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Balztanz von Paradiesvögeln

Großes Theater im Regenwald

Von Diemut Klärner
 - 21:22

Paradiesvögel tragen nicht nur phantastische Federkleider. Sie präsentieren die Haute Couture der Evolution auch mit akrobatischer Finesse und akustischer Untermalung. Genaugenommen stellen sich bloß die Männchen derart zur Schau. Die eher unscheinbaren Weibchen haben freie Auswahl unter den Bewerbern – müssen dann aber ganz allein den Nachwuchs ausbrüten und großziehen. Doch welche evolutionäre Dynamik hat die faszinierende Vielfalt der Paradiesvögel hervorgebracht? Auf Neuguinea und einigen umliegenden Inseln sowie auf der Nordspitze von Australien tummeln sich mindestens vierzig verschiedenartige Vertreter dieser extravaganten Sperlingsvögel. Die verwirrende Komplexität ihres Outfits und ihrer Show bei der Brautwerbung macht einen Vergleich zwischen den einzelnen Arten zu einer veritablen Herausforderung. Wissenschaftler um Russell A. Ligon und Christopher D. Diaz von der Cornell University in Ithaca (New York) ließen sich davon jedoch nicht abschrecken. Gemeinsam mit Kollegen von der University of Exeter und der Harvard University in Cambridge (Massachusetts) fanden sie heraus, dass gerade die Komplexität der Paradiesvogel-Balz eine Diversifizierung begünstigt hat.

Für ihre evolutionsbiologischen Untersuchungen mussten die Forscher nicht in die Heimat der Paradiesvögel reisen. Stattdessen studierten sie 961 im Freiland aufgenommene Videoclips – davon 176 vertonte Filme – die hauptsächlich aus der Macaulay Library am Cornell Lab of Ornithology (macaulaylibrary.org) stammten. Außerdem fotografierten sie nach allen Regeln der Kunst die 393 Paradiesvögel aus den Sammlungen des American Museum of Natural History in New York. Mit Hilfe entsprechender Computerprogramme wurden die Laute und Bewegungsmuster während der Balz ebenso wie das Farbmuster des Gefieders in Einzelteile zerlegt. Anhand dieser Elemente ließen sich dann auch Vogelarten vergleichen, die auf den ersten Blick ganz unterschiedlich daherkommen.

Ein geräumiger Tanzboden für die Vorstellung

Bekannt war bereits, dass sich verschiedenartige Paradiesvögel in ihren ökologischen Ansprüchen kaum unterscheiden. Sie leben allesamt in tropischen Regenwäldern und ernähren sich vorwiegend von den Früchten des Waldes. Wenn paarungswillige Männchen unterschiedlicher Arten um die Aufmerksamkeit des anderen Geschlechts werben, verfolgen sie allerdings verschiedene Strategien: Manche setzen auf eine Solovorstellung, andere bleiben stets in Hörweite von Konkurrenten, und einige versammeln sich zur Balz sogar gruppenweise – ähnlich wie hierzulande Birkhühner oder Kampfläufer. Mit kakophonem Geschrei signalisieren sie den Weibchen dann schon von weitem, wo eine reiche Auswahl möglicher Partner zu finden ist. Außerdem balzen manche Paradiesvögel nur in den Kronen der höchsten Bäume, andere ein Stockwerk tiefer und wieder andere ganz unten auf dem Waldboden.

Wie die Ornithologen um Russel Ligon in der Online-Zeitschrift „Plos Biology“ berichten, hat die Wahl der verschiedenen Balzorte die Show der Paradiesvögel entscheidend geprägt. Am Waldboden präsentieren sich die Männchen mit nur wenigen farbigen Akzenten. Kein Wunder, denn feine Nuancen kämen in tiefem Schatten kaum zur Geltung. Dafür können sich die Vögel auf ebenem Terrain einen geräumigen Tanzboden für ihre Vorstellung einrichten. Paradiesvogel-Arten, die auf dünnen Zweigen herumturnen, genießen nicht so große Bewegungsfreiheit. Von einer exponierten Warte ertönt jedoch oft ein abwechslungsreich strukturierter Gesang. Wo sich Schall ungehindert ausbreitet, lassen sich mit solchen Lockrufen potentielle Partnerinnen ansprechen. Oft zeichnen sich Paradiesvogel-Männchen, die hoch oben in den Baumkronen balzen, auch durch ein besonders vielfarbiges Federkleid aus. Für Männchen, die sich im Kreis zahlreicher Artgenossen präsentieren, ist so eine Farbenpracht ebenfalls typisch. Anscheinend müssen sie einen besonderen Blickfang bieten, um ein wählerisches Weibchen von ihren Vorzügen überzeugen zu können.

