Paläoanthropologie

Steineklopfende Flachgesichter

Von Ulf von Rauchhaupt
20.05.2015
, 19:00
In Kenia haben Forscher Steinwerkzeuge entdeckt, deren Alter sie auf 3,3 Millionen Jahren bestimmen, 700 000 Jahre älter als die frühesten bisher bekannten. Damit können sie kaum von Menschen angefertigt worden sein - wenn denn die Datierung stimmt.

Der Mensch wüsste nur zu gerne, seit wann es ihn gibt. Doch im Kontext der modernen Evolutionsbiologie ist eine Antwort heikel, erst recht, wenn von den möglichen Vorfahren, denen man gerne ansähe, ob ihnen das Menschsein nun zu- oder abzusprechen ist, nur bröselige Skelettreste übrig sind. Hat erst die vergleichsweise große Schädelkapsel der Gattung Homo, die vor 2,8 Millionen Jahren zum ersten Mal bezeugt ist, den entscheidenden Unterschied gemacht? Oder bereits der aufrechte Gang der Australopithecus-Dame „Lucy“, die vor 3,2 Millionen Jahren durch Ostafrika spazierte?

Mehr als von der Anatomie darf man sich von der Archäologie erhoffen. Angefertigte Gegenstände, und seien es nur zurechtgeklopfte Steine, dürfen mit gewissem Recht als Zeugnis von Wesen gelten, die das Tierreich im engeren Sinn verlassen haben. Wobei auch dieses Kriterium heikler geworden ist, seit man weiß, dass durchaus auch Tiere, und keineswegs nur Primaten, zu planvoller Manipulation ihrer materiellen Umwelt in der Lage sind. Doch auch wenn Schimpansen Steine zum Nüsseknacken aufeinanderschlagen, so ist das gezielte Zerbrechen eines Kiesels zur Erzeugung einer nützlichen scharfen Kante auch bei ihnen noch nicht beobachtet worden.

Die bisher ältesten solcher Steinwerkzeuge, die eindeutig zu datieren sind, wurden zuerst von Louis Leaky, einem kenianischen Forscher britischer Abstammung, in der Olduvai-Schlucht in Tansania gefunden. Jene Schlucht gab dem Olduwan den Namen, der bis dato frühesten, archäologischen Kultur. Die ältesten Olduwan-Funde sind 2,6 Millionen Jahre alt, könnten also durchaus von frühen Vertretern unserer Gattung Homo angefertigt worden sein.

Doch nun beschreibt ein 21-köpfiges Forscherteam um die Französin Sonia Harmand von der Stony Brook University im Staat New York im Wissenschaftsmagazin „Nature“ die Entdeckung von insgesamt 149 Steinbrocken an einer Stelle namens „Lomekwi 3“ oberhalb des Westufers des Turkana-Sees in Kenia. Ihr Alter bestimmten sie auf 3,3 Millionen Jahre - nach bisherigem Wissen deutlich zu früh, um von Angehörigen unserer eigenen Gattung zu stammen.

Ist das nicht bloß zufällig zersplittertes Geröll?

Entsprechend groß war die Aufmerksamkeit bereits vor vier Wochen, als Harmand die Funde auf einer Fachtagung in San Francisco vorstellte. „Allerdings ohne Geologie und Datierung zu untermauern“, erinnert sich Tim White von der University of California in Berkeley, der selbst in Äthiopien gräbt und an einigen der wichtigsten Entdeckungen der modernen Paläoanthropologie beteiligt war, darunter auch die stammesgeschichtliche Einordnung von „Lucy“.

Geologie und Datierung sind bei solchen Funden das größere Problem als die Frage, wie man denn einem Felsbrocken ansehen könne, ob er das Produkt einer planvollen Herstellung ist. „Die Artefakte weisen klare vorsätzliche Abschläge auf“, sagte Harmand bereits in San Francisco einem Reporter des Magazins „Science“. „Sie sind nicht das Ergebnis zufälligen Zerbrechens von Steinen.“ In einem Fall fand das Team um Sonia Harmand zu einem Abschlag auch noch den passenden Kernbrocken. Insgesamt wurden die Steine teilweise auf ähnliche Art bearbeitet wie die Werkzeuge des Olduwan, sind oft allerdings auffallend größer und wurden auch durch bloßes Zusammenschlagen bearbeitet. Aufgrund solcher Unterschiede und der zeitlichen Lücke zum Olduwan von gut 700 000 Jahren, schlagen Harmand und ihre Mitarbeiter vor, hier von einer eigenen Werkzeugkultur zu sprechen, dem „Lomekwian“.

