Altes Ägypten

Was für eine Familie!

Von Ulf von Rauchhaupt
18.12.2010
, 19:40
Pharao Echnaton strebte nach dem Licht - aber dann ging etwas schrecklich schief. Zu Besuch bei einer rätselhaften Sippe.

Berlin. "Mein Gemahl ist tot, und ich habe keinen Sohn. Aber man sagt mir, Du hast viele Söhne. Wenn Du mir einen schickst, wird er mein Gemahl. Ich werde niemals einen meiner Diener heiraten ... Ich habe Angst." Wer hatte da Angst? Wer sandte diese verzweifelten Zeilen an Suppiluliuma I., den Großkönig der Hethiter? Überliefert sind sie in einem hethitischen Text, der die Frau nur Tahamunzu ("Königsgemahlin") eines ägyptischen Herrschers nennt. Welcher es war, wissen wir nicht. Aber er und auch seine Tahamunzu könnten auf dieser Seite zu sehen sein.

Sie zeigt einige der Portraits, die 1912 bei Ausgrabungen einer Bildhauerwerkstatt im mittelägyptischen Tell el-Amarna gefunden wurden und die heute im wiederaufgebauten Berliner Neuen Museum zu bewundern sind. Die Portraitierten sind alle Protagonisten einer der rätselhaftesten Episoden der ägyptischen Geschichte. Rätselhaft, obwohl - oder gerade weil - relativ viel aus dieser Zeit auf uns gekommen ist. Der Brief der Tahamunzu etwa. Oder die ebenfalls hethitisch überlieferte Reaktion Suppililiumas: Der schickte der Pharaonenwitwe tatsächlich einen Sohn, den Prinzen Zananza, der aber nach seiner Ankunft in Ägypten ermordet wurde. Wie es dazu kam und was danach aus der Tahamunzu wurde, das ist nur eines der Rätsel der späten 18. Dynastie Ägyptens, zwischen dem Tod Pharao Amenophis III. um das Jahr 1350 vor Christus und der Thronbesteigung des Haremhab etwa 30 Jahre später.

Wir haben Gold und DNA - und doch keine Ahnung

"Amarna-Zeit" heißt diese Epoche nach ihrer wichtigsten archäologischen Stätte, und vor allem für ihre Endphase ist die Quellenlage heikel - obwohl damals auch Tutanchamun regierte, dessen berühmter Grabschatz auch historisch überaus wertvoll ist. Neben seiner Mumie sind auch die sterblichen Überreste einiger anderer Mitglieder seiner Dynastie erhalten, an denen unlängst DNA-Untersuchungen vorgenommen wurde. Die Familie dahinter ist ein Rätsel für sich.

Wie in einem guten Krimi beginnt alles in einer geordneten Welt. Amenophis III. herrschte 37 Jahre über Ägypten. Neben mehreren Töchtern hatten er und seine Frau Teje auch zwei Söhne. Der ältere, Thutmosis, fungiert als erster Priester des Reiches. "Ein Traditionalist", sagt Dietrich Wildung, der emeritierte Direktor des Berliner Museums. "Allerdings stirbt Thutmosis vor seinem Vater. So wird der Weg frei für seinen Bruder, der damit seine eigene religiöse Vision verwirklichen kann." Amenophis IV. huldigt der Lichtgottheit Aton. Daneben sind alle anderen Erscheinungsformen des Göttlichen für den neuen Pharao bald überflüssig. Er verbietet ihre Kulte, nennt sich fortan Echnaton und lässt im Niemandsland von Amarna eine neue Hauptstadt aus dem Boden stampfen: In Achet-Aton ("Horizont des Aton") lebt er mit Gattin Nofretete und seinen Töchtern.

Noch im zweiten Monat seines zwölften Regierungsjahres ist für Echnaton alles in bester Ordnung. Dies ist das Datum der letzten Darstellung des Paares mit allen sechs Töchtern. Danach werden die Informationen aus dem Hause Echnatons schlagartig spärlicher und unerfreulicher. Im 14. Jahr sterben hintereinander die zweitälteste Prinzessin Maketaton und offenbar auch die beiden jüngsten Töchter, beide noch Kleinkinder. Um diese Zeit wird auch Nofretete das letzte Mal erwähnt. Von ihr ist kein Grab bekannt, keine Mumie und auch kein Relief mit Hinweisen auf Trauerfeierlichkeiten für die einst ubiquitär abgebildete Frau.

