Agro-Gentechnik

Chinas grüne Kulturrevolution?

Von Joachim Müller-Jung
27.02.2010
, 21:28
Genmais
Gentechnisch veränderte Kulturpflanzen weiter auf dem Vormarsch: Weltweit, aber vor allem in den Entwicklungsländern. Und in China bekommen völlig neue Reis- und Maissorten eine Chance.

Ist das jetzt also der Beginn der„zweiten Biotechnik-Welle“ rund um den Globus, wie es die Protagonisten der Pflanzengentechnik jetzt prognostizieren? Die Agentur ISAAA, seit Jahren die Schaltstelle für große Biotechfirmen und Genforschungszentren, die auf praktisch allen Kontinenten die „grüne Gentechnik“ salonfähig zu machen versucht, ist fest überzeugt: China hat eine neue Ära der Agrobiotechnik eingeläutet. Im November hat die zuständige Behörde in Peking grünes Licht ggeben für Feldversuche mit insekten-resistentem Reis und sogenanntem Phytase-Mais.

Erster Bt-Reis im Anbautest


In den nächsten zwei bis drei Jahren soll demnach mit „Standardfeldexperimenten“ geklärt werden, ob der erste marktfähige transgene Reis, der das Gift des Bacillus-thurengiensis-Bazillus (Bt) erzeugt, für den großflächigen Anbau geeignet und sicher ist. Gleiches gilt für den Phytase-Mais, der vor allem als Futtermittel für eine halbe Million Schweine und dreizehn Milliarden Geflügelvieh in China gedacht ist. Die Phytase im Mais, ein Enzym, soll dafür sorgen dass das Phosphat im Futter effizienter verwertet, keine Phosphat-Zusätze mehr nötig sind und die Tiere insgesamt auch weniger von dem Nährstoff in die Umwelt ausscheiden. Vor allem diese transgene Sorte, die nicht wie alle anderen Gentechnikpflanzen bislang fremde Resistenzgene enthalten, sondern als neue „qualitätsverbessernde“ Merkmalsträger den Agrarmarkt bereichern sollen, wird einer neuen Pflanzengeneration zugerechnet.
China ist zweitgrößter Maisproduzent und zudem größter Reiserzeuger der Welt. Mit dem Versprechen, die Reisernte durch die Nutzung der Bt-Reissorte um acht Prozent heben und gleichzeitig achtzig Prozent weniger Pestizide versprühen zu müssen, hofft die Biotechniklobby schon in wenigen Jahren neue gewaltige Zuwachsraten auf dem Agrobiotechnik-Markt präsentieren zu können.

Baumwollernte in Pama, Burkina Faso. Das afrikanische Land hat die Anbaufläche mit gentechnisch veränderter Baumwolle 2009 dramatisch erhöht.
Baumwollernte in Pama, Burkina Faso. Das afrikanische Land hat die Anbaufläche mit gentechnisch veränderter Baumwolle 2009 dramatisch erhöht. Bild: AFP

7 Prozent Zuwachs

Bis dahin muss man allmählich in einigen Weltgegenden etwas kleinere Brötchen backen: Weltweit ist der Anbau von gentechnisch erzeugten Nutzpflanzen den Angaben des ISAAA zufolge zwar auch im vergangenen Jahr wieder gewachsen - von 125 Millionenr Hekta auf 134 Heltar, um gut sieben Prozent also. Aber die Zuwachsraten war in der Vergangenheit nominal schon durchaus größer. In 25 Ländern werden die Biotech-Gewächse kommerziell angebaut, daran hat sich wenig geändert. Deutliche Veränderungen gab es hingegen durchaus in speziellen Regionen. Afrika zum Beispiel scheint neben China ein für die Agroindustrie zunehmend interessantes Absatzgebiet zu werden. Burkina Faso hat innerhalb eines Jahres die Anbaufläche von knapp achttausend auf mehr als 110.000 Hektar gesteigert, Südafrika hat mit einem Zuwachs von 17 Prozent die Marke von zwei Millionen Hektar üerschritten ägyptische Bauern freunden sich offenbar zusehend mit Bt-Mais an.

Schwerpunkt Entwicklungsländer

Überhaupt die Entwicklungsländer, sie sind die Hoffnungsträger der Stunde in der Branche: Inzwischen werden dort schon fast die Hälfte der weltweiten Anbauflächen mit transgenen Sorten registriert, fast 13 Millionen Kleinbauern sollen es nach Angaben der ISAAA sein, die sich die neuen Kulturpflanzen leisten. Brasilien hat den Anbau gentechnisch veränderter Sorten in zwölf Monaten um ein Drittel auf mehr als 21 Millionen Hektar ausgweitet und steht damit jetzt nach den Vereinigten Staaten von Amerika (64 Millionen Hektar) an zweiter Stelle der Gentechnik-Anbaustaaten - knapp vor Argentinien. Einen absoluten Spitzenplatz nimmt auch Indien ein, wo inzwischen ein Großteil der Baumwollfarmer auf Bt-Sorten umgestiegen sein sollen und gut 85 Prozent der Flächen damit kultiviert werden. Allerdings gab es dort vor kurzem auch kräftigen Gegenwind: Die Vermarktung der ersten transgenen Aubergine ist wegen massiver Proteste und Demonstrationen vorerst staatlicherweits ausgesetzt worden.

Europäer bleiben reserviert

Im Schatten der Gentechnik-Hausse übt sich auch Europa vor allem in biotechnischer Abstinenz: Um fast dreizehn Prozent auf knapp 95.000 Heltar sind im vergangenen Jahr die landwirtschaftlichen Anbauflächen kontinentweit geschrumpft. Nur noch sechs Länder bauen die transgenen Sorten - weit überwiegend Bt-Mais - an, den Hautteil trägt mit achtzig Prozent der Anbaufläche Spanien. Deutschland hat sich als einziges Land im vergangenen Jahr offiziell von der kommerziellen Agrobiotechnik verabschiedet - dank dem umstrittenen Bt-Mais-Anbauverbot der deutschen Landwirtschaftsministerin, die sich damit allerdings auch schon bald wieder einer anderweitigen Entscheidung der europäischen Kommission mit der Folge einer Neuzulassung gegenübesehen könnte. Die entsprechenden Verfahren in Brüssel sind auf dem Weg.

Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
Twitter
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot