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Artensterben

Wer seid ihr – und wie lange noch?

Von Sebastian Lotzkat und Peter Jäger
 - 13:47
Dieser Tiger wurde in Nepal von einer automatischen Wildtierkamera fotografiert. Dort leben derzeit 235 Tiere, wie eine aktuelle Zählung ergab.zur Bildergalerie

Während Sie diesen Artikel hier lesen, stirbt eine Art auf diesem Planeten aus. Falls Sie nun denken: Gut, dann lese ich eben nicht weiter, lassen Sie sich hiermit gesagt sein, dass das diese aussterbende Art auch nicht retten könnte. Ihr ist schlicht nicht mehr zu helfen, denn sie ist de facto jetzt schon weg. Und das Schlimmste daran: Höchstwahrscheinlich haben wir diese Art noch gar nicht gekannt und werden dementsprechend niemals wissen, wozu sie nütze war. Oder besser: hätte sein können. Den Krebs besiegen, Tropenkrankheiten oder deren Überträger in Zaum halten?

Tatsächlich wissen wir gar nicht sicher, ob wirklich gerade jemand ausstirbt – wir haben keine Ahnung. Alles, was wir haben, sind Schätzwerte, Hochrechnungen, die von respektablen Wissenschaftlern erarbeitet wurden. Denen zufolge dürften jeden Tag rund hundert Spezies verschwinden, was dann einer Art alle 14,4 Minuten entspräche. Was wir Biologen allerdings mittlerweile sehr gut verstanden haben ist, dass die biologische Vielfalt auf dem Planeten Erde eine essentielle Rolle spielt. Sie ist nicht nur schmückendes Beiwerk für Vorgärten und Naherholungsgebiete, sondern unverzichtbar – auch und gerade als Lebensgrundlage für uns Menschen. Das Leben in all seiner Vielfalt, die Lebensräume wie die Arten zu erhalten ist also nicht nur ein frommer Wunsch von Naturliebhabern, sondern absolut verpflichtend im Sinne unserer Selbsterhaltung!

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Vom Aussterben bedroht
Nashörner aus der Retorte

„Man kann nur schützen, was man kennt“

„Man kann nur schützen, was man kennt“, hat Heinz Sielmann einst gesagt. Und hier liegt unser größtes Problem: Wir kennen die Biodiversität nur ansatzweise. Von den Interaktionen zwischen den Lebewesen und dem Funktionieren der Ökosysteme ganz zu schweigen. Es fängt schon bei der fundamentalen Ebene an: den Arten. Gelehrte Schätzungen gehen davon aus, dass wir mit den gut 1,7 Millionen bekannten Arten von Organismen vielleicht zehn, allerhöchstens aber zwanzig Prozent der Spezies kennen, mit denen wir uns momentan die Erde teilen. Wenn wir aber untersuchen wollen, welche Wirkung unser menschliches Handeln auf die Natur hat, dann müssen wir zunächst wissen, was einmal da war und insbesondere was noch vorhanden ist. Auf dieser Grundlage können wir dann erkennen, welche Tierarten in Zukunft gefährdet sein werden und was in den entsprechenden Ökosystemen passiert, wenn diese ausstürben. Bevor andere Wissenschaftler aber solche komplexe Fragestellungen angehen können, sind die Taxonomen an der Reihe. Sie sind es, die die Organismenarten voneinander unterscheiden, formal beschreiben und wissenschaftlich benennen.

