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Klimawandel

Hitzige Debatten, dramatischer Bericht

Von Joachim Müller-Jung
 - 16:47
Die Auswirkungen werden global zu spüren sein

Die Folgen der weltweiten Klimaerwärmung sind einem neuen Bericht des Weltklimarates IPCC zufolge „mittlerweile auf globaler Ebene wahrnehmbar“. Die Zahl der wissenschaftlichen Nachweise und Beobachtungen aus aller Welt sei deutlich gewachsen und ließen klar erkennen, dass zahlreiche „physikalische und biologische Systeme seit Anfang der siebziger Jahre durch den Menschen beeinflusst werden“.

Einige ökologische Veränderungen, etwa großräumige Austrockungen und gesundheitlich folgenschwere Einzelereignisse wie Hitzewellen, ließen sich zwar nicht immer eindeutig auf den Klimawandel zurückführen, weil sie oft von anderen Faktoren, insbesondere von den Folgen der Armut, überlagert würden. Aber der Trend sei eindeutig. „Wir verfügen inzwischen über viel mehr Daten als noch vor sechs Jahren, insbesondere was das Schmelzen von Gletschern, den Meeresspiegelanstieg und die Auswirkungen auf die Inselstaaten sowie die Landwirtschaft angeht“, sagte der Vorsitzende des IPCC, Rajendra Pachauri, der die Verhandlungen zwischen den Hunderten Wissenschaftlern und Regierungsvertretern aus mehr als hundert Ländern die ganze Nacht hindurch bis zum Freitag geleitet hatte.

In vielen Teilen abgemildert

Die dreiundzwanzigseitige Zusammenfassung des Berichts, die als Grundlage für weitere Klimaschutzverhandlungen in den nächsten Monaten dienen soll, war fünf Tage lang ausgearbeitet und auf Druck einiger Regierungsdelegationen am Ende in vielen Teilen abgemildert worden. „Viele Botschaften sind nach stundenlangen Diskussionen verwaschen worden, aber in der Grundaussage des Berichts erhalten geblieben“, sagte einer der Vorsitzenden der zuständigen IPCC-Arbeitsgruppe, Martin Parry.

Der Bericht „Auswirkungen, Anpassungen und Gefährdungen“ ist einer von vier Teilberichten des IPCC, die im Laufe des Jahres veröffentlicht werden. Im Jahre 1990 waren die ersten Klimaberichte des IPCC erschienen. Noch bei der vorhergehenden, im Jahre 2001 erschienen dritten Ausgabe, war man im Hinblick auf die globalen Klimafolgen noch deutlich zurückhaltender. Nur in ganz bestimmten Erdteilen, auf regionaler Ebene, hieß es damals, seien die Auswirkungen des Klimawandels erkennbar. Vor zehn Jahren hatte man von einzelnen „nachweisbaren“ Klimafolgen gesprochen. Der IPCC-Vorsitzende Pachauri wertet die nun mit den Regierungsvertretern vereinbarte Formel – „erkennbare Auswirkungen auf globaler Ebene“ – als „exzellentes Ergebnis“, das die klimapolitischen Verhandlungen insbesondere auf dem G8-Gipfel in Heiligendamm im Juni vorantreiben werde.

Auf allen Kontinenten wurden Folgen registriert

Die mehr als vierhundert Autoren und Gutachter des Teilberichts hatten im Laufe der vergangenen fünf Jahre annähernd 29.000 wissenschaftliche Befunde und Datensammlungen ausgewertet. Berücksichtigt wurden dabei Daten und Messungen bis in das Jahr 1970. „Mehr als neunzig Prozent davon deuten auf bereits heute erkennbare Effekte einer globalen Erwärmung hin“, sagte Parry.

Auf allen Kontinenten seien die Folgen inzwischen registriert worden, sei es in einer Verschiebung der Vegetationsperioden, am Abschmelzen von Gletschern und Schelfeis oder in der Verbreitung und Vorkommen von Algen, Pilzen, Pflanzen und Tieren. Dass der Frühling in vielen Regionen mittlerweile deutlich früher beginnt, lasse sich mit einer Wahrscheinlichkeit von mehr als achtzig Prozent sagen. Begonnen habe dieser Prozeß, der auf durchschnittlich längere und wärmere Vegetationsperioden zurückzuführen sei, spätestens in den achtziger Jahren.

