Gentechnik

Unheimlich einfach – Aber auch erwünscht?

12.12.2015
, 14:23
Es gibt zwar hoffnungsvolle Anwendungen, aber ebenso Grund zur Vorsicht.
Eine neue Methode in der Gentechnik sorgt abermals für eine Debatte über den Eingriff ins menschliche Erbgut. Genomexperten mahnen zur Vorsicht, denn Krankheiten sind komplex und nicht einfach zu editieren.

Nein, es ist keine schöne Welt, die Aldous Huxley im Jahr 1932 entworfen hat. Sein City-Brüter und Konditionierungscenter ist kein Ort, den man gerne betreten würde; seine Inkubatoren und Fertilisatoren beneidet man nicht um ihren Job. Und vermutlich würde heute niemand behaupten, dass ein Laborverfahren der gesellschaftlichen Stabilität dient, wenn menschliche Embryonen per Zellknospung entstehen.

Gentechnik spielt in Huxleys berühmtem Roman noch keine Rolle, er konnte nicht einmal ahnen, was sie heute ermöglicht. Daran und an die Fortschritte der Molekularbiologe innerhalb der vergangenen sechzig Jahre erinnerte der Nobelpreisträger David Baltimore, als er vergangenen Dienstag in Washington das Treffen der wissenschaftlichen Akademien von China, Großbritannien und den Vereinigten Staaten eröffnete. Drei Tage lang widmeten sich dort international renommierte Forscher der verschiedensten Disziplinen allein einem Thema: dem Human Gene Editing und somit der Frage, ob man ins menschliche Erbgut eingreifen darf oder nicht. Und wenn ja, bei welcher Art von Körperzellen? Wie sieht es mit der Keimbahntherapie aus? Den ethischen Aspekten? Würde es Gesellschaften gar spalten, wenn Geld über Machbarkeit entscheidet?

Tatsächlich scheint es immer weniger eine Frage des Könnens zu sein, sondern eher die Frage: Wer setzt es ein? Wann? Seit Jennifer Doudna und Emmanuelle Charpentier im Jahr 2012 auf Basis eines bakteriellen Abwehrsystems die CRISPR-Cas9-Methode entwickelten, steht der Gentechnik eine Art Schweizer Messer zur Verfügung (Sonntagszeitung, 22. März 2015). Ein Präzisionswerkzeug, das nicht nur einfach in der Anwendung ist, sondern ständig verbessert wird, so dass die Fehleranfälligkeit sinkt. Erprobt wurde es bereits an den verschiedensten Körperzellen - und an menschlichen Embryonen. Aus diesem Grund wurde das Treffen jetzt einberufen, um gemeinsam über einen Bann und Alternativen zu diskutieren. Denn was in der Keimbahn geschieht, wird an die nächsten Generationen vererbt und lässt sich dann nicht mehr ins Labor zurückholen. „Die moderne Wissenschaft ist ein globales Unternehmen“, sagte Baltimore, und das Genome Editing ein Werkzeug, das überall verfügbar sei.

Wir haben noch eine Menge zu lernen

Dass es zwar hoffnungsvolle Anwendungen gäbe, aber ebenso Grund zur Vorsicht, zeigten die Vorträge in Washington. So erläuterte der Genomexperte Eric Lander, dass Krankheiten nur selten durch einzelne Erbinformationen bestimmt seien, wie im Fall von Mukoviszidose. Meist besäßen sehr viele Gene etwas Einfluss. Krankheiten seien komplex und deshalb nicht einfach zu editieren: „Wir haben noch eine Menge zu lernen, bevor man ins menschliche Erbgut eingreift und dauerhafte Veränderungen vornimmt.“

Bild: F.A.Z.

Das am Ende des „World Summit“ verabschiedete Statement bezeichnet jegliche klinische Anwendung der Editing-Methoden an der Keimbahn als unverantwortlich, solange ethische Vorbehalte und Sicherheitsbedenken nicht ausgeräumt seien; diese gelte es regelmäßig zu diskutieren. Außerdem müsse eine breite gesellschaftliche Akzeptanz bestehen. Es ist kein Moratorium mit Verfallsdatum, sondern ein Auftrag: intensive Grundlagenforschung innerhalb der gesetzlichen und ethischen Grenzen zu betreiben, um Vorteile und Risiken zu erkennen. Diese seien natürlich auch für die somatischen Zellen etwa des Immunsystems umfassend zu prüfen, um ihr klinisches Potential auszuloten.

Damit erfüllt sich in etwa der Wunsch des Harvard-Stammzellforschers George Daley, der mit einem Ampelsystem veranschaulicht hatte, welche Anwendung vielleicht sinnvoll sei und welche nicht: „Ich hoffe, dass wir der Verlockung widerstehen, dorthin zu gehen, wohin wir nicht gehen sollten, uns aber nicht jetzt schon unsere Möglichkeiten beschränken, die Methoden als Hilfsmittel für die Medizin zu nutzen.“ Er glaubt nicht, dass das immer wieder zitierte Szenario einer schönen neuen Welt mit Designerbabys je eintrifft.

Weitere Informationen: http://nationalacademies.org/gene-editing/Gene-Edit-Summit/index.htm

Quelle: F.A.S.
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