Eigentlich ist das nichts Neues: Schon immer kategorisiert und erkennt der Mensch die belebte und unbelebte Natur mit einem bestimmten Teil seines Gehirns: dem unteren Temporallappen, mit dem er unter anderem auch Gesichter erkennt. So ausgestattet, teilt der Mensch seit jeher seine Umgebung ein. In essbar und ungenießbar, gefährlich und harmlos. Seit Anbeginn der Sprache vergab er dann Namen und konnte über Dinge der Natur kommunizieren – eindeutig war diese „Volkstaxonomie“ allerdings immer nur begrenzt, regional wie sozial. Die wissenschaftliche Taxonomie hingegen ermöglicht eine internationale Verständigung, über die Grenzen einzelner Länder und Sprachräume hinaus: Seit Carl von Linné, dem vielzitierten Vater der binominalen Nomenklatur, hat jede der Wissenschaft bekannte Art genau einen wissenschaftlichen Namen. So sorgt Taxonomie dafür, dass die belebte Natur, geordnet und mit Namen versehen, verfügbar ist: verfügbar für eine gemeinsame Kommunikation über einzelne Arten, über deren Biologie und Ökologie, ihre Rolle in der Natur und ihre Gefährdung. Es liegt vielleicht in der Neugier des menschlichen Wesens begründet, gepaart mit der neuronalen Voraussetzung in unserem Gehirn, dass wir Dinge, die wir nicht kennen, kategorisieren. Einmal eine neue Art erkannt, heißt es, sie zu benennen – eine ebenso ehrenvolle wie erfüllende Aufgabe. Dabei pflegt jeder Wissenschaftler zu seinen Arten ein inniges Verhältnis, fühlt sich verantwortlich. So ist es umso tragischer, wenn sehenden Auges eine Art, der man einen Namen gegeben, die man vermessen und wissenschaftlich exakt beschrieben hat, stark gefährdet oder vom Aussterben bedroht ist. Aber woher weiß man überhaupt, ob eine Art bedroht ist?

Letztlich ist alles nur Spekulation

Die Weltnaturschutzorganisation IUCN bietet verschiedene Kriterienpakete, nach denen Arten den definierten Gefährdungskategorien ihrer offiziellen Roten Liste zugeordnet werden können. An sich sehr aussagekräftige und deshalb gerne genutzte Gesichtspunkte wie Populationsgröße und Bestandsentwicklung sind bei großen, auffälligen Tieren wie Nashörnern oder Giraffen die Methode der Wahl. Leider sind sie aber schwer oder gar nicht anwendbar auf kleine, unauffällige oder versteckt lebende Tiere, deren Bestandsgrößen sich nur unverhältnismäßig schwer oder gar nicht ermitteln lassen – so wie bei unserer Klientel, den Reptilien und Spinnen. Hier bleibt oft nur die Größe des Verbreitungsgebietes zur Beurteilung des Gefährdungsgrades. Aber selbst die ist oft unzureichend bekannt.

Etwa im Fall der unscheinbaren Echsenart aus Panama, die wir 2016 als Celestus laf beschrieben haben – anhand nur eines einzigen Tieres. Dessen Fundort liefert nun einen verlässlichen Punkt auf der Verbreitungskarte der Art, aber eben den einzigen, was die Berechnung einer Arealfläche unmöglich macht. Da es sich um einen Vertreter einer generell eher heimlich und verborgen lebenden Gruppe handelt (auch die beiden geographisch benachbarten Schwesternarten sind jeweils zwar aus gut untersuchten Gebieten, aber trotzdem von nur einem Exemplar bekannt), wäre es denkbar, dass Celestus laf in Wahrheit ein großes Gebiet bewohnt, sich aber nirgends wirklich vor uns blicken lässt. Andererseits sind gebirgsbewohnende Arten wie diese oft eher kleinräumig verbreitet. Letztlich alles nur Spekulation, bis weitere Exemplare an anderen Orten auftauchen.

Im Jahr 2012 wurden aus laotischen Kalksteinhöhlen neun neue Arten aus der Gattung Sinopoda beschrieben. Das Besondere daran: nicht nur Arten mit den für Spinnen üblichen acht Augen, sondern auch Arten mit sechs, vier, zwei oder gar keinen Augen wurden in Höhlen gefunden. Darunter auch die zweiäugige Art Sinopoda soong und die blinde Sinopoda scurion, die jeweils nur aus einer einzigen Höhle bekannt sind, etwa 25 Kilometer voneinander entfernt. In den folgenden Jahren hatten sich Schotterwege in die sonst unberührte Natur gefressen. Große Laster beförderten Kalkstein zur Zementgewinnung aus dem Massiv. Sprengungen hatten den sonst mit Vegetation überwucherten Hängen deutliche Wunden zugefügt. Für die auf das kühle Höhlenklima angewiesenen Spinnen eine tödliche Gefahr. Der hohe Grad an Endemismus, also die Tatsache, dass eine Art nur in einem ganz eng umgrenzten Gebiet vorkommt, verstärkt die Sorgen der Wissenschaftler: Wenn die Berge abgetragen und zu Zement verarbeitet sind, werden diese Arten für immer ausgelöscht.