Ein Drittel der Tier- und Pflanzenarten bedroht

Als besonders sensible Lebensräume gelten dem Bericht zufolge die Korallenriffe in den Tropen, Meereisregionen an den Polargebieten, Tundra, boreale Wälder und die an das Mittelmeer angrenzenden Regionen. Etwa ein Drittel der Tier- und Pflanzenarten sei weltweit wegen des beschleunigten Klimawandels vom Aussterben bedroht. Die schon stark unter Wassermangel leidenden semiariden Gebieten auf der ganzen Welt müssen nach Einschätzung der Wissenschaftler in den kommenden Jahrzehnten mit einer weiter wachsenden Wasserknappheit rechnen. Das bedeute, daß die Nahrungsmittelversorgung in diesen ohnehin oft schon von Armut getroffenen Regionen noch schwieriger werde. Für Pachauri eine moralische Frage, die auf den bevorstehenden Gipfeltreffen der Indsutrieländer dringend besprochen werden müsse. „Das Thema Gerechtigkeit wird immer wichtiger.“

Neben den Armutsregionen in Afrika und auf den kleinen Inselstaaten, die von dem steigenden Anstieg des Meeresspiegels bedroht werden, sind es nach den Ausführungen Parrys vor allem die indigenen Völker der Arktis und „Abermillionen von Küstenbewohnern der Megadeltas in Asien“, die durch Wassermangel einerseits und durch Überflutung andererseits gefährdet sind. Genauere Zahlen zu den Betroffenen von bis zu drei Milliarden und mehr, die im Vorfeld der Brüsseler Verhandlungsrunde kursierten und im Entwurf des Berichtes formuliert waren, sind im Laufe der Verhandlungen gestrichen worden.

„Eiszeit-Szenario“ unwahrscheinlich

Neben den weit überwiegend ungünstigen Folgen des Klimawandels, die in dem Bericht beschrieben werden, hat man auch einige „Gewinner“ oder zumindest Erleichterungen durch die globale Erwärmung ausgemacht. Vorerst vom Tisch ist das jahrelang immer wieder popularisierte Thema eines Golfstrom-Zusammenbruchs und der damit möglichen abrupten Abkühlung West- und Mitteleuropas . Dieses „Eiszeit-Szenario“ sei „im einundzwanzigsten Jahrhundert sehr unwahrscheinlich“, sagte Parry. Die Wissenschaftler seien sich einig, daß sich die Warmwasser-Strömungen im Atlantik, die wie der Golfstrom seit Jahrtausenden für eine natürliche Klimaerwärmung sorgen, künftig nur geringfügig abschwächen und auf absehbare Zeit jedenfalls nicht unterbrochen würden.

In einigen Regionen der feuchtheißen Tropen soll wegen des forcierten Wasserkreislaufs mehr Wasser zur Verfügung stehen, allerdings könne das auch zu mehr Extremwetter führen, Wirbel- und Gewitterstürmen, die Überflutungen und Zerstörungen hervorrufen. Erleichterungen könnte es auch in nördlichen Regionen geben. „Die finnischen Forstbetriebe dürfen mit mehr Holzertrag rechnen, die Bäume werden bestimmt schneller wachsen“, sagte Parry. In den höheren Breiten sei auch im Schnitt mit einer Zunahme der Getreideerträge zu rechnen, solange die Erwärmung die von Klimapolitikern anvisierte Schwelle von zwei bis höchstens drei Grad bis zum Ende des Jahrhunderts nicht überschritten werde. In dem jüngsten Teilbericht der wissenschaftlichen Arbeitsgruppe, die sich mit der physikalischen Basis des Klimawandels beschäftigt hat, wird, abhängig von den prognostizierten Treibhausgas-Emissionen, eine Erwärmung von knapp zwei bis vier Grad, im schlechtesten Fall von bis zu sechseinhalb Grad bis zum Ende des Jahrhunderts vorhergesagt.

Was die möglichen Anpassungen an den längst unvermeidlichen Klimawandel angeht, ist man auch diesmal wieder auffallend wortkarg. In einigen Wochen soll zumindest in „regionalen Workshops“ mehr über solche Maßnahmen mitgeteilt werden, die die Länder in die Lage versetzen sollen, die Klimafolgen abzumildern. „Anpassungen sind notwendig“, sagte der Vorsitzende der Arbeitsgruppe, Parry, „und einige begrenzte Maßnahmen gibt es bereits, aber es gibt auch noch viele Hürden.“ Die OECD hatte wie viele Wissenschaftler auch zuletzt auf entsprechenden Lücken in der Klimaschutzpolitik und den Planungen der meisten Staaten hingewiesen. Viele Verantwortliche sehen das Geld weiterhin besser angelegt, wenn sie die Mittel ausschließlich zur Minderung der Treibhausgasemissionen einsetzen. Über die Möglichkeiten und Grenzen dieser Emissionsminderungsmaßnahmen wird die dritte Arbeitsgruppe des IPCC in knapp vier Wochen berichten.

Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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