheit Covid-19 erkranken und schon gar nicht schwer, das war seit Wochen unstrittig. Der Titel des Podcasts passte also ganz wunderbar, so würde der Berliner Virologe Christian Drosten an dieser Stelle wohl formulieren, zu der bis dahin verfügbaren wissenschaftlichen Evidenz, jedenfalls was die Infektiosität von Kindern betrifft. Was insofern stimmt, als die indirekten Hinweise, die man seit Februar aus den wenigen aussagekräftigen, allerdings auch widersprüchlichen Übertragungsstudien aus China, Italien, Island und den Niederlanden gewonnen hatte, keine belastbaren Aussagen zuließen.

Ob, wie und welche Kinder ansteckend sind, konnte bisher keiner sicher sagen. Man hatte einfach zu wenige getestete Kinder in die Studien eingeschlossen. Erfahrungen aus historischen Seuchen lagen zwar vor, doch was definitiv fehlte, waren frische, gute Studien, die die früh beschlossenen Schul- und Kitaschließungen auf ein solides empirisches Fundament gestellt hätten; und die nun ebenso die hitzige Debatte um die Wiedereröffnung der Schulen und Kindergärten mit wissenschaftlichen Argumenten stützen könnte.

„Kein signifikanter Unterschied“

Die Evidenzlücke ärgert deshalb seit geraumer Zeit nicht nur die Politik, sondern Pädagogen und Eltern genauso. Die Virologen und die Epidemiologen, die sich mit den Übertragungswegen und –wahrscheinlichkeiten beschäftigen, mussten also handeln. In seinem Podcast kündigte Drosten nun genau das an, wenn auch da noch etwas kryptisch: In den „nächsten Tagen“ werde die Öffentlichkeit Näheres über die Infektiosität der Kinder erfahren.

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Und dann ging es auch ganz schnell. Seit gestern, also Mittwochabend, ist die an der Berliner Charité vorgenommene Studie öffentlich. Ohne wissenschaftliche Begutachtung zwar, aber immerhin mit den für die Fachleute überprüfbaren Details und Ergebnissen. Die entscheidende Grafik twitterte Drosten mit der ihm ganz eigenen Nüchternheit: „Kein signifikanter Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen.“ Mit anderen Worten: Sars-CoV-2-infizierte Kinder könnten in ihrer infektiösen Phase andere Menschen, etwa in der eigenen Familie, genauso anstecken wie jeder andere Erwachsene auch. Mit einem großen Unterschied allerdings: Während viele (im Schnitt gut die Hälfte) der infektiösen Erwachsene Symptome zeigen – Husten beispielsweise oder Fieber und Kurzatmigkeit –, übertragen die Kinder die Viren zum ganz überwiegenden Teil ohne jede Spur von Krankheit. Sie werden auch nicht später richtig krank. Die Schlussfolgerung der von Terry Jones angeführten Berliner Forschergruppe im Drosten-Labor lautet: „Was die unbegrenzte Wiedereröffnung von Schulen und Kindergärten angeht, müssen wir in der gegenwärtigen Situation, in der immer noch ein Großteil der Bevölkerung nicht immun ist und die Übertragung allein durch nicht-pharmakologische Maßnahmen niedrig gehalten werden muss, äußerste Vorsicht walten lassen.“

Abgesehen von diesem klaren Statement, wie aussagekräftig und repräsentativ ist nun diese Studie? Untersucht und verglichen wurden insgesamt 3712 positiv getestete Infizierte, die seit Beginn der Testungen an der Charité erfasst wurden. Unter diesen Positiven waren 37 Kinder im Kindergartenalter, 16 Grundschüler und 74 Jugendliche aus weiterführenden Schulen. Man mag einwenden, das sind nicht viele Fälle. Tatsächlich aber sind den Berliner Forschern zufolge seit Beginn der Pandemie nach Auswertung der medizinischen Literatur überhaupt erst 1065 Sars-CoV-2-Kinder weltweit erfasst worden sind.

