Klima und Stimme

Große Sprachen liegen in der Luft

Von Wolfgang Krischke
12.02.2015
, 07:23
Die Sprachen der Welt - eine Schöpfung des Klimas? Zumindest findet man einen bemerkenswerten Zusammenhang zwischen Luftfeuchtigkeit und dem tonalen Reichtum vieler Sprachen. Wir Europäer hatten da schlechte Karten.

Ma ist ein Wort aus der Mandarin-Sprache und bedeutet „Mutter“. Es kann aber auch „Hanf“, „Pferd“ oder „schelten“ heißen - je nachdem mit welcher Tonhöhe es ausgesprochen wird. Viele Sprachen auf der Welt funktionieren nach diesem Prinzip. Die einfacheren unter diesen Tonsprachen nutzen nur zwei, die komplexen bis zu sechs Tonhöhenunterschiede, um Wortbedeutungen auszudrücken. Häufig trägt nicht nur die Tonstufe selbst, sondern auch das Fallen oder Steigen der Stimme eine spezielle Bedeutung. Nur wer hier genau den richtigen Ton trifft, kommuniziert fehlerfrei. In Sprachen wie dem Deutschen spielt die Betonung keine so grundlegende Rolle. Hier bleiben selbst völlig monoton vorgetragene Sätze immerhin noch verständlich.

Tonsprachen werden vor allem in tropischen und subtropischen Gebieten gesprochen, während sie in anderen Weltgegenden kaum vorkommen. Ein Wissenschaftlerteam um Seán G. Roberts vom Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmegen hat nun herausgefunden, dass diese geographische Verteilung nicht zufällig, sondern durch die natürliche Umwelt bedingt ist („Climate, vocal folds, and tonal languages: Connecting the physiological and geographic dots“) .

Auf die Spur brachte die Wissenschaftler der Umstand, dass in den Regionen, in denen Tonsprachen beheimatet sind, eine hohe Luftfeuchtigkeit herrscht. Erkenntnisse aus Medizin und Biologie ließen die Linguisten vermuten, dass ein Zusammenhang zwischen diesem Klima und der Phonetik besteht: Wenn es auf eine präzise Tonregulierung ankommt, ist eine feuchte Umgebung sehr hilfreich. Sie wirkt auf die Schleimhäute der Stimmlippen, alltagssprachlich Stimmbänder genannt, und macht sie dadurch so elastisch, dass sie ausreichend schwingen und den richtigen Ton treffen können. Trockene Luft hingegen erschwert dem Kehlkopf diese Arbeit. Das bedeutet zwar nicht, dass komplexe Tonsprachen in solcher Umgebung nicht gesprochen werden können: Thailänder müssen in Deutschland nicht auf ihre Muttersprache verzichten, Chinesen unterhalten sich auch in der sibirischen Tundra kantonesisch. Die erschwerten Bedingungen sprechen aber dafür, dass sich dieser Sprachtypus in Regionen mit niedriger Luftfeuchtigkeit kaum oder gar nicht entwickelt und verbreitet hat.

Um ihre Klima-Hypothese zu überprüfen, untersuchten die Linguisten mit Hilfe von Datenbanken an 3750 Sprachen den Zusammenhang zwischen der Rolle der Betonung und der geographischen Verbreitung. Es zeigte sich, dass die Tonsprachen sich in tropischen und subtropischen Regionen Asiens und Afrikas konzentrieren. Eine kleinere Anzahl gibt es außerdem im südlichen Amerika und in Neuguinea. Zwar bringt hohe Luftfeuchtigkeit Menschen nicht zwingend dazu, Tonsprachen zu entwickeln - in den Tropen finden sich auch Sprachen anderen Typs -, aber umgekehrt scheint trockenere Luft ihre Entstehung zu verhindern.

In Europa, den nördlichen Teilen Afrikas, Amerikas und Asiens und den Wüstengebieten Australiens bilden Tonsprachen nämlich die Ausnahme. Dass die Luftfeuchtigkeit tatsächlich eine wesentliche Voraussetzung ist für die Entstehung komplexer Tonmuster oder die Bereitschaft, sie aus benachbarten Sprachen zu übernehmen, zeigen auch afrikanische und asiatische Sprachfamilien, die große, geographisch vielfältige Räume überspannen und sowohl tonale als auch nicht-tonale Sprachen umfassen.

Sogar wenn, wie in diesen Fällen, Sprachen beiden Typs miteinander verwandt sind, entsprechen die Grenzen zwischen ihnen zugleich denen zwischen Gebieten mit hoher und niedriger Luftfeuchtigkeit. „Unsere Arbeit legt nahe, dass nicht allein kognitive, soziale und politische Faktoren die Sprachentwicklung beeinflussen. Viele sprachliche Merkmale, die Außenstehenden exotisch vorkommen und die ein Ergebnis des Zufalls zu sein scheinen, sind in Wirklichkeit gelungene Anpassungen an die natürlichen Umweltbedingungen der jeweiligen Sprachgemeinschaften“, schreib Seán G. Roberts.

Quelle: F.A.Z.
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