Welche Frühmenschenart sich diese Brocken zurechtgeklopft haben könnte, dazu haben die Autoren der „Nature“-Veröffentlichung offenbar auch eine Idee, versäumen sie doch nicht, zu erwähnen, dass 1999, ebenfalls im Lomekwi-Areal ein zwischen 3,2 und 3,5 Millionen Jahre alter, allerdings stark fragmentierter Schädel gefunden wurde. Die Entdeckerin Meave Leaky, die Schwiegertochter von Louis Leakey, interpretierte sie als Spezies einer eigenen Hominidengattung und taufte sie Kenyanthropus platyops (etwa: Kenia-Mensch Flachgesicht), doch diese Interpretation ist kontrovers. Andere Forscher, darunter auch Tim White, sehen in jenem Schädel nichts anderes als den plattgedrückten Kopf eines Australopithecus.

Dass Sonia Harmand die Flachgesichter als mögliche Urheber der nun gefundenen Werkzeuge ins Spiel bringt, ist indes kein Wunder. Meave Leakey ist ihre Kollegin am Anthropologie-Department der Stony Brook University - und Meaves Tochter Louise eine Koautorin der „Nature“-Veröffentlichung.

Nur 19 Steine sind überhaupt relevant

Doch selbst, wenn hinter der Lomekwian-Kultur ein ordinärer Australopithecus stünde, wäre die Entdeckung eine veritable Sensation - vorausgesetzt die Datierung stimmt. Doch daran hat Tim White nun, da die Sache ordnungsgemäß veröffentlicht ist, erhebliche Zweifel. „Ich bin überrascht und enttäuscht, wie lückenhaft die Belege für die Behauptungen sind“, sagt White. Das beginne damit, dass 130 der 149 Steinwerkzeuge in Lomekwi 3 an der Oberfläche gefunden wurden und damit gar nicht datierbar sind. „Die können irgendwann hergestellt worden sein, vielleicht erst vor ein paar Jahren von durchziehenden Nomaden. Dergleichen finden wir in den Wüstengebieten Ostafrikas dauernd.“

Die Datierung des Harmand-Teams stützt sich also auf 19 Objekte, die in situ, also in ihrer natürlichen Lage, im Sediment, ausgegraben wurden. Laut White kommen gerade diese Steine auf den Abbildungen der Veröffentlichung weit weniger eindeutig als künstlich erzeugte Werkzeuge in Frage. Größere Sorgen aber macht ihm ihr mutmaßliches Alter.

„Schludrige Geologie“

Datiert werden dann die Ablagerungen und zwar durch über und unter den Fundschichten befindliche Lagen von Vulkanasche, deren Alter sich aus Spuren natürlicher radioaktiver Zerfälle bestimmen lassen - oder anhand von magnetischen Partikeln im Boden, in denen sich die Muster der geomagnetischen Schwankungen im Laufe der Erdgeschichte erhalten haben. Hinzu kommen Annahmen darüber, wie schnell sich die Sedimente angehäuft haben.

Doch an Lomekwi 3 selber gibt es keine datierbare Asche, nur an Stellen nördlich und südlich, die 1400 beziehungsweise 400 Metern vom Fundort der in-situ-Stücke entfernt sind - und auch nur unterhalb des Fundhorizonts, nicht darüber. Für alles Weitere, so bemängelt White, würden die Autoren Sedimente an verschiedenen Stellen vergleichen, aber sich nicht um die dramatischen Unterschiede in Dicke und Lage der Schichten kümmern. „Die Autoren der Studie scheinen die Sedimente über Kilometerdistanzen hinweg anhand einer Schicht Kieselkonglomerat zu korrelieren, die sie an der Grabungsstelle finden, geben aber keinen Beleg dafür, dass es nur eine solche Schicht gibt“, ärgert sich White. „Das ist ein Musterbeispiel für schludrige Geologie.“

Das bedeutet nicht, dass die Steine nicht tatsächlich so alt sind, wie Harmand und Kollegen behaupten, sondern nur, dass dies alles andere als erwiesen ist. Laut Tim White müsste man das Alter der Schichten am Fundort nun durch darin vorkommende Fossilien von Lebewesen datieren, deren Verbreitung zu bestimmten Zeiten bekannt ist. „Ich sehe nicht, dass das hier versucht worden wäre“, sagt White. „Unterm Strich - und ohne die originalen Steine oder den Fundort mit eigenen Augen gesehen zu haben - halte ich sowohl die Identifikation der in-situ gefundenen Steine als von Hominiden hergestellte Werkzeuge als auch deren Datierung für dubios. Und das wird wohl so bleiben, bis Beweiskräftiges zum Vorschein kommt.“

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Rauchhaupt, Ulf von (UvR)
Ulf von Rauchhaupt
Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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