Einige der Berliner Kinder zeigten Covid-19-Krankheitszeichen, manche wurden auch in die Klinik eingewiesen, die meisten positiv getesteten Kinder aber waren auch in dieser Studie wie in früheren Untersuchungen symptomfrei. Die Messungen der Virusmenge im Rachen der Kinder zeigte einen Trend: Je älter die Kinder, desto höher die Viruslast. Erst ab einer Menge von etwa einer Million Viren pro Milliliter Speichelflüssigkeit, das schließt man aus früheren Zellkulturstudien, sind emittierte Tröpfchen und Aerosole infektiös. Diese Schwelle, und das ist entscheidend, wird von einigen der Kinder in der Altersklasse der Jüngsten genauso überschritten wie bei den Älteren. Eine Altersgrenze, die Ansteckung ausschließt, existiert nach dieser Studie offenbar nicht. „Kinder dürften genauso infektiös sein wie Erwachsene“, so schließt die Veröffentlichung.

Allerdings ist die Messung der Viruslast noch kein klarer Beweis, dass Kinder wie im Falle der Influenza im Alltag auch wirklich eine wichtige, große Infektionsquelle sind. Viele Studien bisher zweifelten das an. Und auch die Drosten-Gruppe gibt zu bedenken, dass Kinder, weil die allermeisten symptomfrei bleiben oder eben nur milde, kaum bemerkbare Symptome aufweisen, viel weniger husten und damit infektiöses Material freisetzen. Auf der anderen Seite haben Kinder, insbesondere Kleinkinder, meistens engeren und häufigeren Körperkontakt.

Das Fazit also lautet: Was das Ansteckungsrisiko angeht, so sehen es jedenfalls die Berliner Virologen, sollte man Kinder und Erwachsene gleich behandeln. Aber was ist mit den Studien, etwa aus den Niederlanden, die Drosten in seinem Podcast selbst schon als hochseriös bewertet hat und die Hinweise dafür sammelten, dass von Kindern seltener Infektionsketten gestartet werden? In ihrem Paper sprechen die Forscher von einem Bündel möglicher Erklärungen für solche Befunde. Etwa die: Weil Schulen und Kindergärten in den meisten Ländern früh geschlossen und die Kinder zu Hause geblieben waren, könnte es so aussehen, als würden sich Kinder vorwiegend bei Erwachsenen anstecken – wo sie sich tatsächlich unter ihresgleichen gar nicht mehr bewegen konnten. Heißt also: Der Lockdown hat die Infektionsquellen Kindergarten und Schulen quasi ausgeblendet.

Wissenschaftlich gestützt wird diese Vermutung zumindest indirekt durch zwei Arbeiten aus China – eine darunter von der Fudan-Universität in Shanghai, die aktuell in „Science“ veröffentlicht worden ist. Sie stützt vor allem die These, dass der Shutdown und damit auch die frühen Schul- und Kindergartenschließungen die Ansteckungsgefahr stark reduziert haben. Die Forscher haben die Kontaktdaten von jeweils mehreren hundert Infizierten unterschiedlichen Alters in Shanghai und Wuhan untersucht, und zwar vor, während und nach dem Seuchenausbruch. Anschließend entwickelten die Wissenschaftler aus den Kontaktdaten ein Modell, das im Ergebnis zeigt: „Die frühzeitige Schließung der Schulen allein hat zwar nicht das Infektionsgeschehen stoppen können, aber sie hat die Zahl der Neuinfektionen auf dem Höhepunkt der Epidemie um 40 bis 60 Prozent senken und die Epidemie verzögern können.“

Sehr viel direkter wird die Berliner Kinderstudie von einer inzwischen in „The Lancet Infectious Diseases“ veröffentlichen Untersuchung aus der chinesischen Millionenmetropole Shenzhen bestätigt. Die Analyse von knapp 400 Infizierten und ihren fast 1300 Kontakten hat fast gleichlautend mit den Berliner Resultaten ergeben, dass Kinder genauso infektiös sind wie Erwachsene.

Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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