Biowaffen

Eine bunte Mischung von Genen

24.10.2004
, 16:52
Die Symptome sind vielfältig: Fieber, Schläfrigkeit, Atemnot und Herzrasen. Das Bakterium Burkholderia ähnelt deswegen anderen Infektionskrankheiten.
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Die Erreger von Polio und Milzbrand sind nicht die einzigen Keime, die für die Entwicklung von Biowaffen in Frage kommen. Diese Gefahr geht auch von Burkholderia pseudomallei aus, einem in Südostasien beheimateten Bakterium, dem viele der dort tödlich verlaufenden Blutvergiftungen zuzuschreiben sind. Der Erreger ist schon einmal als Waffe angewendet worden - im Vietnamkrieg gegen amerikanische Soldaten.

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Um bei einem zweiten Angriff besser vorbereitet zu sein, hat der Welcome Trust - der größte Förderer biomedizinischer Forschung in England - die Entschlüsselung des Erbgutes von Burkholderia pseudomallei vorangetrieben. In den "Proceedings" der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften sind die Ergebnisse kürzlich vorgestellt worden.

Genetische Vielfalt des Erregers

Aus biomedizinischer Sicht erscheinen die Daten höchst interessant, aus sicherheitspolitischer Sicht eher enttäuschend. Das liegt an der genetischen Vielfalt des Erregers. Sie erklärt, warum die von Burkholderia ausgelösten Symptome denen anderer Krankheiten ähneln, was nicht selten zu fatalen Fehleinschätzungen führt. Sie erklärt aber auch, warum es bislang noch nicht gelungen ist, wirkungsvolle Impfstrategien zu entwickeln. Die Bakterien dringen vornehmlich über kleine Hautabschürfungen oder die Lunge in den Körper ein.

Die Symptome ähneln anfangs dem von Pseudomonas-Bakterien verursachten Rotz und klingen auch meistens wieder von selbst ab. Aber mitunter weitet sich die als Meliodosis bezeichnete Erkrankung zu einer schweren Blutvergiftung aus, gegen die die Ärzte nahezu machtlos sind. Weil die Blutvergiftung von Abszessen ausgeht, kann sie auch noch Wochen und Monate nach dem Eindringen des Erregers ausbrechen. Bei einem der im Vietnamkrieg infizierten Soldaten entwickelte sich sogar erst 26 Jahre später eine schwere Blutvergiftung.

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Schwierige Abwehrstrategien

Den neuen Ergebnissen zufolge hat Burkholderia im Laufe der Evolution allerlei genetisches Material von Viren und Bakterien eingesammelt und auf einem eigenen, zu einem Rund geschlossenen Erbgutfaden abgelegt. Darunter befinden sich vermutlich auch die für die Meliodosis verantwortlichen Gene. Weil diese von verschiedenen Erregern stammen, ähneln die Symptome wie Fieber, Schläfrigkeit, Atemnot und Herzrasen denjenigen anderer Infektionskrankheiten.

Im angelsächsischen Raum wird der Erreger deshalb auch der große Imitator genannt. Auf einem zweiten Erbgutfaden befinden sich die für den gängigen Stoffwechsel nötigen Gene. Wegen des raffinierten Arrangements der genetischen Information wird es vermutlich schwierig sein, eine wirkungsvolle Abwehrstrategie gegen Burkholderia pseudomallei zu entwickeln. Das Bakterium wird sich zu wehren wissen.

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Quelle: hka., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.10.2004, Nr. 249 / Seite 34
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