Ameisen als Haustiere

Die Kolonie im Wohnzimmer

Von Rebecca Hahn
17.05.2021
, 09:00
Aggressive Ameisen sind nicht die kuscheligsten Haustiere, doch viele Menschen kaufen sie im Internet und halten sie zu Hause. Das kann gefährlich werden.

Ameisen zu beobachten ist spannend wie ein Krimi, findet Bernhard Seifert vom Senckenberg Museum für Naturkunde in Görlitz. Der Entomologe forscht seit vielen Jahrzehnten zu den Hautflüglern. Schon als Kind habe er ihnen begeistert bei ihrem Treiben zugesehen, das so viele Menschen fasziniert: wie Ameisen in oft gigantischen und dennoch effizient organisierten Staaten leben, Blattläuse melken, Lasten tragen oder gegen andere Völker kämpfen. Seit etwa zehn Jahren zeigt sich ein neuer Trend: Ameisen-Fans holen sich eine Kolonie ins heimische Wohnzimmer, beliebt sind auch invasive Arten. Das kann gefährlich werden.

So ein eigener Ameisenstaat ist schnell gegründet: Im Internet lassen sich ohne Mühen in einem der vielen Onlineshops eine oder gleich mehrere Königinnen samt einiger Arbeiterinnen oder Larven bestellen. Für mitteleuropäische Ameisen muss man nur wenige Euro hinlegen, bei exotischeren Importen bewegen sich die Preise ab etwa dreißig Euro aufwärts. Verschickt werden sie in Reagenzgläsern, meist innerhalb weniger Tage, ganz normal per Post. Anschließend sollten die Krabbeltiere in ein Formicarium umziehen, ein spezielles Terrarium für die Ameisenhaltung, womit ihre Halter im Auge behalten können, wie sie Gänge anlegen, Futter transportieren und Abfälle entsorgen.

Krabbeltiere im Gepäck

Zwei Forscher der Universität Lausanne haben untersucht, welche Ameisenarten im Internet gehandelt werden. Überproportional häufig würden invasive Arten verkauft, berichteten sie im April in der Fachzeitschrift PNAS. „Wir haben inzwischen über 600 Ameisenarten entdeckt, die im Internet angeboten werden“, sagt Cleo Bertelsmeier, neben Jérôme Gippet Autorin der Studie. Darunter seien 14 der 19 eroberungslustigsten Spezies weltweit. Werden diese weiterhin rund um den Globus versendet, könnten sich invasive Arten stärker ausbreiten, fürchten die Forscher.

Weltweit sind über 15 000 verschiedene Ameisenspezies bekannt. Schon ohne Tierhandel haben es einige geschafft, sich weit über ihr angestammtes Verbreitungsgebiet hinaus anzusiedeln, meist versteckt im Gepäck von Menschen. „Der passive Transport durch den Menschen ist der Hauptfaktor dafür, dass fremde Ameisenarten in ein Gebiet eingetragen werden“, sagt Bernhard Seifert. Häufig würden die Insekten zum Beispiel in Pflanzentöpfen mittransportiert. Andere Arten sind so klein, dass sie sich sogar in der Tastatur eines Laptops verkriechen können.

Zweignester sind schnell gegründet

Schwarzkopfameisen zum Beispiel haben sich als blinde Passagiere fast weltweit verbreitet. Dank ihrer geringen Körperlänge von kaum zwei Millimetern und des milchigen, fast durchsichtigen Hinterleibs sind die Arbeiterinnen von Tapinoma melanocephalum leicht zu übersehen. Mittlerweile ist die Art in allen Ländern der Tropen und Subtropen verbreitet, wo sie sowohl in Innenräumen als auch im Freien vorkommt. Zumindest in Gewächshäusern und beheizten Gebäuden finden sich Schwarzkopfameisen inzwischen auch in den gemäßigten Breiten, unter anderem in Japan, Europa und Nordamerika.

Haben sich die Tiere einmal eingewöhnt, wächst die Kolonie in Windeseile. In einem einzigen Nest leben hundert bis tausend Ameisen. Wird der Platz zu klein, bilden sich Zweignester, mit denen sich die Kolonie weiter ausbreitet. Bei der Nahrungswahl sind Schwarzkopfameisen sehr flexibel. Im Haushalt stillen sie ihren Appetit am liebsten mit süßen Lebensmitteln, draußen oder in Gewächshäusern hegen sie Blattläuse, um deren Honigtau-Ausscheidungen einzusammeln.

Prädikat „sehr aktiv“

Die Weltnaturschutzunion zählt Schwarzkopfameisen zu den extrem invasiven Ameisenarten. Händler bieten sie dennoch zum Kauf an. Sie werben online sogar mit den Eigenschaften, die Schwarzkopfameisen so invasiv machen: Die Art sei „sehr robust“ und „extrem aktiv“, auch das starke Koloniewachstum wird betont. Dass es sich um eine invasive Spezies handelt, wird nicht erwähnt. Höchstens verweisen die Verkäufer darauf, dass das Becken gründlich abgedichtet sein muss, damit die winzigen Insekten nicht entkommen.