Die Schönheit liegt im Auge der Betrachter, für die sich die Bewerber eifrig ins Zeug legen. Die Fülle der Signale lässt freilich auf eine gewisse Redundanz schließen. Wird davon eine Komponente reduziert, hat das wohl oft keine merklichen Folgen, solange andere gut zur Geltung kommen. Dass sich Paradiesvögel auf diese Weise offen für Veränderungen zeigen, ist nach Einschätzung der Forscher der Grund für die verblüffend große Vielfalt der Tiere trotz sehr ähnlicher Lebensweise.

Bunte Schwanzfedern in Schwung

Anhand eines Stammbaums, der auf molekulargenetischen Analysen beruht, ließ sich die Entwicklungsgeschichte dieser Vögel genauer unter die Lupe nehmen. Dabei stellte sich heraus, dass mit der Komplexität der farblichen Komposition auch die der akustischen Darbietung gewachsen ist. Zwischen dem Trend zu einer komplexeren Akrobatik und reichhaltigerem Gesang zeigt sich ebenfalls ein Zusammenhang. Aufwendigere Bewegungsmuster sind jedoch nicht mit größerer Farbigkeit korreliert. Was zu der Annahme passt, dass Information verlorenginge, wenn gleichzeitig komplexe Farb- und Bewegungssignale rezipiert werden müssten. Wenn Signale über separate Sinnesorgane empfangen werden, etwa über Augen und Ohren, dürfte sich insgesamt mehr Information übermitteln lassen. Nach welchen Maßstäben weibliche Paradiesvögel ihre balzenden Artgenossen beurteilen und auf welche Details es ihnen besonders ankommt, bleibt allerdings eine offene Frage.

Einen Schritt weiter sind Ornithologen beim Pfau, dessen angestammter Lebensraum zwar dichter indischer Dschungel ist. Die dekorativen Vögel sind aber auch fern ihrer Heimat in Parkanlagen zu Hause. Schon seit Darwins Zeiten gilt ihr prachtvolles Gefieder als Paradebeispiel für sexuelle Selektion: Da bei den Pfauenweibchen stets die Bewerber mit dem aufwendigsten Schmuck zum Zug kommen, haben solche Männchen auch die besten Chancen, Nachwuchs zu zeugen. Die wählerischen Weibchen machen dabei eine gute Partie. Denn in diesem Fall lässt ein attraktives Äußeres durchaus auf innere Werte schließen. Wer ein luxuriöses Federkleid zur Schau stellt und alle damit verbundenen Handikaps – etwa beim Fliegen – meistert, muss nämlich besonders fit und gesund sein.

Die balzenden Pfauenmännchen gewissermaßen mit den Augen der Weibchen zu sehen, ist Wissenschaftlern um Jessica Yorzinski von der University of California in Davis gelungen: Sie trainierten zahme Pfauen darauf, einen maßgeschneiderten Helm zu tragen, an dem zwei winzige Kameras montiert waren. Während die eine Kamera das Panorama aufnahm, das sich dem Vogel darbot, war die andere auf ein Vogelauge konzentriert. Anhand der Position der Pupille ließ sich dann genau lokalisieren, was eine Pfauenhenne jeweils gerade ins Auge gefasst hatte.

Alles im Blick

Wie sich herausstellte, findet der hoch aufragende Teil der aufgefächerten Federschleppe bei den Weibchen nur wenig Beachtung. Möglicherweise kommt er schon früh ins Spiel, wenn sie den potentiellen Partnern noch nicht direkt gegenüberstehen. Schließlich sind im Unterholz des Dschungels nur Schmuckfedern, die deutlich über den Kopf des Männchens ragen, von weitem sichtbar. Wenn sich die Pfauenmännchen dann aus der Nähe bewundern lassen, geht es vor allem um die bodennahe Federgalerie vielfarbiger Augenflecke. Die Weibchen begutachten diese bunt schillernde Federpracht aber nie sonderlich lang. Ihr Blick schweift immer wieder in die Umgebung, also dorthin, wo in freier Natur Gefahr lauern kann.

Doch wenn Pfauenhähne zeitweilig Bewegung in ihre Performance bringen, können sie den Blick einer wenig interessiert scheinenden Artgenossin sofort auf sich ziehen. Ehe ein Weibchen womöglich in eine Paarung einwilligt, muss das Männchen sein Pfauenrad schwanzwackelnd in Schwung bringen. Die fächerförmig aufgestellten Schwanzfedern streichen dann derart über die Rückseite der bunt schillernden Schwanzdeckfedern, dass rasselnde Geräusche ertönen. Dabei entstehen auch spezielle optische Effekte: Die grüngoldenen Äste der Schwanzdeckfedern lassen sich zwar leicht in Schwingungen versetzen. Innerhalb der Augenflecke sind die Federäste jedoch ähnlich fest ineinander verhakt wie in Schwungfedern, die beim Fliegen in Form bleiben müssen. So ein runder bunter Fleck ist folglich eine träge Masse, die nur geringfügig schwankt, während das grüngoldene Umfeld heftig vibriert. Vielleicht wirkt die Federpracht dann aus der Sicht eines Pfauenweibchens besonders verführerisch.

Quelle: F.A.Z.
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