Vielfalt ist nötig

In einem anderen Fall wurden solche Abbauarbeiten an einem Berg gestoppt. Geschafft hat das die Spinnenart Liphistius kanthan zusammen mit ihren taxonomischen Beschreibern und den Kollegen, die die ökologische Bewertung der IUCN vorgenommen haben. Gliederspinnen (Liphistiidae) werden gemeinhin als lebende Fossilien bezeichnet. Ursprüngliche Merkmale wie die namensgebende Gliederung des Hinterleibs deuten auf eine sehr frühe Abspaltung in der Entwicklung der Spinnen. Umso wichtiger schien es, diese Art aus einer über 300 Millionen Jahre alten Linie in die Zukunft zu retten. Das scheint tatsächlich der Fall zu sein: Luftbilder aus dem Jahr 2017 zeigen den intakten südlichen Rest des Berges, die Abbauarbeiten der Zementfirma scheinen eingestellt zu sein.

Dieses Beispiel zeigt, dass sich durchaus etwas im Sinne der Arten bewirken lässt, sofern man sie kennt. Denn nur dann kann man sie beim Namen nennen und auf sie aufmerksam machen, was letztlich immer der erste Schritt in Richtung Schutz ist. Um mehr medienwirksame Öffentlichkeit zu erzielen, haben Taxonomen ein starkes Werkzeug: die Namensgebung steht ihnen innerhalb der gültigen Regeln des sogenannten Internationalen Codes für Zoologische Nomenklatur absolut offen. So nutzten wir diese Freiheit auch und nannten eine von 25 neuen Arten der Gattung Heteropoda nach dem Rocksänger David Bowie: Heteropoda davidbowie wurde von Google zu Spitzenzeiten über eine Drittel Million Mal gefunden. Die der damaligen Pressemitteilung angehängte Information über schwindende Lebensräume verbreitete sich über das Internet in die letzten Winkel des vernetzten Planeten und landete selbst in Tattoo-Chatforen und Rock-Fan-Websites. Auch die panamaische Schneckennatter Sibon noalamina, die 2012 beschrieben wurde, erfuhr ein sehr positives Medienecho über ihren Namen: Der leitet sich vom spanischen No a la mina! („nein zu der Mine!“) ab. Damit bezieht er explizit Stellung gegen den in ihrem Lebensraum geplanten Kupfertagebau und vollzieht eine Art Schulterschluss mit der Protestbewegung der indigenen Ethnien, die sich ihren Lebensraum mit der bildhübschen Schlange teilen und diese Parole häufig verwenden. Nun hat die nachtaktive, von zwei Orten und drei Exemplaren bekannte Natter dieses Anliegen weit in die Welt hinausgeschrien.

Beispiele wie diese machen uns zuversichtlich, denn wir Wissenschaftler würden mit unserer Arbeit wirklich gerne etwas erreichen. Wir sind sicher, dass die gegenwärtige, erdgeschichtlich rekordverdächtige Aussterberate hauptsächlich auf die Aktivitäten unserer Spezies zurückgeht und folglich auch primär von ihr reduziert werden kann. Und wir glauben verstanden zu haben, dass Vielfalt nötig ist, damit das große Ganze bestehen bleibt.

Mit den in Abermillionen Jahren eingeschliffenen Gleichgewichten der Natur ist es ein wenig wie bei einem gigantischen, gut gebauten Kartenhaus: Das vorsichtige Herausziehen einiger weniger Karten lässt das fein austarierte Gebilde zwar sicher nicht gleich komplett in sich zusammenfallen, aber ab einer gewissen Zahl solcher Lücken ist der kritische Punkt erreicht, und die Katastrophe tritt ein.

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In der Vortragsreihe „Bedrohte Vielfalt – Der Artenschwund und seine Folgen“ der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung geht es um den Rückgang der natürlichen Vielfalt, seine Ursachen und mögliche Lösungsansätze. Kooperationspartner sind die Universität Frankfurt, die F.A.Z. und hr-info. Der sechste Vortrag am 28. November von Sebastian Lotzkat und Peter Jäger trug den Titel „Neue „Senckenberger“: Gerade entdeckt, schon bedroht“.

Sebastian Lotzkat ist Herpetologe am Staatlichen Museum für Naturkunde Stuttgart sowie freier Mitarbeiter im Senckenberg-Museum und Palmengarten Frankfurt.

Peter Jäger leitet die Sektion Arachnologie im Senckenberg-Forschungsinstitut Frankfurt.

Quelle: F.A.Z.
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