Noch sei kein Fall bekannt, bei dem Ameisen aus der Heimhaltung ausgebüxt wären und sich invasiv vermehrt hätten, dafür sei das Phänomen des Ameisenhandels noch zu jung, schreiben Bertelsmeier und ihr Kollege. Künftig aber könne der Handel einen weiteren Invasionspfad darstellen. „Das ist nicht unbedenklich“, sagt auch Bernhard Seifert. Ein Problem wäre, wenn Ameisen gehalten würden, die das Potential hätten, superkolonial zu werden.

Super-Kolonisatoren

Superkolonien sind gigantische Populationen, die sich aus mehreren Ameisenkolonien der gleichen Art zusammensetzen. Normalerweise würden sich die Arbeiterinnen verschiedener Kolonien bekämpfen, im Fall der Superkolonien aber verhalten sich die Insekten friedlich. Argentinische Ameisen zum Beispiel haben in Europa eine Superkolonie errichtet, die sich über mehr als sechstausend Kilometer erstreckt: Millionen von Nestern von Italien bis nach Portugal gehören der Kolonie an. „In Superkolonien kooperieren die Ameisen über sehr große Lebensräume hinweg“, sagt Cleo Bertelsmeier. Im Fall der Superkolonie der Argentinischen Ameisen könne man zum Beispiel ein Tier aus Italien mit einem Exemplar aus Portugal zusammensetzen und die Ameisen würden sich verhalten, als wären sie Schwestern aus derselben Kolonie.

Neben der Bildung von Superkolonien begünstigen weitere biologische Eigenschaften eine Karriere als Invasionsameise, wie Seifert es in der Zeitschrift Pest Control News beschreibt: Im Vorteil sind zum Beispiel Arten, die auch aus kleinen Nestfragmenten wieder eine vollständige Population aufbauen können. Bei invasiven Arten begatten die Männchen die Weibchen zudem häufig schon im Nest, ohne dass die Insekten für die Paarung erst ausschwärmen müssen. Außerdem können bei manchen Arten mehrere trächtige Weibchen in einem Nest friedlich existieren, wodurch sich das Volk letztlich aufspaltet und sich die Art weiterverbreitet.

Deutsche Ameisen sind nur bedingt abwehrbereit

Leicht in neue Gebiete dringen auch jene Spezies vor, die keine besonderen Ansprüche an ihre Nahrung stellen oder mit effektiven Waffen im Kampf gegen andere Ameisenarten aufwarten können. „Einheimische Arten haben in der Regel keine guten Karten, wenn invasive Ameisen in urbanen oder dörflichen Räumen in ihr Gebiet vordringen“, sagt Bernhard Seifert. Gegen die aggressiven Kampftechniken und die Übermacht der Eindringlinge seien nur wenige einheimische Ameisen gerüstet, auch wenn sie selbst über wirksame chemische Kampf- oder Schreckstoffe verfügen.

Auch die Ökosysteme können durch das Eindringen fremder Ameisenarten gestört werden: Neben heimischen Ameisen seien auch andere Insekten betroffen, sagt Cleo Bertelsmeier. „Bei vielen invasiven Arten, die wir bereits kennen, reichen die Einflüsse bis zu Vögeln, kleineren Säugetieren und Reptilien.“ Manche Invasoren könnten handfeste ökonomische Schäden verursachen, sagt Seifert, etwa indem sie Kurzschlüsse in Elektrogeräten verursachen oder weil sie Bodenmaterial in großen Mengen an die Oberfläche transportieren, wodurch sich etwa Wegplatten und Bordsteinkanten absenken könnten.

Nicht allen eingeschleppten Arten gelingt es jedoch, das Leben in der Fremde zu meistern. Ameisen, die nach Mitteleuropa transportiert werden, müssen tolerant gegenüber Frost sein, um nördlich der Alpen dauerhaft unter freiem Himmel zu überleben. Und Kolonien mit nur einer Königin sterben nach deren Tod. Einfach aussetzen sollten Halter ihre Ameisen dennoch nicht. Auch exotische Formicidae, die nicht superkolonial sind, könnten für Ärger sorgen, sagt Seifert und erzählt von ausgesetzten Blattschneiderameisen in Nordrhein-Westfalen, die über die Pflanzen in den Nachbargärten herfielen.

Seifert geht zwar davon aus, dass der gezielte Ameisenhandel weniger zur Einschleppung invasiver Arten beiträgt als der zufällige und versehentliche Transport der Tiere durch Güter. Trotzdem lehnt er den Ameisenhandel ab und besonders den mit invasiven Arten. Auch Bertelsmeier rät dazu, sich lieber heimische Arten zu kaufen: „In Europa haben wir ja auch tolle Ameisenarten.“

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Hahn, Rebecca
Rebecca Hahn
Freie Autorin in der Wissenschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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