+++Klimaticker +++

Amerikas Arktis-Armageddon

Von Joachim Müller-Jung
05.12.2011
, 06:57
Schlechte Neuigkeiten sind Gegenstand und Geschäftsgrundlage der Klimapolitik. Auch in Durban gibt es reichlich davon. Eine davon kommt aus dem Nordpolargebiet.

+++ 3. Dezember. Ist die Arktis klimatisch und damit ökologisch schon umgekippt? Das Jahr 2006 war der Wendepunkt, spekuliert die amerikanische Nationalbehörde für Ozean- und Atmosphärenforschung NOAA in ihrem neuesten, von weltweit 121Autoren abgefassten Bericht „Arctic Report Card“: Seit fünf Jahren herrschten im Nordpolargebiet meteorologische und klimatische Bedingungen, die sich in vielerlei Hinsicht vom Zustand davor unterschieden. Mitautor Don Perovich wird von der Pressekonferenz mit dem Satz zitiert: „Wir haben ein neues Normal.“
Aufgelistet werden im Einzelnen: die fortgesetzte Abnahme der Meereisdicke, die extremen Eisschmelzen in den Sommermonaten seit dem Rekordjahr 2007, die Erwärmung der oberen Ozeanschichten, die Abnahme des Salzgehaltes in den oberen Meeresschichten. Die Folgen sind: Die Arktis wird immer dunkler, die Land- und Eisflächen reflektieren immer weniger Sonnenlicht ins All zurück und beschleunigen damit den Erwärmungstrend insbesondere im Sommer, die Tundra wird grüner, die Temperaturen im Permafrostboden steigen. Das Phytoplankton hat zudem seither um 20 Prozent zugenommen, auf der anderen Seite ist der Lebensraum von Eisbären und Walrusse deutlich geschrumpft. 7 von 19 Eisbär-Populationen nehmen ab. Hinzu kommt seit 2010 eine Verlagerung der des polaren Wirbels in der höheren Atmosphäre, was zu einer Verlagerung des Jetstream südwärts geführt und den Erwärmungstrend über Grönland und Nordostkanada geführt haben soll.
Allein Grönland hat dem Bericht zufolge seit 2010 430 Milliarden Tonnen Eis verloren, 39 seiner größten Eisschilde sind um 1370 Quadratkilometer an Fläche eingebüßt, das sind 22mal die Fläche Manhattans.
Das wiederum hat den obersten Dienstherr der Forschungsbehörde, Präsident Barack Obama, in seiner klimapolitischen Winterruhe aufgeschreckt. Manhattan dürfe nicht sterben, ließ er durch seinen Sprecher verlauten, nach dem Verlust der Zwillingstürme und Tausender Menschenleben durch kriminelle Elemente von außen müsse jetzt endlich Schluss sein mit dem Morden in Manhattan. Umgehend wurde deshalb Energieminister Steven Chu aus seinem Winterschlaf geweckt und zusammen mit einem Sondergesandten für Umweltterrorangelegenheiten nach Durban geschickt. Ziel der Mission: Der versammelten Staatengemeinschaft einen unterschriftsreifen Adhoc-Klimavertrag aufzuzwingen, in dem jedem Land, das wie China und Indien keinen direkten polaren Zugang hat, die Null-Emission vorgeschrieben wird. Auf der Klimakonferenz in Kopenhagen sei der Plan noch durch den Arktisanrainer Dänemark in letzter Minute vereitelt worden Diesmal werde er den krisenuntauglichen Europäern nicht mehr klein beigeben. Bei Zuwiderhandlungen gegen das Manhattan-Klimaprotokoll droht Amerika mit der Zerstörung der nationalen Energieinfrastrukturen in dem betreffenden Land. +++

Quelle: FAZ
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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