Das überrascht, aber auch sonst wird es unübersichtlich. Echnaton ist in seinem 17. Regierungsjahr zum letzten Mal bezeugt, und zwei neue Namen tauchen auf: ein König Semenchkare und eine Königin Neferneferuaton, die aber kaum mit Echnatons jüngster lebender Tochter Neferneferuaton Tascherit identisch ist. Außer der Existenz ihrer Namen ist so ziemlich alles an diesen beiden Figuren umstritten. Wer sie waren, ob sich hier bekannte Personen neue Namen gaben, in welcher Reihenfolge sie Echnaton beerbten, ob und inwieweit sie zuvor mit ihm zusammen regierten - zu alldem gibt es mindestens so viele Theorien wie Gelehrte.

Sicher ist allenfalls, dass die Herrschaft Semenchkares und Neferneferuatons insgesamt höchstens vier Jahre dauerte. Alles weitere ist Spekulation, der selbst gestandene Forscher mit Lust nachgehen. Die Theorien lassen sich in drei Gruppen einteilen: erstens die nüchternen, die hinter Neferneferuaton die Prinzessin Meritaton vermuten und hinter Semenchkare irgendeinen königlichen Cousin. Dann gibt es die romantischen Theorien. Eine lässt Echnatons Nebenfrau Kija unter neuem Namen den Thron besteigen, eine andere den Hethiterprinzen Zananza, und wieder eine andere glaubt, Nofretete sei nicht gestorben, sondern habe sich umbenannt und ihren Mann beerbt. Drittens gibt es die abstrusen Ideen, etwa die, Nofretete habe im Jahre 14 die Nase voll gehabt von ihrem immer mehr dem religiösen Wahn verfallenden Gatten und sei samt der jüngeren Töchter zu ihren Eltern nach Kreta gezogen, von wo sie angeblich stamme.

Klarer wird es erst wieder mit der Thronbesteigung eines neunjährigen Jungen namens Tutanchaton, dessen Hintermänner Echnatons theologische Revolution rückgängig machen. Achet-Aton wird verlassen, die alten Kulte, wie der des Gottes Amun, werden restauriert, und der Pharao heißt bald Tutanchamun. Aber wo kommt der Knabe her? Wenn er ein Sohn Echnatons war, warum fehlt er dann auf allen Darstellungen der Königsfamilie? Oder entstammt er Bemühungen Echnatons, mit einer anderen als der großen Königsgemahlin einen Erben zu zeugen? Einige Ägyptologen meinen, das habe er sogar mit seinen eigenen Töchtern versucht.

Wer ist der Mann im Grab KV55?

Inzest vergrößert den Raum für Spekulation. Doch keiner derer, die sich darin ergangen haben, rechnete mit dem, was die im Februar 2010 im Fachjournal JAMA publizierte Mumienuntersuchung ergab. Demnach war Tutanchamun Enkel Amenophis III. und der Teje sowie Sohn des Mannes, dessen Knochen in dem Grab KV55 gefunden wurden, und dessen Schwester. Aber ist der Tote aus KV55 Echnaton? Manches, vor allem der Sarg, wies bislang darauf hin, die Knochen aber auf einen Mann, der keine 25 Jahre alt wurde und damit nicht Echnaton sein kann.

Die Autoren des JAMA-Artikels haben die Knochen aus KV55 nun zum ersten Mal in einen Computertomographen (CT) gelegt. "Unsere Untersuchung hat gezeigt, dass die Knochenentwicklung eher der eines 35- bis 40jährigen entspricht", sagt Albert Zink vom Mumieninstitut in Bozen und einer der Autoren. Die Widerstände mancher Ägyptologen dagegen dürften sich verflüchtigen, wenn diese CT-Altersbestimmung im Detail publiziert ist. Zumal es nach Aussage von Zinks Teamkollegen Carsten Pusch auch Hinweise auf eine zweite Einbalsamierung gibt. Da drängt sich auf, die Mumie Echnatons könnte bei der Zerstörung seiner ersten Grablege in Amarna geschändet und dann für eine zweite Beisetzung in dem Notgrab KV55 restauriert worden sein.

