Stellers Seekuh

Der größte vegetarische Meeresbewohner, dem Menschen jemals begegnet sind

Von Diemut Klärner
14.05.2022
, 19:42
Nach ihrer Entdeckung 1741 hatte Stellers Seekuh nur noch 27 Jahre zu leben, hier als künstlerische Illustration.
Im achtzehnten Jahrhundert entdeckt, war Stellers Seekuh bald ausgerottet. Studieren kann man den einstigen Meeressäuger aber noch per Genanalyse.
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Stellers Seekuh war der größte vegetarische Meeresbewohner, dem Menschen jemals begegnet sind: Bei einer Körperlänge von schätzungsweise bis zu zehn Metern konnte sie wohl mehr als zehn Tonnen wiegen. Während Seekühe heutzutage nur tropische bis subtropische Gewässer bevölkern, tummelte sich Stellers Seekuh, mit wissenschaftlichem Namen Hydrodamalis gigas, an den kalten Küsten des Nordpazifiks. Im Jahr 1741 stieß der Naturforscher Georg Wilhelm Steller auf diesen eigenartigen Meeressäuger. Als er mit Vitus Bering auf einer Expedition im Nordpazifik unterwegs war, erlitt er auf dem Rückweg Schiffbruch und strandete auf der größten Insel der Kommandeur-Gruppe. Dort musste er notgedrungen überwintern und bis zum Spätsommer 1742 ausharren. Dass trotz des widrigen Wetters immerhin die Hälfte der Crew diese Zeit überlebt hat, war auch den später nach Steller benannten Seekühen zu verdanken. Sie lieferten den hungrigen Männern schmackhaftes Fleisch, und ihr Fett taugte gleichermaßen als Nahrung wie als Lampenöl.

Steller schätzte die Population, die die Flachwasserbereiche um das heutzutage als Beringinsel bekannte Eiland bevölkerte, auf etwa tausend Tiere. In der Umgebung der gesamten Inselgruppe dürften es damals nicht mehr als einige Tausend gewesen sein. In den folgenden Jahren steuerten immer wieder Robbenjäger und Pelzhändler auf Berings Spuren die Kommandeurinseln an. Dort stellten sie auch Stellers Seekuh so eifrig nach, dass die imposanten Meeressäuger drei Jahrzehnte nach ihrer Entdeckung restlos ausgerottet waren. Damit endete eine Evolutionslinie, in der Seekühe auch kalte Meeresgebiete erobert hatten. Übrig geblieben sind nur einige Proben einer enorm dicken Haut, ein paar weitgehend vollständige Skelette und verstreute Knochen.

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Auf molekulargenetischer Ebene hat ein internationales Forscherteam nun Anpassungen identifizieren können, die Stellers Seekuh an ihren speziellen Lebensraum entwickelt hatte: Genetiker um Diana Le Duc von der Universität Leipzig, Akhil Velluva vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig und Molly Cassatt-Johnstone von der University of California in Santa Cruz extrahierten und analysierten DNA aus Knochen der ausgestorbenen Seekuh. Zum Vergleich zogen sie die Genome heute lebender Seekühe und anderer Säugetiere heran.

Albtraum einer Ichthyose

Wie Le Duc und ihre Kollegen in der Zeitschrift „Science Advances“ berichten, stellte sich bei Stellers Seekuh heraus, dass die Gene für zwei bestimmte Lipoxygenasen nicht mehr funktionierten: Ein vorzeitiges Stoppsignal hinderte die molekulare Maschinerie, die normalerweise Bauanleitungen für diese Enzyme produziert, ihre Arbeit zu vollenden. Bei Menschen können Genvarianten, die eine Produktion der fraglichen Lipoxygenasen sabotieren, eine angeborene Ichthyose auslösen. Solche Hautkrankheiten zeichnen sich dadurch aus, dass die oberste Hautschicht, die aus abgestorbenen Zellen besteht, wesentlich dicker daherkommt als gewöhnlich. Betroffene leiden unter einer trockenen, oft rissigen Haut, von der sich deutlich sichtbare Schuppen ablösen.

Die heute lebenden Seekühe kommen ausschließlich in tropischen Gewässern vor
Die heute lebenden Seekühe kommen ausschließlich in tropischen Gewässern vor Bild: colourbox, Universität Leipzig

Stellers Seekuh präsentierte sich offenbar als wahrer Albtraum einer Ichthyose. Steller, der diese Spezies als erster und einziger Europäer lebend studieren konnte, verglich die oberste Hautschicht mit der Borke einer alten Eiche. Wahrscheinlich profitierte die einst auch Borkentier genannte Seekuh nicht nur davon, dass die teils mehr als zwei Zentimeter dicke Hornschicht einen gewissen Schutz vor Wärmeverlusten bot. So eine Haut war wohl auch derart strapazierfähig, dass sich die massigen Tiere ungestraft in felsige Flachwasserzonen wagen konnten, um dort Seetang abzuweiden. Auch zwischen Eisschollen umherzuschwimmen dürfte ihnen wenig geschadet haben.

