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Münster-Kommentar

Böse Psychospielchen

Von Joachim Müller-Jung
 - 19:16

Wie beim Todesflug des German-wings-Piloten vor drei Jahren ist man bei dem Todesfahrer von Münster fatalerweise sehr schnell (sofort nachdem politische Motive einigermaßen auszuschließen waren) dazu übergegangen, die Tötung fremder Menschen mit anschließendem Suizid in den Kontext einer möglichen psychischen Erkrankung des Täters zu stellen („psychisch labil“, laut Polizei: „psychisch auffällig“). Von Depressionen war die Rede und mit den an Bekannte gerichteten Briefen des Täters, die später aufgetaucht sind, auch von Schuldgefühlen, vom Unheil einer verpfuschten Operation, von nervlicher Zerrüttung, von psychischen Krisen und von frühen Suizidgedanken. Seelische Qualen allenthalben, so viel steht fest. Aber wie berechtigt ist es, ohne stichhaltige fachärztliche Anhaltspunkte von einer psychiatrisch manifesten Störung auszugehen, wenn die Todesfahrt doch ebenso gut die typischen Züge einer Amoktat aufweist? Die brutale Tötung fremder Menschen jedenfalls, die sich durch das Fehlen jeglicher Empathie auszeichnet, gehört nicht zum Krankheitsbild des Depressiven. Eine der entscheidenden Lehren aus dem Germanwings-Drama ist damit schon wieder vergessen. Worin besteht also der Kitzel, den psychisch Kranken ad hoc dämonisieren zu wollen?

Wir haben es hier mit einem geradezu zynischen Anachronismus zu tun. Zumindest den vielen gutgemeinten Anti-Stigma-Kampagnen, wie die von prominenten Sportlern mitgetragene Depressionskampagne, werden auf die Weise unnötig Knüppel zwischen die Beine geworfen. Seelisch leidende Menschen verschließen sich umso tiefer, je näher sie mit so bösen Psychospielchen in die Nähe der Barbarei gerückt werden. Gleichzeitig gerät die Depression als Volkskrankheit – als weitverbreitete Krankheit im Volk mit allen Konsequenzen – in ein grelles, aber völlig falsches Licht. Jeden kann es treffen. Einen Großteil der Menschen trifft sie einmal im Leben ganz hart, bei knapp zwölf Prozent der Erwachsenen wird die Depression tatsächlich mindestens einmal diagnostiziert. Seit langem fragen sich deshalb auch Experten, ob es womöglich helfen würde (auch der durch Fehlarbeitstage getroffenen Wirtschaft), wenn künftig schon bei Hausärzten ein Screening mit entsprechenden Fragebögen vorgenommen würde, damit Diagnosen und Therapien früher greifen. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen hat dazu vor wenigen Tagen – vorläufig – festgestellt, dass Nutzen und Schaden einer solchen Reihenuntersuchung mit den (vornehmlich aus Japan) vorliegenden Daten „unklar“ seien. Wie aber steht es um die Chance, mit den Fragebögen in den Arztpraxen womöglich den „normalen“ Umgang mit der psychischen Krankheit insgesamt zu fördern? Auch darauf gibt es keine Antwort. Ebendarum aber geht es auch: um das gesellschaftliche Klima, in dem seelisches Leid als Teil der Normalität, nicht als brutaler Exzess, wahrgenommen wird. Von Stereotypen jedenfalls und von Vorurteilen wie jetzt wieder wird dieses Klima nur mehr vergiftet.

Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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