Ein behindertes Kind wurde totgeschwiegen

Auf Echnaton als dessen Grabherrn weist auch, dass der Tote leiblicher Sohn Amenophis III. und der Teje war - sofern die Genanalysen stimmen. Ein alternativer Kandidat, etwa Semenchkare, müsste dann ein Vollbruder Echnatons gewesen sein, der vor der Endphase Amarnas nie in Erscheinung getreten ist - ein ähnliches Problem wie bei Tutanchamun. Bei dem immerhin bietet die Verkrüppelung, die der CT diagnostiziert hat, eine Erklärung an, warum er auf Bildern der Amarna-Familie fehlt, obwohl er Echnatons Sohn war: "Als behindertes Kind wurde er totgeschwiegen", vermutet Dietrich Wildung, der schon vor Jahren bei Bildanalysen auf Hinweise für eine Gehbehinderung des Kindkönigs stieß.

Tutanchamuns Leiden mag eine Inzestfolge gewesen sein. Der Tod der beiden ungeborenen Mädchen, die man als kleine Mumien in seinem Grab fand, vielleicht auch. Nach den DNA-Analysen sind es seine Kinder mit der Frau der Mumie KV21A. Dabei dürfte es sich dann um Echnatons Tochter Anchesenpaaton, nachmals Anchesenamun, handeln, mit der Tutanchamun vermählt war. Nach den Genanalysen wäre sie seine Halbschwester gewesen. Seine Geschwisterehe und die seines Vaters können dabei nur Ausdruck einer dynastischen Krise am Ende der Amarna-Zeit sein. Denn die verbreitete Vorstellung, Inzest sei bei Pharaonen normal gewesen, um das "königliche Blut rein zu halten", ist ein Mythos, wie schon die Beispiele Teje und Nofretete zeigen.

Wer war die Tahamunzu?

Wie tief jene Krise war, bezeugt auch der Brief der Tahamunzu. Dabei kann es sich entweder um Anchesenamun handeln, die sich nach dem Tod Tutanchamuns mit der Aussicht konfrontiert sah, "einen Diener" ehelichen zu müssen - nach Lage der Dinge Haremhab oder Eje. Oder der Brief wurde bereits von der Witwe Echnatons abgefasst, wer immer das war, eine doch noch lebende Nofretete oder ihre Tochter Meritaton. Das aber passt nicht recht zu dem Befund der JAMA-Studie, nach der es zu diesem Zeitpunkt sehr wohl einen männlichen Thronerben gab, nämlich Tutanchamun.

Doch ist es genau diese zweite Lösung der Tahamunzu-Frage, die sich nun abzeichnet. Der Mün-chner Hethitiloge Jared Miller hat 2005 eine Texttafel rekonstruiert, auf der von Vorfällen in der Levante die Rede ist, die gut zehn Jahre nach dem Tod Suppiluliumas I. stattgefunden haben müssen. Sein Nachfolger Mursili II. wendet sich darin an einen ägyptischen General, bei dem es sich nach Miller nur um Haremhab handeln kann, als er noch nicht Pharao war, sondern im Namen Tutanchamuns Ägyptens Interessen in Syrien wahrte. Da Suppiluliuma aber zu dieser Zeit bereits tot war, kann es nicht Tutanchamuns Witwe gewesen sein, die an ihn schrieb, sondern nur die des Echnaton oder allenfalls des schattenhaften Semenchkare. Aber warum jagte dieser Frau die Vorstellung eines kleinen behinderten Jungen auf dem Thron solche Angst ein, dass sie sich lieber einen Hethiter ins Land holte?

"Wir können auf solche Fragen keine Antwort geben", sagt Dietrich Wildung. "Nicht ohne zusätzliches Material. Das kann aus Grabungen kommen oder irgendwo in einem Museumsmagazin auftauchen." Bis dahin bleibt, sich dem Personal von Amarna auf einer psychologischen Ebene zu nähern, so wie einst Thomas Mann, dem die Berliner Portraits für etliche Figuren seines Josephsromans Modell standen. Was dem Dichter etwa zu einer Reliefskizze Echnatons einfiel, sagt vielleicht mehr über den lichtfrommen Pharao und vielleicht sogar über das Scheitern von Amarna als manche gelehrte Spekulation: Für Echnaton, schreibt Thomas Mann, "war das Weltganze augenscheinlich etwas zu viel; seine Kräfte schienen zu zart dafür, er trug zu schwer daran."

Literatur:

Jared L. Miller, Altoriental. Forsch. 34 (2007) 2, 252-293; Alfred Grimm, "Das Sonnengeschlecht. Berliner Meisterwerke der Amarna-Kunst in der Sprache von Thomas Mann", Mainz 1993

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Rauchhaupt, Ulf von (UvR)
Ulf von Rauchhaupt
Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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