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Bei vergleichenden DNA-Analysen fanden Le Duc und Kollegen heraus, dass die beiden Lipoxygenase-Gene, die sich bei Stellers Seekuh als defekt entpuppten, auch bei Walen und Delphinen nutzlos geworden sind: Das eine Gen ist dort ebenfalls defekt, das andere sogar komplett verloren gegangen. Allerdings macht sich die genetische Veränderung in dieser Entwicklungslinie ganz anders bemerkbar als bei der Seekuh. Statt eine besonders dicke Schutzschicht aus abgestorbenen Hautzellen aufzubauen, erneuern Wale und Delphine ihre Hornschicht auffallend schnell. So können sie verhindern, dass sich Seepocken und anderer lästiger Bewuchs dort ansiedeln.

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Bei Eisbären, Seeottern und Robben sind die fraglichen Lipoxygenase-Gene dagegen intakt geblieben. Ebenso beim Karibik-Manati, einer Rundschwanzseekuh; und selbst beim nächsten lebenden Verwandten von Stellers Seekuh, dem auch als Gabelschwanzseekuh bekannten Dugong, erweisen sich diese Gene als funktionsfähig. Von Seekühen, die in einem warmen Ambiente leben, unterschied sich Stellers Seekuh aber nicht bloß durch den funktionellen Verlust bestimmter Gene. Von den Genen, die sich bei ihr im Laufe der Evolution deutlich schneller oder langsamer verändert haben als bei Bewohnern tropischer Gewässer, spielen etliche eine Rolle beim Energiestoffwechsel und der Regulation des Körpergewichts.

Einst zu Hause in Flachwasserzonen des Nordpazifiks

Mit einer bis zu zehn Zentimeter dicken Fettschicht in der Unterhaut konnte sich Stellers Seekuh einerseits vor Auskühlung schützen. Andererseits legte sie damit Energiereserven für Zeiten an, in denen es für sie wenig oder gar nichts zu fressen gab. Steller war aufgefallen, dass die massigen Seekühe im Winter deutlich abgemagert sind. Kein Wunder, denn nach seinen Beobachtungen stand hauptsächlich Seetang auf ihrem Speiseplan. Dabei handelte es sich um Braunalgen mit biegsamen Stielen, die sich mit wurzelartigen Verzweigungen an Felsen verankern. Aus den Stängeln sprießen – wie beispielsweise auch bei dem in Nord- und Ostsee heimischen Palmentang – meterlange blattähnliche Auswüchse. Die Blätter des Drachentangs (Eularia fistulosa), der an den Küsten des westlichen Nordpazifiks regelrechte Tangwälder bildet, werden sogar bis zu 25 Meter lang. An solchem Blattwerk, das sich nahe der Wasseroberfläche in den Wellen wiegt, konnte sich Stellers Seekuh gütlich tun. Allerdings nur im Sommerhalbjahr. Im Winter, wenn der Seetang mangels Licht verkümmerte, mussten die Tiere monatelang von ihren Fettdepots leben.

Die Verbreitung der Seekuh-Arten in den Weltmeeren.
Die Verbreitung der Seekuh-Arten in den Weltmeeren. Bild: Diana LeDuc

Wie Fossilien aus dem Pleistozän bezeugen, war Stellers Seekuh in den Flachwasserzonen des Nordpazifiks einst weit verbreitet, vom heutigen Japan bis zur kalifornischen Halbinsel im heutigen Mexiko. Stellers Beobachtungen von der Beringinsel liefern die einzige Schätzung einer Populationsgröße. Unter der Voraussetzung, dass die nach ihm benannte Seekuh anderenorts wachsende Tangwälder einst ähnlich zahlreich bevölkerte, schätzen Le Duc und Kollegen die Gesamtzahl der Tiere im eiszeitlichen Nordpazifik auf ungefähr zweihunderttausend.

Womöglich sind die Populationen von Stellers Seekuh aber schon während des Eiszeitalters deutlich geschrumpft. Schließlich mussten die hoch spezialisierten Meeressäuger immer wieder große Temperaturschwankungen und entsprechend starke Veränderungen ihres Lebensraums verkraften. Nach dem Ende des Eiszeitalters hatte zweifellos der Mensch seine Hand im Spiel. Wie es typisch für Tiere ist, die von Natur aus kaum Feinde fürchten müssen, hatte Stellers Seekuh wahrscheinlich eine sehr geringe Reproduktionsrate. Wo indigene Küsten- und Inselbewohner regelmäßig Jagd auf sie machten, wurden diese Meeressäuger deshalb wohl rasch dezimiert. Bezeichnenderweise lebte die letzte Population dieser Spezies in der Umgebung einer entlegenen, unbewohnten Inselgruppe.

Quelle: F.A.Z.
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