Biomedizin

Die Unantastbarkeit der Gene

EIN KOMMENTAR Von Joachim Müller-Jung
04.04.2013
, 13:15
Befruchtung im Labor
Ob für oder gegen Gentechnik: Die Augen zu verschließen vor den umwälzenden Veränderungen in der Biomedizin, ist keine Lösung. Warum tut es die Politik trotzdem?

Sollten die Deutschen wirklich eine beherzte Fortschrittskultur pflegen (woran angesichts der technologischen und wirtschaftlichen Übermacht in Europa momentan niemand zweifelt), dann mit Ausnahme einer auf Fortschritt programmierten Wissenschaft par excellence: der Gentechnik. Sie ist nicht tabu, sie wird noch immer erforscht, aber sie gilt mehrheitlich als Bedrohung und wird politisch entsprechend behandelt. So hat jetzt die neue rot-grüne Regierung in Niedersachsen das Schülerprojekt „Hannover-Gen“, das im Bundeswettbewerb „Land der Ideen“ gewonnen hatte, abrupt beendet. Das Landwirtschaftsministerium hielt es für ein „zur einseitigen Akzeptanzbeschaffung pro Gentechnik initiiertes Sonderprogramm“. Vom Religionsunterricht wurde nie behauptet, er diene der Akzeptanzbeschaffung pro Christentum.

Das Vorgehen passt in das biopolitische Bild: Das Mäntelchen „gentechnikfrei“ ist Mode geworden. Gerne wird es auf Stimmenfang getragen, nicht zuletzt von konservativen Politikern in Bayern. Die Schöpfung bewahren heißt dann auch, dem Schöpfer nicht ins Handwerk zu pfuschen. Gemeint ist keineswegs nur die Genveränderung von Nutzpflanzen. Die Weigerung, „Gott zu spielen“, ist neben den Sicherheitsbedenken das wiederkehrende Motiv, vor allem in der Biomedizin.

In der Tat hat die Moralisierung des Erbmaterials hierzulande Tradition. Sie wird seit der Nachkriegszeit gepflegt und mit den Eugenikmaßnahmen im Dritten Reich als ausreichend begründet angesehen. Doch kennt diese bioethische Tradition nicht nur Risiken, sondern auch Nebenwirkungen. Zu diesen zählt das Vertrauen auf die Unantastbarkeit der entsprechenden Gesetze wie des zwanzig Jahre alten, schon begrifflich längst überholten Embryonenschutzgesetzes.

So ist es auch Mode geworden, die Entschlüsselung des menschlichen Erbgutes als wissenschaftlichen PR-Gag zu diskreditieren. Geradezu fatal ist es, die Genveränderung als technologische Sackgasse abzutun. Denn das moralische Recht auf ein unmanipuliertes Erbe ist die eine Seite. Auf der anderen steht eine immer größer werdende Zahl schwerkranker Menschen, die auf ein Recht zur Behandlung mit biotechnischen Verfahren bestehen - nicht selten unterstützt von international organisierten, vernetzten Patientenorganisationen.

Medizin als Treiber des Fortschritts

Mehr als 1800 Gentherapieversuche in annähernd drei Dutzend Ländern sind seit Beginn der ersten klinischen Experimente vor knapp einem Jahrzehnt vorgenommen worden. In Deutschland wurden, mehr oder weniger unbemerkt von der Öffentlichkeit, mehr als achtzig Patienten behandelt, mehrheitlich Krebskranke. Kinder, die dem Tod geweiht waren, leben seit zehn Jahren unter uns. Sie wurden durch Gentechnik geheilt. Entscheidend dafür waren genchirurgische Eingriffe an Körperzellen, vor allem Blutzellen. Noch dürften diese das moralische Selbstverständnis der Menschen wie auch die Angst vor einer „Selbsttransformation der Gattung“ kaum berühren, wie es der Philosoph Jürgen Habermas in seiner Warnung vor dem „Weg zu einer liberalen Ethik“ formulierte. Doch ist der weitere Weg dahin längst kein Hirngespinst mehr. Genmedizin, Fortpflanzungsmedizin und Stammzelltechnik sind im Begriff zu verschmelzen. Im Namen einer Ethik des Heilens und der Hoffnung, schwerwiegende Gendefekte zu beheben, erweitern die Wissenschaften systematisch und unwiderruflich ihr Repertoire genetischer Eingriffe.

Keimbahnmanipulation ja oder nein?

Die Keimbahnmanipulation bei seltenen mitochondrialen Erkrankungen, die in einer Online-Umfrage der britischen Aufsichtsbehörde mehrheitlich befürwortet wurde, kann zwar als ein Spezialfall eines generationenübergreifenden Eingriffs angesehen werden. Und das britische Ethikgremium, der Nuffield Council, sieht das auch genauso. Er argumentiert, dass es sich nur um den Austausch elterlichen Erbmaterials in eine Spendereizelle mit gesunden Mitochondrien handele, die nicht einmal zwei Prozent der Geninformation enthielten - eine altruistische kleine Genspende gewissermaßen. Aber der Befund ist unabweisbar: Die natürliche Ausstattung des Embryos wird im Reagenzglas so verändert, dass auch dessen Nachkommen die neuen Gene übernehmen und nicht an der bisher unheilbaren Mitochondrien-Erkrankung leiden werden.

In Deutschland sind Eingriffe in die Keimbahn wie dieser grundsätzlich verboten. Noch ist die Risikoprüfung des britischen Verfahrens nicht abgeschlossen. Doch schon jetzt ist klar, dass von einer großen Ausnahme kaum die Rede sein kann. Denn sollten sich die Hinweise verdichten, dann spielen Defekte in den Mitochondrien bei vielen Krankheiten eine Rolle, insbesondere bei Altersleiden wie Parkinson oder Alzheimer, aber auch bei multipler Sklerose.

Was heute bei uns zuerst Unbehagen auslösen sollte, ist weniger die Aussicht auf immer neue Geneingriffe. Viel bedenklicher ist, dass vieles, was in der Fortpflanzungs- und Biomedizin weltweit vor sich geht und was Patienten früher oder später auch in Deutschland zugutekommen sollte, auf ein stellenweise heillos veraltetes Recht trifft. Wie lange kann man wohl die Patienten noch hinhalten, bis Politiker und Wissenschaftler ernsthaft über ein modernes Fortpflanzungsmedizingesetz diskutieren?

Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
Twitter
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot